Kolumne vom Meterologen Dominik Jung

Super El Niño bahnt sich an, mit weltweitem Schadenspotenzial – auch in Europa

Im Pazifik baut sich ein Wärmepotenzial auf, das laut NOAA eine 61-prozentige Wahrscheinlichkeit für El-Niño-Bedingungen hat. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.

Seit Jahresbeginn registrieren Messbojen des internationalen TAO/TRITON-Netzwerks auffällig warme Wassermassen in Tiefen bis 300 Meter, die sich in Richtung der südamerikanischen Küste verlagern. Gleichzeitig schwächeln die äquatorialen Passatwinde messbar – ein klassisches Vorzeichen der ENSO-Warmphase.

Immer öfter kommt es auch im Sommer zu Extremwetterereignissen, die in Deutschland zu Hochwasser führen.

Der NINO3.4-Index, das entscheidende Referenzmaß im zentralen äquatorialen Pazifik, hat die neutrale Zone erreicht und zeigt einen robusten Aufwärtstrend. Die Frühjahrsbarriere – die notorisch schwierige Vorhersageperiode von März bis Juni – erschwert präzise Langfristaussagen, doch der wissenschaftliche Konsens ist eindeutig: Ein El-Niño-Ereignis in diesem Jahr gilt als wahrscheinlich.

Global massive Folgen – regional aber differenziert

Ein starkes El-Niño-Ereignis verändert das globale Zirkulationsmuster erheblich. Die Walker-Zirkulation – das tropische Antriebssystem der planetaren Atmosphäre – schwächt sich ab, was den Jetstream über dem Nordpazifik nach Süden drückt und Sturmbahnen weltweit verschiebt.

Konkret bedeutet das: Verheerende Überschwemmungen an der Westküste Südamerikas, ausgeprägte Dürren in Indonesien, Australien und im südlichen Afrika, intensivierte Starkregenereignisse am Horn von Afrika. Die globale Mitteltemperatur dürfte durch den ozeanischen Wärmeeintrag 2026/2027 neue Rekordwerte erreichen – Klimaforscher rechnen mit einem Sprung auf 1,7 °C über dem vorindustriellen Niveau.

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Polarlichter, auch als Aurora Borealis (Nordlicht) oder Aurora Australis (Südlicht) im Bundesstaat New York.
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Was das für Deutschland konkret heißt

Hier ist meteorologische Präzision gefragt: Der direkte teleconnective Einfluss von El Niño auf Mitteleuropa ist physikalisch schwach. Europa liegt, atmosphärisch gesehen, am Ende einer langen Signalkette. Das pazifische Signal wird auf dem Weg über Nordatlantik und Jetstream durch die eigene, starke atlantische Variabilität weitgehend überlagert. Wenn überhaupt, erhöht El Niño die Wahrscheinlichkeit für eher nasse und kühle Phasen in Zentraleuropa – nicht für Hitzesommer. Man kann sogar sagen: Das El-Niño-Signal ist in Deutschland so schwach, dass es kaum aus dem normalen Wetterrauschen heraussticht.

Dennoch wäre Entwarnung falsch. Indirekte Effekte sind real: Erhöhte Nordatlantik-Meerestemperaturen in Kombination mit einem El-Niño-Signal können die Wahrscheinlichkeit für anomal warme Sommer in Mitteleuropa statistisch erhöhen. Extremwetterereignisse wie Starkregen oder Hitzewellen – die Art von Ereignis, die 2021 das Ahrtal verwüstete – entstehen nicht durch El Niño, sondern durch blockierende Großwetterlagen in Kombination mit dem durch den Klimawandel erhöhten Energieniveau der Atmosphäre.

Ein Super-El-Niño würde dieses Energieniveau weiter anheben und damit das Schadenspotenzial solcher Ereignisse global und auch regional verschärfen – ohne dass man seriöserweise von einem direkten Kausalzusammenhang sprechen könnte.

Rubriklistenbild: ©  IMAGO / Andreas Stroh

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