Erstes "Little Home" fast fertig, aber wo darf es hin?

„Little Home“ im Rohbau. Dank etlicher Helfer nahm gestern auf dem Vorplatz der St.-Agnes-Kirche ein Mini-Zuhause für Obdachlose Gestalt an.
+
„Little Home“ im Rohbau. Dank etlicher Helfer nahm gestern auf dem Vorplatz der St.-Agnes-Kirche ein Mini-Zuhause für Obdachlose Gestalt an.

Hamm-Mitte -  Das erste "Little Home“ in Hamm, ein Mini-Holzhaus für Obdachlose, ist so gut wie fertig. Heute, am Freitag, sind die Restarbeiten gegen 10 Uhr fortgesetzt worden. Baustart war am Donnerstag mit einer Open-Air-Bauwerkstatt auf dem Platz vor der St.-Agnes-Kirche. Die Initiatoren suchen dringend Flächen im Innenstadtbereich, wo die "Little Homes" aufgestellt werden können.

Etliche ehrenamtliche Helfer fassten am Donnerstag mit an und bauten die vorgefertigten Teile zusammen. Einige wenige erledigen am Freitag die Restarbeiten, kümmern sich vor allem um die Innenausstattung. Der Anstrich des Mini-Holzhauses muss allerdings voraussichtlich noch an einem anderen Tag vorgenommen werden

Das erste "Little Home" wird zunächst in der St.-Agnes-Kirche aufgestellt. Für die nächsten Wochen, sagt Initiator und Humanitas-Vorsitzender Werner Kaßen. Dort stehe erst einmal nur zur Ansicht. Denn ein Problem muss noch gelöst werden. Und dabei sind er und die Mitstreiter auf die Unterstützung angewiesen. Standorte für die Little Homes werden gesucht. "Die Politiker sagen 'nein' zu den 'Little Homes'", erklärt Kaßen. "Sie sagen, es gebe genug Plätze in der Stadt für Obdachlose." Die Einrichtungen werden aber offenbar von Hilfesuchenden abgelehnt. "Wir als Organisatoren suchen daher dringendst einen Platz in der Stadtmitte", sagt Kaßen. Denn weite Wege zum Schlafplatz können die Obdachlosen nicht zurücklegen. "Gesucht werden Privatplätze, etwa einer Kirchengemeinde oder von Bauunternehmen oder ähnliches, gesucht werden Leute die sagen: Hier habt ihr einen Platz, hier könnt ihr zwei bis drei Hütten aufbauen."

Kontakt über Humanitas, Telefon 9721861 (Werner Kaßen)

Wie wichtig das Projekt "Little Home" den Obdachlosen ist, zeigte bereits am Donnerstag die Teilnahme auch von Menschen ohne festen Wohnsitz und Dach über dem Kopf an der Open-Air-Bauwerkstatt, aber auch weitere Ehrenamtliche packten mit an: Ola Wotzka ist mit ihrer Tochter Claudia (22) und ihrem Sohn Dominik (20) gekommen, um mit zu schrauben und zu bohren. Berührungsängste mit Werkzeug und Material haben sie keine. „Wir halten das für eine gute Aktion“, sagt Ola Wotzka. „Wir wissen, wie kalt es draußen ist.“ „Ich bin optimistisch, dass sich jemand findet, auf dessen Grundstück das Haus stehen kann“, ergänzt Tochter Claudia, die ansonsten im 7. Semester Design- und Projektmanagement an der Fachhochschule in Soest studiert.

Vier Jahre auf der Straße gelebt

Harry (46), dessen Nachname ungenannt bleibt, fasst mit an, „weil mir die Leute sehr wichtig sind“. Wenn er von Obdachlosigkeit redet, weiß er genau, was das bedeutet. In Göttingen lebte der 46-Jährige selbst vier Jahre auf der Straße, bestritt den Tag mit Alkohol und war ohne lange Lebensperspektive. Dann habe er sich selbst für eine Entgiftung und Reha entschieden. Im September kam er nach Hamm in die „Release“-Fachklinik für Entwöhnung. Heute hat er das, was einige der Beobachter am Rande der Baustelle nicht haben: Harry lebt wieder in einem festen Mietverhältnis. Zurzeit sucht er Arbeit.

Rund 30 "Little Homes" gebaut

Auch Sven Lüdecke, Vorsitzender von Little Home e.V. in Köln, ist angereist und fasst mit an. Lüdecke erklärt den Helfern, wann welche Arbeitsschritte sinnvoll sind. An die 30 "Little Homes“ hat der Verein bisher gebaut. Heute wird sich die Zahl noch einmal erhöhen, denn auch in Nürnberg hat sich ein Ableger gegründet, den Lüdecke beim Bau unterstützt.

Weitere Artikel zum Thema "Little Homes" hier klicken!

Humanitas-Vorsitzender Werner Kaßen, der den Bau des Mini-Zuhauses initiiert hat, ist zufrieden mit der Resonanz aus der Bevölkerung. „Aus der Politik ist allerdings niemand erschienen“, bemängelt Kaßen. 

Michael (45), der sein letztes Mietverhältnis 2012 hatte, beobachtet das Geschehen aus der Ferne. Frisch operiert nach einem Oberschenkelhalsbruch ist er ohne Bleibe und schläft draußen. „In die städtische Unterkunft an der Dortmunder Straße kann man nicht gehen“, sagt er. Das Mini-Holzhaus würde er sofort nehmen. Für den Winter sieht er wenig Perspektive, außer „Arsch abfrieren“.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare