„Ich muss wieder zurück“
Vitaliy Berestyan flieht aus Kiew nach Hamm und sendet verzweifeltes Signal
Vitaliy Berestyan ist aus der Hölle von Kiew entkommen. Vier Tage ist der 38-Jährige mit dem Auto gefahren und am Montag wieder bei sich zu Hause im Hammer Norden angekommen.
Hamm/Kiew – Seine Frau und die beiden noch kleinen Kinder saßen mit ihm in dem alten Opel Vectra, den ihm sein Bruder (50) in Kiew überlassen hatte. Und die 20-jährige Nichte, die sich nun ebenfalls in Hamm in Sicherheit befindet. Aber Vitaliy Berestyan denkt nicht an Sicherheit, nicht an eine Atempause. „Ich muss wieder zurück. So schnell wie möglich“, sagt er. Und das meint er sehr ernst. (Hier klicken für unser Sonderressort zum Ukraine-Krieg.) (Sonderressort „Hamm und der Ukraine-Krieg“: hier klicken.)
Am Dienstag begegnen wir uns im WA-Medienhaus. Vitaliy Berestyan ist übernächtigt, doch sein Körper scheint literweise Adrenalin auszuschütten. Hektisch wischen seine Finger über das Smartphone. „Sie werden auf die Zivilbevölkerung schießen. Sie werden dort alle töten“, sagt er.
Das Handy-Video
Dann findet er das Handy-Video, das derzeit im Netz unter Ukrainern die Runde macht. Zu sehen ist ein Privat-Pkw im ukrainischen Niemandsland. Gefilmt wird von drinnen. Es sollen russische Soldaten sein, die die Insassen nach draußen zerren. Man kann sie nicht sehen. Schüsse fallen. Es ist eine Salve aus einer Maschinenpistole. Der, der filmt, wird hinten aus dem Wagen gezerrt. „Papaa“, schreit er und kann kurz noch die Handykamera über das Fahrzeugheck hinweg heben. Dort liegt mindestens eine Person am Boden. Offenbar tot. Erschossen. Der Film bricht ab.
Der Peilsender
Für Vitaliy Berestyan ist das einer der Beweise, dass die Russen bei ihrem Angriffskrieg nicht vor der Zivilbevölkerung haltmachen. Er zeigt weitere Fotos, die er selbst in Kiew gemacht hat. Frauen stehen da auf offener Straße und basteln Molotowcocktails. Und dann ein Bild aus der Nachbarschaft seines Bruders. Auf dem Boden liegt ein kleines rot-weißes Ding. „Das ist ein Peilsender für die russischen Raketen. Damit die ihre Ziele finden. Er ist batteriebetrieben“, sagt er. Saboteure hätten das teuflische Ding verteilt. Sein Bruder wohne etwa drei Kilometer vom Flughafen entfernt. Der Bruder habe den Sender vor wenigen Tagen gefunden.
Die Mission
Für den 38-Jährigen steht fest, dass humanitäre Hilfen für die Zivilbevölkerung allein nicht ausreichen werden. „Die Leute brauchen unbedingt schusssichere Westen. Und Helme. Und sie brauchen Wasseraufbereitungsanlagen.“
Vitaliy Berestyan ist von dieser Idee besessen. Keine 24 Stunden nach seinem Höllentrip zurück nach Hamm ist er den ganzen Morgen schon unterwegs gewesen: bei der Polizei, im Rathaus, bei der Bundeswehr, in der CDU-Geschäftsstelle. Überall hat er vorgetragen, dass er Schutzwesten und Helme nach Kiew bringen wolle. Man solle ihm die Geräte zur Verfügung stellen. Der Transport sei kein Problem. Er werde die Dinge nach Kiew hereinbringe. Man habe ihm sogar Geleitschutz zugesagt.
Sie werden auf die Zivilbevölkerung schießen. Sie werden dort alle töten.
Doch er hatte sich eine Absage nach der nächsten abgeholt. Man könne solche Dinge nicht einfach herausgeben, sei ihm beispielsweise von der Polizei gesagt worden. Vitaliy Berestyan versteht das, und er versteht es doch nicht. Es müsse doch jetzt schnell gehen. Ein 60 Kilometer langer russischer Panzerkonvoi rolle schließlich auf Kiew zu. „Was nützt es, Decken und Verbandsmaterial bereit zu halten, wenn vorher schon alle tot sind.“
Im Internet werden kugelsichere Westen gehandelt. Eine kostet 200 Euro. Das ist Geld, das er nicht hat. Ob man nicht sammeln kann, ob wir als Zeitung weiterhelfen können, fragt er verzweifelt. Zumindest bis zum Abend können wir ihm keine zufriedenstellende Antwort liefern.
Die Flucht
Vitaliy Berestyan lebt seit 1998 in Deutschland und hat einen deutschen Pass. Mitte Februar war er mit seiner Familie nach Kiew geflogen. Es war ein schöner Anlass, der dort gefeiert werden sollte: Ein naher Verwandter seiner Frau hatte heiraten wollen. Die Heirat fiel krankheitsbedingt ins Wasser. Dann kam der Krieg. Berestyan sah, wie er sagt, mit eigenen Augen, wie zwei russische Raketen auf dem Flughafengelände einschlugen. Ausreisen mit dem Flugzeug waren daraufhin passé. Die Nacht zu Freitag verbrachte er mit seiner Familie in Kiew in einem Keller. Dann fuhr er mit dem Opel Vectra seines Bruders los und nahm auch dessen Tochter mit.
Sein Bruder muss in Kiew bleiben und die Stadt verteidigen. Ein weiterer Bruder lebt in Russland und steht ganz auf Putins Seite. „Der glaubt tatsächlich die Putin-Propaganda, dass in der Ukraine nur Faschisten leben. Aber die gibt es dort nicht. Es ist ein Drama.“
