Frankfurter-Rundschau-Interview

„Wir hatten 50 Jahre auf unsere Heimat gewartet“: Was Putins Besetzung für die Krim bedeutet

„Wir waren verloren“: Seit rund zwölf Jahren besetzt Russland die Krim. Zwei krimtatarische Bewohner erklären im Interview die Folgen.

Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine begann lange vor dem Februar 2022: im Donbass – und auf der Krim. 2014 übernahmen die mittlerweile sprichwörtlichen „grünen Männchen“ die Kontrolle über die Halbinsel. Heute gilt die Krim vielen in Deutschland als eine Art Sonderfall – als jener Landstrich, der Russland noch am ehesten zu überlassen sei. Zwei unmittelbar Betroffene widersprechen im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media vehement.

Ein Wandbild im Simferopol verherrlicht die Annexion der Krim – Ilimdar Hodzhametov (li.) und Muslim Umierov schildern die Folgen der Besatzung.

Ilimdar Hodzhametov und Muslim Umierov sind schon äußerlich zwei sehr unterschiedliche Männer. Hodzhametov, langer Bart und Uniform, ist Soldat der ukrainischen Armee und Unternehmer – Muslim Umierov, in legerem Hemd, arbeitet als Journalist. Gemeinsam haben sie: Beide protestierten schon 2014 gegen die russische Besetzung der Krim. Und beide sind Krimtataren. Die muslimische Gruppe ist ein indigenes Volk der Krim, sie hat mit dem Krimtatarischen eine eigene Sprache. Die Sowjetunion deportierte einst unzählige Krimtataren nach Zentralasien.

Erst um das Jahr 1990 kehrten viele in ihre Heimat zurück. Unter schwersten Bedingungen, wie der in Usbekistan geborene Hodzhametov schildert. „Wir hatten kein Haus. Wir haben ein Stück Land besetzt, Pflöcke eingeschlagen und einen Wohnwagen aufgestellt. Oma, Opa, Mama, mein Bruder und ich – fünf Menschen auf zweieinhalb mal sechs Metern.“ Erst gegen Ende der 90er-Jahre habe sich dank harter Arbeit die Lage gebessert. Bis die russische Besetzung alles veränderte: Nach Angaben der ukrainischen Regierung waren 2025 60 Prozent der politischen Gefangenen auf der Krim Krimtataren. Trotz eines Bevölkerungsanteils von nur rund 15 Prozent.

Krimtatarische Partisanengruppen sind bekannt für ihren Widerstand auf der Halbinsel. Hodzhametov kämpft indes nach einer Kampfverletzung wieder für die ukrainische Armee. Früher in einem krimtatarischen Bataillon im Donbass. Solche Einheiten gebe es aber nicht mehr, erklärt er – auch aufgrund der Sorge, dass Russland diese Einheit gezielt ins Visier nimmt. Probleme erlebt er auch abseits des Krieges, wie er sagt. Auf dem Weg nach Berlin erklärte ihm eine polnische Zöllnerin: „Wir sind so müde von euch und eurem Krieg, geht doch dahin, wo ihr herkommt.“ Das habe ihn sehr geschmerzt, sagt Hodzhametov. „Ich habe mich zwei Stunden hingesetzt und versucht, ihr diesen Schmerz zu erklären.“

„Russland war schon immer ein chauvinistisches Land – die Ukraine hat uns geholfen“

Herr Hodzhametov, Herr Umierov. Sie waren 2014 auf der Krim – wie haben Sie die russische Übernahme erlebt?
Ilimdar Hodzhametov: Ich war damals direkt beim Parlament, dort gab es Auseinandersetzungen mit prorussischen Bewegungen. Als dann russische Soldaten auftauchten, war ich in Simferopol und habe protestiert. Wenig später begannen sie aber, beteiligte Aktivisten anhand von Videos zu verfolgen. Der FSB hat mich zwei Tage lang festgehalten – bis ich in die Ukraine ausreisen konnte und dem Krim-Bataillon im Donbass beigetreten bin.
Muslim Umierov: Anders als Ilimdar gehöre ich der Generation der Krimtataren an, die schon auf der Krim geboren wurden. Aber auch meine Eltern sind 1990 zurückgekehrt. Sie haben ebenfalls all diese Schwierigkeiten erlebt – aber ich habe eine ukrainische Schule besucht und ab 2014 an der ukrainischen Universität in Simferopol Krimtatarisch und Türkisch studiert. Damals träumte ich von Bildungs- und Unterhaltungsmedien-Projekten. Aber seit 2014 wusste ich, dass ich für Nachrichtenmedien arbeiten muss. Um sowohl der Ukraine als auch der Welt zu erzählen, was mit der Krim und den Krimtataren geschieht. Von Kiew aus. Mir wurde schnell klar, dass es auf der Krim keine Medienfreiheit mehr geben würde.

Heftiger Angriff auf Kiew: Die Bilder der Zerstörung

Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Heftiger Angriff auf Kiew: Die Bilder der Zerstörung
Sie haben beide mehr oder minder unmittelbar gegen die Besatzung protestiert. Warum?
Umierov: Wir, als junge Generation, die bereits in der Ukraine aufgewachsen ist, kennen keinen anderen Weg als die Ukraine.
Hodzhametov: Ich war früher oft in Russland unterwegs, auch in Tschetschenien, in den Jahren 1994, 1995. Russland war schon immer ein chauvinistisches Land. Die Ukraine war dagegen sehr frei. Und die Ukrainer stehen uns sehr nahe. Gerade sie haben uns geholfen. Das ist sozusagen die Seele der Ukraine.
2014 gab es Proteste, aber keine militärische Auseinandersetzung. Warum?
Hodzhametov: Ich habe schon 2013 am Maidan in Kiew teilgenommen, wegen der Frage „Europa oder Russland“. Damals, zu Zeiten des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch, arbeitete der FSB sehr stark auf der Krim, die Informationen dort waren prorussisch. Die Ukraine war schwach. 2014 auf der Krim musste die mittlere Verwaltungsebene Entscheidungen treffen – aber sie war dazu nicht in der Lage; nicht zu militärischen Beschlüssen. Genau deshalb geschah so vieles auf der Krim ohne Krieg, wie Sie richtig sagen.
Was hat die russische Machtübernahme für die Menschen auf der Krim bedeutet?
Hodzhametov: Auf der Krim waren wir als Vertreter einer proeuropäischen, proukrainischen Einstellung verloren. Der FSB suchte sich gezielt Aktivisten aus, um sie einzuschüchtern. Wir hatten 50 Jahre lang auf unsere Heimat gewartet. Um dort zu bleiben, wie schwer es auch sei. Aber dann sperrte man uns ein, man entführte uns, man misshandelte uns. Der FSB sperrt Menschen grundlos ein, um unser Volk aufzuschrecken. Aber die Krim ist unsere Heimat. Wir hatten praktisch keine andere Wahl, als Russland Widerstand zu leisten.
Umierov: Ich möchte darauf hinweisen, was mit der krimtatarischen Sprache passiert. Eltern werden aufgefordert, auf den Unterricht ihrer Kinder in der Sprache zu verzichten. Viele unserer Verwandten vor Ort erzählen, wie schwierig der Unterricht nach der Besatzung und der Vollinvasion ist. Jeden Tag heißt es in der Schule, Russland sei das Wichtigste und die Ukraine der Feind. Natürlich wollen Eltern ihren Kindern die Wahrheit erzählen. Aber sie haben Angst, dass ihre Kinder vielleicht etwas „Falsches“ sagen – und dann Verhöre und Bußgelder drohen. Die Krimtataren stehen besonders im Fokus. Auch in Bezug auf Religion wird alles kontrolliert.

Putins Militarisierung: „Die Menschen, die im Donbass und auf der Krim bleiben, werden gegen uns kämpfen“

Wie sieht das aus?
Umierov: Wer religiös sehr aktiv ist, muss zum Beispiel damit rechnen, dass ihm oder ihr zum Beispiel ein Buch untergeschoben und daraus dann eine Straftat konstruiert wird.
Herr Hodzhamentov, Sie haben erzählt, dass Sie zuerst in einem krimtatarischen Bataillon aktiv waren. Wie werden Sie heute eigentlich als Angehöriger einer Minderheit in der Armee aufgenommen?
Hodzhametov: Ich bin mittlerweile in der Luftverteidigung tätig, wir sind sozusagen die Augen des Bataillons... Als ich ankam, wussten viele gar nicht, was ein „indigenes Volk“ überhaupt sein soll. Aber mein Kommandeur hat mir am 18. Mai, am Gedenktag zur Deportation der Krimtataren, freigegeben. Im Bataillon wurde auch herumgefragt, ob wir Essensregeln haben – etwa Halal. Ich werde mit Respekt behandelt.
In Deutschland ist die Neigung wahrzunehmen, Russland die Krim am ehesten „zuzugestehen“. Was würden Sie entgegnen?
Umierov: Friedrich Merz hat gesagt, nur die Ukrainerinnen und Ukrainer dürfen über die Ukraine entscheiden. Und so ist es. Auf der Krim haben nur die Ukrainer und Krimtataren das Recht zu entscheiden.
Hodzhametov: Es geht nicht um Territorium, es geht um die Menschen, die darauf leben! Und wir müssen verstehen: Die Menschen, die dort bleiben – im Donbass, aber auch auf der Krim –, sie werden einmal gegen uns kämpfen. Sie werden so militarisiert, dass sie buchstäblich auf der anderen Seite stehen. Mein eigener Neffe lebt im Donbass. Er wird dann die Waffe auf mich richten. (Interview: Florian Naumann)

Rubriklistenbild: © Ulf Mauder/picture alliance/dpa/Florian Naumann

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