Analyse von Alexander Görlach

Nach Irans Raketenangriff auf NATO: „Halben Schritt vom Bündnisfall entfernt“ – wieso das Putin hilft

Der Iran-Krieg stellt die NATO vor die Zerreißprobe. Experte Alexander Görlach befürchtet eine Eskalation – und einen Vorteil für Putin.

Der Abschuss einer iranischen Rakete durch NATO-Luftabwehrsysteme, noch bevor sie türkischen Luftraum erreichte, ist mehr als ein militärischer Zwischenfall. Er ist ein Menetekel. Zum ersten Mal seit Beginn der jüngsten Eskalation zwischen Iran auf der einen, den USA und Israel auf der anderen Seite, ist das Territorium eines NATO-Mitgliedstaates unmittelbar in die Flugbahn geraten. Dass das Geschoss über dem östlichen Mittelmeer zerstört wurde, nimmt der politischen Sprengkraft dieses Moments nichts. Die Allianz steht nur noch einen halben Schritt vom Bündnisfall entfernt.

Die Türkei fing eine iranische Rakete vor Eintritt in den türkischen Luftraum ab. Das stellt die NATO vor eine existenzielle Frage. Wie stabil ist das Bündnis?

Wird Artikel 5 des NATO-Vertrags aktiviert, gibt es kein Zurück mehr in die Sphäre des Diplomatischen. Noch ist kein türkisches Territorium getroffen worden, noch sind keine Opfer zu beklagen. Aber das Kalkül Teherans, eine Rakete auf eine Flugbahn zu schicken, die NATO-Gebiet tangiert, verschiebt die tektonischen Linien dieses Konflikts. Abschreckung und Provokation liegen nun gefährlich nah beieinander.

Experte warnt: Iran-Krieg könnte Eskalation für NATO bedeuten

Für Ankara ist die Lage doppelt heikel. Seit 2004 hat Recep Tayyip Erdoğan seine Macht konsolidiert und außenpolitisch ein Narrativ gepflegt, das ihn als Anwalt der „arabischen Straße“ inszenieren sollte. Seine scharfe Rhetorik gegen Israel war dabei weniger Ausdruck strategischer Kohärenz als ein Versuch, moralische Führung im sunnitisch geprägten Nahen Osten zu reklamieren. Doch in der Levante erinnert man sich an die osmanische Vergangenheit nicht als Epoche fürsorglicher Protektion, sondern als Zeit imperialer Bevormundung. Die Sehnsucht nach einem neuen Sultan ist begrenzt.

Gerade deshalb könnte die Versuchung in Ankara wachsen, den Bündnisfall zumindest rhetorisch ins Spiel zu bringen. Ein solcher Schritt wäre weniger gegen Teheran gerichtet als an die Golfstaaten adressiert: Seht her, die Türkei ist nicht nur Regionalmacht, sondern Teil des mächtigsten Militärbündnisses der Welt. Als sunnitischer Akteur stünde Ankara vermeintlich an eurer Seite – und doch unter dem Schutzschirm des Westens. Diese doppelte Codierung ist Erdoğans politisches Kapital.

Verbündete, Feinde und Alternativen zum Mullah-Regime im Iran

Haft-e Tir in Teheran
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu
Noch am selben Tag schlug der Iran zurück.
Sowohl im Iran als auch wie hier in der israelischen Großstadt Tel Aviv waren die Schäden der gegenseitigen Luftangriffe enorm.
Verbündete, Feinde und Alternativen zum Mullah-Regime im Iran

Gleichzeitig muss er verhindern, als verlängerter Arm Jerusalems zu erscheinen. Sollten sich Berichte erhärten, wonach maßgebliche Impulse zur Eskalation aus Israel kamen und in Washington – insbesondere unter Donald Trump – auf offene Ohren stießen, dann wäre jede demonstrative Nähe Ankaras zu einem NATO-Schulterschluss innen- wie außenpolitisch riskant. Erdoğan balanciert auf einem Drahtseil, unter dem nicht nur die Opposition lauert, sondern auch eine Öffentlichkeit, die sensibel auf jede Form wahrgenommener Parteinahme reagiert.

Für den Rest der Allianz ist die Konstellation kaum weniger prekär. Die osteuropäischen Mitgliedstaaten werden auf der Unantastbarkeit des Bündnisgebiets beharren. Wer in Vilnius oder Warschau lebt, weiß, dass Abschreckung nur funktioniert, wenn sie glaubwürdig ist. Ein Nichthandeln könnte als Einladung missverstanden werden. Gleichzeitig fürchten Regierungen in Berlin, Paris oder Rom eine schleichende Verwicklung in einen Krieg, dessen Dynamik sie nicht kontrollieren. Die NATO ist kein Instrument zur Austragung regionaler Rivalitäten; sie ist ein Verteidigungsbündnis. Doch genau diese Definition wird nun getestet.

Der Abschuss der Rakete hat das Bündnis paradoxerweise gestärkt und geschwächt zugleich. Gestärkt, weil die integrierte Luftverteidigung funktionierte und Handlungsfähigkeit demonstrierte. Geschwächt, weil sichtbar wurde, wie schnell ein externer Konflikt die Allianz in existenzielle Fragen zwingt. Solidarität ist leicht zu beschwören, solange sie abstrakt bleibt. Sie wird schwer, wenn sie konkrete militärische Konsequenzen nach sich zieht.

Experte: „Trump zieht NATO-Partner in Krieg hinein“

So steht die NATO vor einer Entscheidung, die über diesen einzelnen Vorfall hinausweist. Entweder sie definiert klar, wo die rote Linie verläuft – und riskiert Eskalation. Oder sie setzt auf Deeskalation und riskiert, dass ihre Abschreckung als zögerlich wahrgenommen wird. Zwischen diesen Polen bewegt sich die Zukunft des transatlantischen Projekts.

Der abgeschossene Flugkörper treibt im Meer. Dieses Mal ist alles gut gegangen. NATO-Partner wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben ohnehin schon in der einen oder anderen Weise Washingtons Krieg unterstützt. Im Bündnisfall müsste auch das unwillige Spanien dem Konflikt beitreten. Ein solcher Fall würde dem Kreml in die Hände spielen, der den Moment, in dem die NATO im Nahen Osten abgelenkt ist, nutzen wird, um in der Ukraine Geländegewinne zu erzielen. 

All das, was Donald Trump in Sachen Krieg im Wahlkampf versprochen hat, hat sich in Luft aufgelöst. Die USA sind wieder in einen Krieg im Mittleren Osten involviert, der völkerrechtswidrig ist, der weder von zureichenden Gründen gedeckt ist noch mit einer Strategie für die Zukunft des Iran einhergeht. Amerikas NATO-Partner werden von Trump in den Krieg hineingezogen. Die Welt wird von Tag zu Tag zu einem gefährlicheren Ort.

Rubriklistenbild: © Pictuare Alliance/ dpa/ Anna Ross/ Iranisches Verteidigungsministerium/Zuma Press (Montage)

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