„Zur Freiheit bereit sein“

Ein „Wunder“ im Jahr 2025 – 50 Kilometer von Belarus entfernt

Wer über Osteuropa berichtet, hat es mit Sorgen und Gefahren zu tun. Aber manchmal kristallisiert sich ein Stück Hoffnung. Zum Beispiel an einem Sommerabend in Litauen. Ein Kommentar.

Vilnius/München – Es sind unerwartet düstere Zeiten, in denen wir leben. Unerwartet jedenfalls für die Kinder jener 90er-Jahre, in denen die liberale Demokratie der Sieger der Geschichte zu sein schien – und ein Staatsgrenzen überschreitender Krieg in Europa undenkbar. Im Jahr 2025 machen Russlands imperiale Ideen und sein blutiger Krieg in der Ukraine große Sorgen. Dass Wladimir Putin genauso wie Donald Trump auf ein gespaltenes Nationalisten-Europa hinarbeitet, macht die Sache nicht schöner. Und selbst den fast schon rettenden Gedanken, dass die Rüstung der letzte wachsende Wirtschaftszweig sein könnte, mag man gruselig finden. Aber es gibt auch Lichtblicke.

Emanuelis Zingeris beim Gespräch in Vilnius – im Hintergrund der Rathausplatz der litauischen Hauptstadt.

An einem Juniabend war ich auf Recherchereise in Litauens Hauptstadt Vilnius zu Gast; die Friedrich-Naumann-Stiftung eröffnete ihr „Freedom Center“, eine Ukraine-Konferenz sollte am nächsten Tag folgen. Mit schweren Themen. Aber auf den Straßen flanierten fröhlich eisessende Menschen, auf der Fassade des Rathauses, der prächtigen Rotušė, lagen die letzten Sonnenstrahlen. Vielleicht wehte über die Altstadt eine Art ferner Glanz des „wind of change“, der 1989 zur Hymne des Falls des Eisernen Vorhangs geworden war: Rund 50 Kilometer nordwestlich des Reichs von Diktator Alexander Lukaschenko blühte gelassen das freie Leben, wo vor 35 Jahren die Sowjetunion herrschte.

„Das ist ein Wunder für uns!“

Eher zufällig war ich bei der Veranstaltung Emanuelis Singeris in die Arme gelaufen. Der damals 68-Jährige ist der einzige jüdische Abgeordnete Litauens, Sohn einer Holocaust-Überlebenden, er hatte einst die Unabhängigkeitserklärung Litauens mit unterzeichnet. Gelegenheit für eine eher heikle Frage – die Singeris mit überraschendem Enthusiasmus beantwortete: Wie fühlt es sich an, dass mit der neuen Bundeswehr-Brigade wieder deutsche Soldaten in Litauen dauerhaft vor Ort sind?

Singeris sagte (in fließendem Deutsch und mit sichtlicher Begeisterung): „Das ist ein Wunder für uns!“ Rührung schien mitzuschwingen. Freiheit müsse verteidigt werden, sagte der Parlamentarier. „Meine Mutti, eine ehemalige Ghetto- und KZ-Gefangene, würde es so sagen.“

Nun wäre es naiv, die Verlegung von Truppen vorbehaltlos als Weg zu Frieden und Freiheit zu sehen. Aber so meinte es Singeris auch gar nicht. Nicht so bedingungslos. „Wir müssen Europa stärken – ohne militaristischen, hasserfüllten, radikalen Wortschatz“, betonte er. Die in Vilnius nun vielerorts präsenten Bundeswehr-Leute empfinde er als „sehr seriöse, ernsthafte Soldaten“.

Hass vielerorts in Europa – aber noch ist nicht alles verloren

Es war ein Moment, der einen Hauch Wind durch ein kleines Hoffnungsfenster einließ: Es gibt (noch) geteilte Werte von Frieden und Freiheit in Europa – über Grenzen hinweg. Als Schutz für die Menschen, die durch den Sommerabend spazieren, nicht nur in Litauen.

Bedroht ist diese Idee freilich auch von innen. „Hasserfüllter, radikaler Wortschatz“ – und die verbundenen Ideen – haben in Deutschland Konjunktur. Und übrigens auch in Litauen, wo die Partei eines antisemitischen Politikers in der Regierung sitzt. Dagegen protestieren Menschen unter anderem mit Musik. Auch gemeinsames Singen verbindet schließlich. Noch ein Gefühl des Sommers 2025.

Aber noch ist nicht alles verloren. Die große Aufgabe für das Jahr 2026 – und alle weiteren – formulierte Singeris: „Wir sollten zur Freiheit bereit sein und dabei jedes Individuum in unserer Gesellschaft respektieren.“ (Florian Naumann)

Rubriklistenbild: © Montage: Alexander Welscher/picture alliance/dpa/Marcus Schlaf/Florian Naumann

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare