Teufelskreis
Exklusive Zahlen: Kriegsangst der Deutschen gefährdet Demokratie massiv
Die Mehrheit der Befragten hat Angst vor einer kriegerischen Eskalation. Dies kann gefährlich für die Demokratie sein, weiß ein Politikwissenschaftler.
Fast die Hälfte (41 Prozent) der Deutschen hat Angst, dass es zu einem Dritten Weltkrieg kommt. Noch höher ist der Anteil derer, die davon ausgehen, dass sich die Sicherheitslage in Deutschland in den kommenden fünf Jahren verschlechtern wird (54 Prozent). Das zeigen aktuelle Umfrageergebnisse des gemeinnützigen Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), die der Frankfurter Rundschau (FR) von Ippen.Media vorab exklusiv vorliegen.
An der repräsentativen Umfrage nahmen zwischen dem 24. April und 18. Mai 2025 2.136 Menschen teil. Die höchsten Kriegsängste haben Anhänger der Linken, gefolgt von BSW und AfD. Die AfD inszeniere sich als vermeintliche Friedenspartei – trotz ihrer bekannten Beziehungen zu Russland und China. „Sie behauptet, das Problem aufzulösen, vor dem Menschen Angst haben. Das ist Teil ihres Populismus“, sagt die Leiterin des Projekts, Pia Lamberty. Gerade wenn Menschen mental stark belastet seien, fehle ihnen oft die Kraft, Dinge kritisch zu hinterfragen.
Rechtspopulisten auf der ganzen Welt bauen das demokratische System in ihren Ländern um. Sie schränken Freiheiten ein, schwächen die Unabhängigkeit von Presse und Justiz. Die Demokratie, wie wir sie kennen, ist bedroht. Von außen und von innen. Inwiefern Kriegsangst dabei eine Rolle spielt, weiß der Politikwissenschaftler Oliver Lembcke. An der Ruhr-Universität Bochum beschäftigt er sich mit Herausforderungen der modernen Demokratie.
Kriegsangst in Deutschland: „Kann die Demokratie Krise und Krieg?“
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Das Versprechen von innerem Frieden und äußerem Schutz bilde die Basis jeder Staatlichkeit. Es sei der Grund, warum Menschen Pflichten wie Steuerzahlungen oder Wehrdienst akzeptieren. „Wenn die Demokratie als Regierungsform dieses Versprechen nicht einlösen kann, gerät sie unter Druck“, sagt Lembcke der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Seit der Pandemie wachse in Teilen der Bevölkerung die Unsicherheit, ob Demokratien Krisen im Vergleich zu autoritären Regimen tatsächlich besser bewältigen können. „Seitdem der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist, stellt sich nun auch die Frage: Kann die Demokratie Krise und Krieg?“
Aktuell leide die Demokratie stark darunter, dass sie dieses Schutzversprechen nicht so ohne Weiteres aufrechterhalten könne. Die atomare Bedrohung Russlands, die Zweifel an der Verlässlichkeit von Donald Trump und der Amerikaner als Schutzmacht und die offensichtlichen Schwächen unserer eigenen Verteidigungsfähigkeit verstärken das Gefühl, dass unsere Demokratie mit solchen Herausforderungen überfordert sein könnte, erklärt der Politikwissenschaftler.
Teufelskreis: Desinformation und Schuldzuweisungen schwächen Vertrauen, das es dringend bräuchte
Überfordert fühlen sich anscheinend auch viele Menschen mit Kriegsangst in Deutschland: Mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) wünscht sich, dass die Regierung mehr über mögliche Kriegsgefahren aufklärt. „Kriegsangst macht die Gesellschaft anfällig für autoritäre Lösungen, weil die Menschen nach schnellen Antworten suchen“, sagt der Demokratie-Experte Lembcke. Das zeige sich bereits in der wachsenden Unterstützung für populistische Parteien. Mit 20,8 Prozent der Stimmen verdoppelte die AfD bei der Bundestagswahl 2025 ihren Stimmenanteil im Vergleich zur vergangenen Bundestagswahl.
Vertrauen hilft der Demokratie, macht die Angst wirkungsloser. Doch genau jenes Vertrauen in demokratische Institutionen und die politische Führung wird angegriffen. Lembcke erklärt, die AfD mobilisiere Ängste und verknüpfe sie mit Schuldzuweisungen: „Wir müssen uns schützen, weil die Regierung versagt hat“. Dazu kommen populistische Versprechen und Desinformation. In einer diffusen Bedrohungslage, wie wir sie aufgrund hybrider Kriegsführung und Cyberangriffen in Deutschland haben, wirke die Spaltung besonders effektiv, denn die Menschen nehmen die Ursachen und Verantwortlichen unterschiedlich wahr.
Wie können wir die Demokratie verteidigen? Unsere Demokratie habe bewiesen, dass sie Krisen bewältigen kann. Aber demokratische Politik müsse emotionaler werden, um die Menschen mitzunehmen. Dafür brauche es laut Lembcke „authentische Persönlichkeiten, die nicht nur argumentieren, sondern auch begeistern können“.
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