Für NATO-Ernstfall

Geheimpapier: Bundeswehr-Inspekteur fordert 100.000 zusätzliche Soldaten

Die Bundeswehr kann die NATO-Anforderungen nur mit mehr Personal erfüllen. Nach der Analyse des Heeres-Chefs plant Pistorius aber mit zu wenig Soldaten.

Berlin – Der scheidende Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, fordert in einem vertraulichen Schreiben eine drastische Aufstockung der Bundeswehr um 100.000 zusätzliche aktive Soldaten. „Es ist zwingend erforderlich, dass die Bundeswehr bis 2029 ausreichend kriegsbereit ist und bis 2035 die von Deutschland zugesagten Fähigkeiten bereitstellt“, schrieb Mais laut der Nachrichtenagentur Reuters in einem Brief vom 2. September an den Generalstabschef der Bundeswehr, Carsten Breuer.

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Laut Mais ist die Aufstockung dringend notwendig, um die vereinbarten NATO-Ziele zu erfüllen. Die Zahl 100.000 kommt wie folgt zustande: Da die Aufstockung gestaffelt erfolgen soll, müssen zunächst rund 45.000 zusätzliche aktive Soldaten bis 2029 eingestellt werden. 2029 ist das Jahr, in dem die NATO-Allianz Russland zu einem großangelegten Angriff auf westliche Verbündete für fähig hält. Weitere 45.000 Soldaten sollen bis 2035 folgen. Zusätzlich fordert Mais etwa 10.000 weitere Soldaten zur Stärkung der Landesverteidigung. Zusammengerechnet braucht das Heer rund 100.000 zusätzliche Soldaten.

Ukraine-Krieg und Drohnenangriff in Polen: Bundeswehr muss sich auf russische Aggression vorbereiten

Die Forderung und Warnung erscheint angesichts des eskalierenden Ukraine-Kriegs, der Drohnenattacke in Polen und der am Freitag (12. September) gestarteten russisch-belarussischen Militärübung „Sapad 2025“ nicht unbegründet. Laut Mais müsse sich Deutschland auf die wachsende Bedrohung durch eine russische Aggression vorbereiten. Auf Kreml-Chef Wladimir Putin reagierte die NATO bereits diesen Sommer mit der Anpassung ihrer Fähigkeitsziele.

Auf dem NATO-Gipfel in Den Haag im Juni verpflichteten sich die Bündnispartner, ab 2035 jährlich fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung und Sicherheit auszugeben – aufgeteilt in 3,5 Prozent für Kernverteidigung und 1,5 Prozent für erweiterte Sicherheitsinvestitionen wie Cybersicherheit und Infrastruktur. Für Deutschland bedeutet dies eine dramatische Aufstockung des Verteidigungsetats von derzeit gut 70 Milliarden Euro auf rund 150 Milliarden Euro jährlich bis 2029. Gleichzeitig wurden neue, geheime Fähigkeitsziele beschlossen, die verstärkte Investitionen auch ins Personal erfordern.

Bundeswehr-Inspekteur Alfons Mais fordert 100.000 aktive Soldaten zusätzlich.

Erklärtes Ziel sind auf Grundlage neuer NATO-Planungen rund 260.000 Männer und Frauen in der stehenden Truppe sowie 200.000 Reservisten. Zur Einordnung: Derzeit gibt es nur gut 182.000 aktive Soldaten sowie gut 49.000 aktive Reservisten. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) nannte bisher nur vage Zahlen, wie viele zusätzliche Soldaten zur Erreichung der neuen NATO-Ziele nötig seien. Im Juni, kurz vor dem Gipfel der Allianz in Den Haag, sprach er von rund 80.000 Soldaten.

Schon nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs: Heeresinspekteur zeigt schonungslose Lücken bei der Bundeswehr

Die Zahlen in dem vertraulichen Brief des scheidenden Heeresinspekteurs verdeutlichen nun, wie massiv die Bundeswehr in den kommenden zehn Jahren wachsen muss. Laut Reuters lehnte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums ab, Stellung zu dem Dokument zu beziehen. Die Begründung: Die Daten seien vertraulich. Es ist aber nicht das erste Mal, dass General Mais durch schonungslose Analysen der Lücken bei der Bundeswehr auffällt. Am Tag des Ausbruchs des Ukraine-Kriegs postete er in den sozialen Medien, seine Truppe stehe nach Jahren der Sparpolitik „mehr oder weniger blank da“, so der Spiegel.

Überblick: So viele Soldaten braucht das Heer für die neuen Nato-Ziele

Bis 2029+ 45.000 aktive Soldaten
Bis 2035+ weitere 45.000 Soldaten
+ zusätzlich 10.000 Soldaten für Landesstärke
Stand Bundeswehr aktuellInsgesamt stehen rund 182.000 Soldaten in Diensten der Bundeswehr
NATO-Vorgaben für Bundeswehr bis 2035Insgesamt 260.000 Soldaten (+ 200.000 Reservisten)

Diese Aussagen gefielen Pistorius wohl nicht. Der Verteidigungsminister entschied im Sommer überraschend, dass Mais in den einstweiligen Ruhestand gehen soll. Die geleakten Zahlen werden aber die politische Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht erneut befeuern. Das Bundeskabinett hat zwar das Gesetz zur Einführung eines neuen Wehrdienstes auf den Weg gebracht, aber die Wehrerfassung junger Männer basiert zunächst auf Freiwilligkeit.

Eine Rückkehr zur Wehrpflicht schon in Friedenszeiten, wie sie vor allem Unionspolitiker wiederholt gefordert hatten, wurde nicht vereinbart. Pistorius formuliert aber Grundvoraussetzungen für eine Aktivierung. Wenn die verteidigungspolitische Lage oder ein Mangel an Freiwilligen eine Wehrpflicht erforderlich macht, muss der Bundestag erst zustimmen. Auch über das jetzt im Kabinett beschlossene Gesetz entscheidet der Bundestag. Die Beratungen über das Gesetz beginnen in der zweiten Oktoberwoche. (Quellen: Reuters, Spiegel, dpa) (bg)

Rubriklistenbild: © Sven Simon/Björn Trotzki/IMAGO/Montage

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