Gewalt vor der WM

Mexiko kämpft gegen Kartelle – und gegen den Druck aus den USA

Ein Polizist steht in Guadalajara, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Jalisco, neben einem verbrannten Auto auf der Straße Wache. Mexikanische Streitkräfte töteten Nemesio Oseguera Cervantes, alias "El Mencho". +++ dpa-Bildfunk +++
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Nach dem Tod von Drogenboss „El Mencho“ gab es im Februar Ausschreitungen in vielen Teilen des Landes – etwa hier in Guadalajara.

Die Drogenkartelle in Mexiko sind mächtiger denn je. Präsidentin Sheinbaum steht unter massivem Druck von innen und außen. Eine Analyse über die derzeitige Situation.

Brennende Autos, Gefechte auf den Straßen, Dutzende Tote: Die jüngsten massiven Ausschreitungen in Mexiko haben den Blick erneut auf das anhaltende Kriminalitätsproblem des Landes gelenkt. Dabei ist Mexiko nicht nur in wenigen Monaten Mitgastgeber der Fußball-WM, sondern auch ein wichtiger Handelspartner Deutschlands. Das betonte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier während seiner Lateinamerika-Reise, auf der er unter anderem Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum traf und mit ihr über wirtschaftliche Perspektiven und die jüngsten Unruhen sprach.

Auslöser der Gewalt war eine Operation des mexikanischen Militärs, bei der Nemesio Oseguera Cervantes, genannt „El Mencho“, Anführer des Jalisco-Drogenkartells, sowie sechs weitere Personen getötet worden sein sollen. Die Operation wurde von der mexikanischen Regierung unter Führung von Präsidentin Claudia Sheinbaum genehmigt. Inzwischen hat sich die Lage zwar beruhigt, das grundlegende Kriminalitätsproblem besteht jedoch fort. Das Auswärtige Amt warnt auf seiner Website weiterhin und beschreibt die Sicherheitslage als dynamisch.

Mexiko kämpft gegen Kartelle – und gegen den Druck aus den USA

„Das jüngste Eingreifen des mexikanischen Staates muss in einem größeren Kontext gesehen werden“, sagt Johannes Hügel, Leiter des Mexiko-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Guadalajara, im Gespräch mit unserer Mediengruppe. Die Entwicklung sei auch eine Folge des wachsenden Drucks aus den USA. Unter Präsident Donald Trump werde von Mexiko deutlich stärker verlangt, sich um die Sicherheit im eigenen Land zu kümmern. Im Zentrum des Interesses Washingtons stünden dabei vor allem der Kampf gegen die organisierte Drogenkriminalität und die Eindämmung illegaler Migration über Mexiko in die Vereinigten Staaten.

Mexiko im doppelten Abwehrkampf

Die USA, so Hügel, formulierten dabei eine klare Erwartung: Wenn Mexiko wirtschaftlich weiter eng mit den Vereinigten Staaten kooperieren wolle, müsse es im Sicherheitsbereich liefern — auch im Kampf gegen die Kartelle, die seit Beginn des Drogenkriegs vor mehr als 20 Jahren stetig an Macht gewonnen hätten.

Unter Trump wachse der Druck zusätzlich, etwa durch Drohkulissen eines möglichen militärischen Eingreifens gegen die Kartelle. „Mexiko muss den USA zugleich Handlungsfähigkeit zeigen, ohne offen abhängig zu erscheinen“, sagt Hügel. „Wenn die mexikanische Bevölkerung das Gefühl bekommt, dass ihr Land an Souveränität einbüßt, gerät die Sheinbaum-Regierung noch stärker unter Druck.“ Mexiko befindet sich damit in einem doppelten Abwehrkampf: nach innen gegen die Drogenkartelle, nach außen gegen die Gefahr einer amerikanischen Intervention.

USA will die illegale Migration aus Mexiko eindämmen

Washington wiederum verbindet seinen Druck auf Mexiko auch mit dem Ziel, illegale Migration einzudämmen. Für Hügel ist das Teil einer neuen außen- und sicherheitspolitischen Linie der USA, in der Mittel- und Südamerika als strategisch wichtiger Einflussraum wieder stärker in den Fokus rücken. Zusätzlichen Druck können die USA auch über das Handelsabkommen USMCA ausüben, das für Mexiko wirtschaftlich von zentraler Bedeutung ist und derzeit neu verhandelt wird.

Um die wirtschaftlichen Beziehungen zu stärken, reiste Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Mexiko. Dort traf er sich unter anderem mit der mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum. Es seine zweite Reise als Präsident in das Land.

Ein weiterer Grund für das stärkere Engagement der USA in Mittel- und Südamerika liegt laut Hügel im geopolitischen Wettbewerb mit China. Peking versuche, seinen Einfluss in der Region auszuweiten. Washington sehe China jedoch als seinen wichtigsten globalen Rivalen und versuche deshalb, dessen Rolle in Lateinamerika zu begrenzen.

Der Drogenkrieg kostete hunderttausenden das Leben

Unter der neuen mexikanischen Regierung trifft der amerikanische Druck nach Einschätzung von Nikolaus Rischbieter auf eine veränderte politische Ausgangslage. „Die Regierung unter Claudia Sheinbaum ist wesentlich mehr gewillt, gegen die Drogenkriminalität im eigenen Land vorzugehen, als es noch die Vorgängerregierung unter Andrés Manuel López Obrador war“, sagt Rischbieter, Trainee im Mexiko-Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung. Unter López Obrador, der das Land von 2018 bis 2024 regierte, habe eine Politik des Gewährenlassens und Nicht-Eingreifens im Vordergrund gestanden. In dieser Zeit hätten die Kartelle ihre Macht weiter ausbauen können. Schutzgelderpressung und die Zahl der Vermissten nahmen zu. In den sechs Jahren von López Obradors Amtszeit sollen mehr als 180 000 Menschen im mexikanischen Drogenkrieg gestorben sein. Seit Beginn dieses Krieges im Jahr 2006 bis 2024 seien es laut offiziellen Angaben mehr als 450 000 Tote gewesen; 2025 galten laut offiziellen Informationen zudem rund 125 000 Menschen als vermisst.

Kartelle sind effiziente „Unternehmen“

Die Kartelle agieren dabei nicht mehr wie lose kriminelle Banden. „Diese Kartelle, die über Jahrzehnte organisch gewachsen sind, sind im Endeffekt ausgeklügelte Wirtschaftsunternehmen“, sagt Rischbieter. In manchen Regionen reiche ihr Einfluss bis in staatliche Strukturen hinein und begünstige Korruption. „Mancher Bürgermeister in Mexiko ist nur mithilfe der Kartelle überhaupt ins Amt gekommen“, so Rischbieter. Gerade in ländlichen Gebieten, in denen verfeindete Kartelle um Einfluss kämpfen, ist ihre Macht groß.

Reisenden bietet sich jedoch ein differenzierteres Bild. Große Städte und touristische Regionen gelten in der Regel als deutlich sicherer als andere Teile des Landes. Die mexikanische Regierung, sagt Hügel, habe ein sehr großes Interesse daran, dass die Gewalt der Kartelle das internationale Image des Landes nicht beschädigt. Die Sicherheitsprobleme dürften daher nicht pauschal auf ganz Mexiko übertragen werden. „Mexiko hat eine lebendige und blühende Kultur“, sagt Hügel. „Die Gewalt nehmen wir als Europäer stärker wahr als die Mexikaner.“

Mexiko ist ein wichtiger Wirtschaftspartner für Deutschland

Das ist auch wirtschaftlich von erheblicher Bedeutung. Viele deutsche Branchen, darunter vor allem die Automobilindustrie, investieren stark in Mexiko. Der Volkswagen-Konzern etwa stellte in seinem Werk in Puebla nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr rund 336 000 Fahrzeuge her. Mexiko gilt für Deutschland nach den USA als zweitwichtigster Handelspartner auf dem amerikanischen Kontinent. Das Handelsvolumen lag laut der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer 2025 bei 25,1 Milliarden Euro. Deutschland habe deshalb ein großes Interesse daran, die wirtschaftliche Kooperation mit Mexiko weiter zu vertiefen, sagt Hügel.

Darauf deutet auch Steinmeiers Besuch hin. Bei seinem Treffen mit Präsidentin Sheinbaum in Cancún auf der Halbinsel Yucatán betonte der Bundespräsident: „Gerade Mexiko als starke Mittelmacht in Lateinamerika ist für uns deshalb ein herausragender Partner.“ Zugleich planen Mexiko und die Europäische Union eine Modernisierung ihres Freihandelsabkommens, um die wirtschaftlichen Beziehungen weiter auszubauen.

Eine sichere Fußball-Weltmeisterschaft?

Mexiko ist neben den USA und Kanada einer von drei Gastgebern der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft. Das Turnier startet am 11. Juni 2026 und endet am 19. Juli 2026. In Mexiko finden vorwiegend Vorrundenspiele statt – darunter auch das Eröffnungsspiel in Mexiko-Stadt zwischen Mexiko und Südafrika. In Mexiko-Stadt sollen nach Informationen der Fifa drei Vorrundenspiele, ein Sechzehntelfinale und ein Achtelfinale stattfinden. In Guadalupe unweit der mexikanisch-amerikanischen Grenze sollen drei Vorrundenspiele und ein Sechzehntelfinale ausgetragen werden. Zapopan in der Region Guadalajara wird Austragungsort von vier Vorrundenspielen.

Die deutsche Nationalmannschaft könnte es auch nach Mexiko verschlagen – wenn sie sich als Gruppendritter für das Sechzehntelfinale qualifiziert. Dann könnte es sein, dass Deutschland sowohl im Sechzehntelfinale als auch im Achtelfinale in Mexiko-Stadt spielt. Das Auswärtige Amt rät derzeit davon ab, verschiedene Regionen in Mexiko zu bereisen. Darunter ist auch ein Reisehinweis für den Bundesstaat Jalisco, in dem die Metropole Guadalajara liegt. Die Reisewarnung gilt für den gesamten Bundesstaat, mit Ausnahme der Metropolregion Guadalajara, zu der auch Zapopan gehört.

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