Stimmung kippt gegen Putin

Schwarzer Rauch über St. Petersburg: Ukraine zwingt Russlands Wirtschaft weiter in die Knie

Neuer Drohnenangriff auf Raffinerie in St. Petersburg: Russlands Wirtschaft droht jetzt der Kollaps. Die Benzin-Krise sorgt für wachsenden Unmut gegen Putin.

Benzin wird in Russland zur Mangelware. In mehr als 20 Regionen des Landes gelten Rationierungen an Tankstellen, Autofahrer stehen stundenlang an – in Transbaikalien berichten manche von bis zu 36 Stunden Wartezeit. Auf der Krim gibt es im Ukraine-Krieg Treibstoff nur noch per Bezugsschein, maximal 20 Liter pro Woche. Und es wird nicht besser: In den frühen Morgenstunden stiegen am heutigen Samstag (4. Juli) schwarze Rauchsäulen über dem Hafen von St. Petersburg auf – der Geburtsstadt von Präsident Wladimir Putin. Mehr als 850 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, mitten ins Herz der russischen Rohstoffmacht getroffen.

Schlag gegen Russlands Wirtschaft: Ein ukrainischer Soldat bereitet den Start einer Langstreckendrohne vor. (symbolbild)

Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte den Angriff laut dem Kyiv Independent auf Telegram und sprach von „ukrainischen Langstreckensanktionen gegen Russland“. Die Streitkräfte hätten die „Hafen-Ölinfrastruktur getroffen, die Russlands Krieg finanziert“, sowie Kronstadt als militärisches Ziel beschossen. Die Ukraine prophezeit bereits: Russland wird irgendwann fallen.

Drohnenangriff auf St. Petersburg: Ukraine schießt Russlands Wirtschaft weiter in Richtung Abgrund

Das Ölterminal am Finnischen Meerbusen zählt mit einem jährlichen Durchsatz von 12,5 Millionen Tonnen zu den größten Kraftstoff-Umschlaganlagen von Russlands Wirtschaft. Bereits beim Petersburger Wirtschaftsforum Anfang Juni hatte die Ukraine die Stadt mit Drohnenangriffen „begrüßt und verabschiedet“. Kurz zuvor, am 1. Juli, hatte Russland seinen bislang schwersten Angriff auf Kiew geflogen – bei dem fast 30 Menschen starben. Putin erklärte am 3. Juli, die Angriffe auf ukrainische Städte müssten „fortgesetzt“ werden.

Möglich wurden solche Schläge tief ins russische Hinterland durch eine dramatisch gewachsene ukrainische Eigenproduktion bei den Drohnen und Raketen. Lange hatte Kiew auf westliche Waffensysteme mit großer Reichweite gewartet – der von Deutschland versprochene „Taurus“-Marschflugkörper kam nie. Stattdessen entwickelte die Ukraine eigene Drohnen, die inzwischen Ziele in mehr als 1500 Kilometer Entfernung erreichen können, wie Verteidigungsminister Mychajlo Federow gegenüber der Tagesschau betonte: „Wir alle haben die Angriffe auf Russland über eine Entfernung von 1500 Kilometern gesehen. Die Ukraine macht in diesem Bereich ihre Hausaufgaben.“

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Allein im März schickte die Ukraine laut unabhängigen Analysten 7000 Drohnen nach Russland – erstmals mehr als der Kreml in die Gegenrichtung. Militärexperte Wladyslaw Seleznyow beschreibt das erklärte Ziel der sogenannten „Deep-strike“-Kampagne so: „die maximale Schwächung des Offensivpotenzials der russischen Besatzer“.

Der Angriff auf St. Petersburg ist Teil dieser systematischen Strategie Kyjiws, die Energiewirtschaft Russlands als Kriegsfinanzierungsquelle auszutrocknen. Die Ukraine-Taktik zeigt bereits Wirkung. Laut Analysten der Beratungsfirma Energy Intelligence sank die tägliche Ölverarbeitung auf unter vier Millionen Barrel – den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten. Von den zehn größten russischen Raffinerien wurden bislang acht mindestens einmal getroffen; nur zwei Anlagen östlich des Urals blieben verschont. Die Lukoil-Raffinerie in Wolgograd, die über fünf Prozent der gesamten russischen Raffineriekapazität verarbeitet, wurde inzwischen mindestens zehnmal angegriffen. Laut Reuters ist die Benzinproduktion landesweit um 25 Prozent eingebrochen, rund ein Drittel der Kapazitäten steht still.

Wende im Ukraine-Krieg? Auswirkung von Ukraine-Taktik in Russland spürbar

Ob die Strategie eine Wende im Ukraine-Krieg herbeiführen kann, bleibt offen. Fest steht: Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar. Russland reagierte mit einem Exportverbot für Diesel und kauft inzwischen Benzin aus Indien. Als weiteres Krisenzeichen erließ der Kreml ein Dekret, das vorübergehend die Produktion von Kraftstoff nach dem niedrigeren Euro-3-Standard erlaubt – statt des bislang geltenden Euro-5-Standards. Die russische Regierung kappte ihre Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt 2026 von 1,3 auf 0,4 Prozent. Putin räumte in einem Gesprächsprotokoll auf der Kreml-Website ein: „Leider kommt es nach wie vor zu Warteschlangen an Tankstellen, und einige stark nachgefragte Kraftstoffmarken sind möglicherweise schwer erhältlich.“

Die Krise hinterlässt tiefe Spuren in der russischen Gesellschaft. Laut einer Untersuchung der NGO „Join Ukraine“ stiegen Anti-Kriegs-Beiträge in russischen sozialen Netzwerken in der Woche nach dem Drohnenangriff auf Moskaus Kapotnja-Raffinerie am 18. Juni um 235 Prozent. Ausgewertet wurden mehr als 41.000 Beiträge aus über 410 regionalen Telegram-Kanälen und 383 Communities auf VKontakte – mit zusammen 594 Millionen Aufrufen. Nutzer stellten offizielle Darstellungen der Angriffe infrage, zweifelten an der russischen Luftabwehr und warfen der Regierung vor, die Zivilbevölkerung nicht ausreichend zu schützen.

Stimmung kippt gegen Putin: Russische Bevölkerung reagiert mit Spott auf Ukraine-Angriffe

Was sich nicht offen sagen lässt, wird als Meme geteilt. Die Moscow Times dokumentierte eine Reihe von Witzen, die in russischen Netzwerken kursieren – und die in ihrer Lakonie mehr verraten als jede Umfrage. „Solange es keinen Biermangel gibt“, lautet einer der meistgeteilten Sprüche – ein Satz, der Kriegsmüdigkeit und Ohnmacht zugleich auf den Punkt bringt. Ein anderes Meme zeigt Putin persönlich an einer Zapfsäule, darunter der Kommentar: „Diese Preise...“.

Wieder ein anderes spielt auf Russlands Benzinimporte aus Indien an: „Herzlichen Glückwunsch zum Tag, an dem Russland angefangen hat, Benzin aus Indien zu kaufen!“ Besonders verbreitet ist auch ein Bild, das Trump, Biden und Obama mit Benzinkanistern an einer russischen Tankstelle zeigt – eine Satire auf den Kreml-Reflex, alle Probleme dem Westen zuzuschreiben. Und ein Meme greift die absurde Sprache des Krieges selbst auf: „Russland ist so reich, dass es sich leisten kann, Drohnen mit Raffineriedeckeln abzuschießen“ – eine Anspielung auf den Tankdeckel, der beim ersten Angriff auf die Moskauer Raffinerie in die Luft geschleudert worden war. Damals kursierten bereits zahlreiche Videoaufnahmen von dem Vorfall im Netz. (Quellen: Moscow Times, Kiew Independent, Tagesschau, ntv, Reuters) (jenko)

Rubriklistenbild: © Evgeniy Maloletka/dpa

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