Keine neuen Zahlen mehr

Ukraine-Krieg: Putin sucht Freiwillige – Statistikbehörde versteckt Verlustzahlen

Der Ukraine-Krieg reißt auch zahlreiche Russen aus dem Leben. Die tatsächlichen Verluste werden der Bevölkerung mittlerweile verheimlicht.

Moskau – Wladimir Putin hat sich schon häufiger dafür entschieden. Krieg – und damit Gewalt – ist sein Mittel der Wahl, um seine Ziele zu erreichen. Wie grausam und rücksichtslos der Kreml-Chef dabei vorgeht, wird der Welt seit dreieinhalb Jahren im Ukraine-Krieg vor Augen geführt.

Beinahe täglich wird die Infrastruktur zerbombt. In den vergangenen Tagen und Wochen übersäte Russland die Ukraine teilweise mit den schwersten Luftschlägen überhaupt. Zivilisten werden anscheinend allenfalls als potenzielle Kollateralschäden angesehen. Über eigene Verluste im Zuge der weitgehend festgefahrenen Invasion, die ursprünglich binnen weniger Tage mit der Eroberung Kiews enden sollte, schweigt sich Moskau dabei aus.

Putin und der Ukraine-Krieg: „Kreml will Verluste Russlands vertuschen“

Sie dürften jedoch immens sein. Was auch für Putin zum Problem werden könnte. Denn er benötigt Nachschub, um seinen Krieg in unverminderter Intensität fortführen zu können. Der US-Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW) berichtet, dass der russische Präsident derzeit zu versuchen scheint, die Rekrutierung von Freiwilligen zu intensivieren.

Keine Auskunft mehr über russische Verluste: Kreml-Chef Wladimir Putin scheint im Ukraine-Krieg auch abseits des Kampfgebiets eine neue Taktik zu fahren.

Dies sei wahrscheinlich eine Reaktion auf die nachlassende Unterstützung in der Bevölkerung für „die Krypto-Mobilisierungsbemühungen“ der Führung. Putin versucht den Ukraine-Krieg weitgehend aufrechtzuerhalten, ohne dass seine Landsleute dem Gefühl ausgesetzt werden, jederzeit hineingezogen werden zu können. Lediglich im Herbst 2022 erfolgte wegen der ersten heftigen Rückschläge beim vermeintlichen Eroberungsfeldzug eine offizielle Mobilmachung.

Das ISW schreibt weiter, die staatliche Statistikbehörde Rosstat habe ihre Berichterstattung über die Zahl der Todesopfer in Russland eingestellt. Mutmaßlich handele es sich um einen „Teil der Bemühungen des Kreml, die Verluste Russlands durch den Krieg in der Ukraine zu vertuschen“.

Russlands Verluste im Ukraine-Krieg: Forscher bekommt keine Auskunft mehr von Behörde

Zuvor hatte die Online-Zeitung Meduza, die in Putins Reich als unerwünschte Organisation eingestuft wurde, darauf hingewiesen, dass Rosstat die demografischen Daten für Januar bis Mai 2025 aus der am 2. Juli veröffentlichten „Sozioökonomischen Lage Russlands“ entfernt habe. Auf der Website seien die Informationen seit März nicht mehr aktualisiert worden.

Dienst im Namen des Vaterlands: Junge Rekruten bereiten sich auf ihre Militärausbildung vor - und einen baldigen Kriegseinsatz?

In dem Artikel wird auch erwähnt, dass sich der auf Wahlstatistiken spezialisierte Forscher Dmitri Kobak einige Tage zuvor auf der Community-Plattform LiveJournal zu Wort meldete. In seinem Beitrag informierte der Experte darüber, er habe Rosstat um verschiedene Daten zu Todesfällen im Jahr 2024 gebeten, um Analysen zur männlichen Übersterblichkeit aktualisieren zu können.

Die Behörde habe ihm jedoch zu allen Anfragen dieselbe Antwort gesendet. Die Auskunft werde unter Verweis auf Artikel 5 Absatz 10 des föderalen Gesetzes „Über die amtliche Buchführung und das System der staatlichen Statistik in der Russischen Föderation“ verweigert. In diesem heißt es, die Regierung kann „die Bedingungen für den Zugang zu amtlichen statistischen Informationen festlegen, einschließlich der vorübergehenden Aussetzung ihrer Bereitstellung und Verbreitung“. Dieser Satz stehe so seit Februar 2023 im Gesetz.

Putin und die russischen Verluste: Keine detaillierten Statistiken mehr zu Sterbefällen

Zwar habe er bereits zuvor Berichte gesehen, dass die Veröffentlichung der Daten eingestellt worden sei. Allerdings habe er da noch gehofft, dies sei lediglich ein Versehen oder eine Verwechslung gewesen und die Zahlen würden später veröffentlicht. Zumindest aber sei er davon ausgegangen, dass die 2024er-Zahlen bereitgestellt würden.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

Wladimir Putin ist seit dem 24. Februar 2022 auch Kriegsherr – auch wenn in Russland nach offizieller Lesart nur von einer militärischen „Spezialoperation“ in der Ukraine gesprochen wird.
Wladmir Putin mit Flottenchef Kurojedow
So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
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Meduza kommt auch auf den Demografen Alexei Raksha zu sprechen, der im Mai darauf aufmerksam gemacht habe, dass Rosstat die demografischen Statistiken nach Regionen versteckt habe. Seit März würden die monatlichen Statistiken etwa zu Geburten, Sterbefällen, Eheschließungen und Scheidungen vorenthalten. Zuvor sei ein historischer Negativrekord zu verzeichnen gewesen: Die durchschnittliche tägliche Geburtenzahl von 3012 Kindern im März sei die niedrigste seit Beginn der regulären Buchführung vor fast 200 Jahren gewesen.

Raksha wurde Ende Mai vom russischen Justizministerium auf die Liste ausländischer Agenten aufgenommen, wie Forbes und RBC berichteten. Ein Zusammenhang ist zumindest nicht auszuschließen. Putin dürften solche Auslassungen jedenfalls nicht gefallen haben.

Wie groß sind Russlands Verluste im Ukraine-Krieg? Mehr als 100.000 Tote bestätigt

Wie auch die Zahlen zu den Verlusten im Ukraine-Krieg. Kiews Verteidigungsministerium informierte im täglichen Überblick am 6. Juli über 1.026.440 eliminierte Personen. Da die Zahl von einer der Kriegsparteien stammt, ist sie entsprechend mit Vorsicht zu genießen.

Wieder frei, aber weiter in Wladimir Putins Hand: Nach einem Gefangenenaustausch kommen russische Soldaten wieder in der Heimat an.

Das unabhängige russische Online-Medium Mediazona liefert gemeinsam mit BBC News Russian und einem Team von Freiwilligen einen Überblick über 116.718 bestätigte Todesfälle innerhalb des russischen Militärs. Darunter waren demnach 5285 Offiziere. Als Quellen wurden Social-Media-Beiträge von Angehörigen, lokale Nachrichtenberichte und offizielle Mitteilungen von regionalen Behörden genutzt.

Aufgrund des russischen Nachlassregisters sei jedoch davon auszugehen, dass die Verluste sogar bei rund 165.000 Militärs liegen müssten. Diese Schätzung stammt jedoch noch aus dem Dezember 2024.

Rosstat hat Putin also zum Schweigen gebracht. Um aber wirklich jeden Zugang zu Informationen über die Verluste unter seiner Truppe zu versperren, hat er noch einen weiten Weg vor sich. (mg)

Rubriklistenbild: © IMAGO / ITAR-TASS, IMAGO / ZUMA Press

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