Rekordverluste im März

Putins bittere Pleite: Russlands Frühjahrsoffensive fällt flach – dreht die Ukraine den Krieg?

Die Verteidiger machen schnelle Fortschritte in ihrer Entwicklung, jeder Meter Ukraine kommt Putin teuer zu stehen. Russlands Niederlage wird möglich.

„Massive Verluste und winzige Gewinne für eine schwindende Macht“ attestieren Seth G. Jones und Riley McCabe den aktuellen Angriffsbemühungen von Wladimir Putins Invasionsarmee im Ukraine-Krieg. Die Analysten des „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) benennen das, was auch anderen Beobachtern immer deutlicher wird: dass die Verteidiger die jetzt im fünften Jahr laufende „Spezialoperation“ der Russen drehen. Alexey Yusupov sieht in dem Abnutzungskrieg eine Wette beider Seiten auf Zeit. Und die läuft möglicherweise für die Verteidiger günstiger, so der Analyst der „Friedrich-Ebert-Stiftung“ gegenüber dem ZDF.

Neue Hoffnung für die neuen Kräfte: Rekruten der Ukraine während ihrer Grundausbildung. Im Ukraine-Krieg mehren sich die Zeichen, dass dem Aggressor Wladimir Putin und seiner Invasionsarmee die Kräfte ausgehen. Was aber noch lange keinen Sieg der Ukraine bedeutet.

In diesem Frühling liege etwas Seltsames in der Luft, behauptet Francis Farrell – tendenziell gewännen die russischen Truppen nach der Pause durch den Winter wieder an Tempo, konstatiert der Autor des Kyiv Independent. Allerdings hat dieses Jahr anders angefangen, so Farrell: „Statt wie üblich im Frühjahr wieder an Fahrt aufzunehmen, stagnierten die russischen Gebietsgewinne, sodass Moskau angesichts seiner anhaltend hohen Verluste so gut wie nichts vorzuweisen hat.“ Analysten deuten vorsichtig an, dass dieses Jahr eine Wende bedeuten könnte. Die Ukraine hätte diesen, ihnen aufgezwungenen Krieg inzwischen besser verstanden, meint beispielsweise Mick Ryan. Der Autor der schwedischen Essay-Plattform „Engelsberg Ideas“ sieht „mehrere frühe Anzeichen dafür, dass sich der Kriegsverlauf zugunsten Kiews verschiebt“, wie er schreibt.

Russland taumelt: Abgespeckte Militärparade legt nahe, dass die Angst bis in den Kreml geschlichen sei

Analysten beurteilen generell die jüngst abgespeckte Version der Militärparade zum Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland dahingehend, dass die Angst bis in den Kreml geschlichen sei: die Angst davor, dass die Ukraine weite Schläge bis hinein auf den Roten Platz führen könne. Die gesteigerten Langstrecken-Kapazitäten der Ukraine sind ein Anzeichen dafür, dass Russland dazu übergehen mag, die eroberten Territorien zu halten, anstatt weiter Boden gutzumachen zu versuchen. Und wenn auch nur, um eine bessere Ausgangsposition in Verhandlungen zu erhalten – was auch in der Vergangenheit gescheitert war. Ganz offensichtlich hat sich der Preis an Menschenleben für eroberten ukrainischen Boden enorm erhöht.

„In der Offensive um Pokrowsk beispielsweise erreichten sie eine durchschnittliche Vorwärtsgeschwindigkeit von lediglich 70 Metern pro Tag. Dies ist langsamer als bei den brutalsten Offensiven des letzten Jahrhunderts, einschließlich der berüchtigten Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg.“

Seth G. Jones & Riley McCabe, Center for Strategic and International Studies

Die ohnehin schon unerhörten Verlustzahlen des bisherigen Kriegsverlaufs hätten sich in diesem Jahr zu einer katastrophalen Bilanz ausgewachsen, konstatiert Mick Ryan: „Die Kosten pro Quadratmeile (2,59 Quadratkilometer) sind von etwa 120 russischen Soldaten im Jahr 2025 auf 780 in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 gestiegen.“ Die Ukraine ist offenbar erfolgreicher darin geworden, die Russen in ihren Stellungen festzunageln und die eigenen Verteidigungslinien besser zu halten – der Fortschritt vollzieht sich weitestgehend nur noch Schritt für Schritt: Russland habe zwischen Januar und Mai 2026 rund 150 Quadratmeilen Territorium hinzugewonnen und damit die Hälfte dessen, was der russische Angriffsschwung im gleichen Zeitraum des Vorjahres eingebracht hätte.

Militärparade am Tag des Sieges: Putins Verluste werden in Moskau deutlich

Am 9. Mai feiert Russland den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland.
Russische Soldaten stehen in einer Formation vor der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Nordkoreanische Soldaten stehen in einer Formation vor der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Nordkoreanische Soldaten warten auf den Beginn der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Militärparade am Tag des Sieges: Putins Verluste werden in Moskau deutlich

Eingedenk der Tatsache, dass die kleineren Gewinne auch viel mehr Menschenleben auf russischer Seite gefordert haben. Laut dem britischen Sender LBC sollen die Russen im März 2026 so hohe Verluste provoziert haben wie noch in keinem Monat zuvor im gesamten Ukraine-Krieg: 35.000 Kräfte. Nahe der Stadt Saporischschja seien die Russen genauso zum Stehen gebracht worden wie in der nach wie vor umkämpften Stadt Pokrowsk; im Verwaltungsbezirk Donezk sollen den Russen jeweils nur strategisch unbedeutende Siege ermöglicht worden sein, so der Kiyv Independent. Der Ukraine scheint somit Zweierlei gelungen zu sein: Einerseits konnten sie ihre Fronten stabilisieren.

Offensiven stagnieren: durchschnittliche Vorwärtsgeschwindigkeit von lediglich 70 Metern pro Tag

„In der Offensive um Pokrowsk beispielsweise erreichten sie eine durchschnittliche Vorwärtsgeschwindigkeit von lediglich 70 Metern pro Tag“, schreiben Jones und McCabe. Laut den CSIS-Analysten seien die Offensiven selbst an der französischen Somme schneller vorwärtsgekommen – also während eines der berüchtigsten und brutalsten Angriffe des Ersten Weltkriegs. Trotz des enorm hohen Einsatzes von Menschen und Material ist Russland in den vergangenen zwei Jahren aber wiederholt daran gescheitert, die tief gestaffelte Verteidigung nachhaltig zu durchbrechen. In dieser „Wette auf Zeit“, als die Alexey Yusupov diesen Abnutzungskrieg beschreibt, setzen beide Seiten darauf, dass ihren jeweiligen Gegnern die Kosten über den Kopf wachsen und ihn zum Aufgeben zwingen.

Andererseits scheint ihnen möglich geworden zu sein, den Krieg bedrohlich nah an den Kreml heranzutragen. Putins Angst spüre man schon seit Monaten, zitiert das ZDF den Militärexperten Gustav Gressel angesichts dessen, dass Russland während seiner Militärparade erstens das Internet zeitweise abgeschaltet hat, um die Kommunikation zu feindlichen Drohnen zu unterbinden, und zweitens auf die Zurschaustellung von Militärtechnik verzichtete. „Krieg ist letztlich ein Lernwettbewerb. Die Seite, die schneller beobachtet, analysiert und sich anpasst als ihr Gegner, erlangt einen Vorteil, den Masse allein nicht ausgleichen kann“, schreibt Mick Ryan. Der ehemalige General der australischen Armee sieht aktuell den schnelleren Lernfortschritt auf Seiten der Verteidiger.

Tomahawk-Krise: Donald Trump sei jederzeit ein Dolchstoß in den Rücken der Ukrainer zuzutrauen

Von Russlands Schwung aus den Anfangstagen der völkerrechtswidrigen Invasion ist kaum noch etwas vorhanden. Die bisherige „Wette auf die Zeit“ hat also die Ukraine für sich entschieden – obschon Russland immer noch länger aushalten könnte als die Ukraine. Immerhin soll Russland weiterhin 75.000 Quadratkilometer und damit rund zwölf Prozent der Ukraine erobert haben und etwa 120.000 Quadratkilometer, also etwa 20 Prozent, der Ukraine kontrollieren, wie die CSIS-Analysen ergeben. Allerdings stagnieren die russischen Gebietsgewinne seit mindestens zwei Jahren. Schlimmer noch: Die russische Wirtschaft bewege sich weit unterhalb der Möglichkeiten einer Großmacht, behaupten Jones und Riley – ihnen zufolge schwinde Russlands militärische wie wirtschaftliche Macht unaufhörlich.

Die Ukraine wiederum stellt mittlerweile genau das Gegenteil dar: „Entscheidend für Kiew ist, dass die ukrainische Verteidigungsindustrie der neuen Ära zu einem strategischen europäischen Gut geworden ist“, so Mick Ryan. Die ukrainischen Rüstungsgüter wie der Flamingo-Marschflugkörper werden sogar als Kandidaten für die Portfolios von NATO-Partnern gehandelt. Aufgrund der von den USA verschuldeten Tomahawk-Krise wird in Deutschland sogar vorgeschlagen, mit der Ukraine gemeinsam Marschflugkörper oder Mittelstreckenraketen zu entwickeln. In der in der Ukraine ausgetragenen Auseinandersetzung David gegen Goliath scheinen die Kontrahenten die Rollen zu tauschen. Analysten warnen allerdings davor, die Ukraine verfrüht zum Sieger zu küren. Russland taumelt, steht aber weiterhin – auch zu seinen Zielen.

Auch Putin verteidige beharrlich seine Macht, urteilt Alexey Yusupov. Und US-Präsident Donald Trump sei jederzeit ein Dolchstoß in den Rücken der Ukrainer zuzutrauen. Nicht zuletzt drängt Mick Ryan weiterhin auf „einen entsprechenden Schwung im Informationsraum“, wie er schreibt. Putin müsse daran gehindert werden, mit seinen Behauptungen die westliche Unterstützergemeinschaft zu entzweien. Die Ukraine könne sich kaum leisten, dass ihnen die Unterstützung wegbreche – das hätte auch Erschütterungen in den Schützengräben zur Folge. Noch ist Russland ein gefährlicher Gegner; noch kann Russland mehr Soldaten rekrutieren, als an der Front verloren gehen. Noch drückt Russland in jeder Nacht gegen die Verteidigungsstellungen und auf die Moral der Zivilbevölkerung.

Wichtig sei, dass die Ukraine den russischen Bären ins Wanken gebracht und an den Rand des wirtschaftlichen Ruins gedrängt hat. Das müsse die Welt erfahren, um über diesen Kipppunkt hinaus zur Ukraine zu stehen, so Mick Ryan in seinem Essay für die „Engelsberg Ideas“. „Putins Theorie des Kriegssieges – nämlich die westliche politische und gesellschaftliche Geduld zu überdauern und dadurch einen größeren Willen zu demonstrieren – ist bisher nicht substanziell widerlegt worden.“ (Quellen: Center for Strategic and International Studies, Friedrich-Ebert-Stiftung, Kyiv Independent, Engelsberg Ideas, LBC) (hz)

Rubriklistenbild: © Roman Pilipey / AFP

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