Folgen des Ukraine-Kriegs
Putin plant neue Mobilisierung – und riskiert damit den Volkszorn der Russen
Putins Armee blutet aus: Mehr als 30.000 Tote pro Monat, kaum Geländegewinne – jetzt könnte eine neue Mobilisierungswelle drohen.
Wladimir Putin soll eine neue Mobilisierungswelle planen, da der Zustrom von Soldaten in die Ukraine versiegt. Der Schritt könnte nach den Wahlen zur Staatsduma im September erfolgen, berichteten Quellen russischen Medien zufolge, wobei neue Abgeordnete damit beauftragt würden, der Bevölkerung die Mobilisierung „zu verkaufen“, meldeten russische Telegram-Kanäle. Der Kreml steht unter zunehmendem Druck, seine Armee aufzufüllen, die an der Front kaum Fortschritte macht und mit mehr als 30.000 Todesopfern pro Monat rekordhohe Verluste erleidet.
Der Zustrom neuer Rekruten, die sich für den Kampf in der Ukraine melden, ist in diesem Frühjahr im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Drittel zurückgegangen, wie aus Daten hervorgeht, die Verstka erhalten hat. Acht Quellen aus der Präsidialverwaltung und dem Wehrersatzwesen teilten Verstka und Vazhnyye Istorii, zwei unabhängigen russischen Medien, mit, dass der Gedanke an eine Mobilisierung erstmals seit der desaströsen Einberufung im Jahr 2022 wieder auf dem Tisch liege. Russlands einzige frühere Mobilisierung im September 2022 löste eine Ausreisewelle von rund 700.000 Russen aus – eine Zahl, die in etwa der Größe der gesamten in der Ukraine eingesetzten Streitmacht Moskaus entspricht.
Ukraine-Krieg: Folgen der ersten Mobilisierung und ökonomischer Aderlass in Russland
Diese Gruppe stammte überproportional aus den jungen, gebildeten und wohlhabenden Schichten des Landes: 85 Prozent waren unter 35 Jahre alt, 80 Prozent verfügten über irgendeine Form höherer Bildung. Fast 11,5 Prozent der Bankersparnisse der Russen, rund 4 Billionen Rubel (40,5 Mrd. Pfund), verließen 2022 das Land. Putin soll sich seither gescheut haben, erneut zur Mobilisierung zu greifen, und stattdessen auf lukrative Löhne und Prämien für Freiwillige sowie auf Rekrutierung an den Rändern der Gesellschaft gesetzt haben, darunter Häftlinge, Arbeitsmigranten und Schuldner.
Andere Quellen, die mit den Medien sprachen, sagten jedoch, dass sie wegen der politischen Risiken eher damit rechneten, dass der Kreml auf alternative Maßnahmen wie die Einberufung von Reservisten zurückgreifen werde. Ukrainische Militärvertreter gehen zudem davon aus, dass der Kreml auch 18.500 Ausländer anwerben will. Bislang haben sich laut einem neuen Bericht, der gemeinsam von Truth Hounds, der International Federation for Human Rights (FIDH) und regionalen Partnern erstellt wurde, mindestens 27.000 ausländische Staatsangehörige aus mehr als 130 Ländern zum Dienst in der russischen Armee gemeldet.
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Russland und der Ukraine-Krieg: Finanzielle Anreize und irreführende Versprechen
Angesichts sinkender Zahlen neuer Rekruten im Inland haben sich die durchschnittlichen monatlichen regionalen Zahlungen für Werber in diesem Jahr mehr als verdoppelt, während auch die Prämien für Rekruten stark gestiegen sind. „Aktionen“ versprechen zudem höhere Vergütungen für den Abschluss eines Vertrags vor einem bestimmten Stichtag. Bewerbern werden zunehmend „Rückraum“-Tätigkeiten als Fahrer, Wachpersonal und Bauarbeiter oder sogar als „Friedenstruppen“ angeboten – eine Rolle, die offenbar gar nicht existiert –, bevor sie an die Kontaktlinie geschickt werden.
Truppenmangel hat zu viralen Videos aus der Stadt Pensa geführt, in denen vermummte Wehrersatzoffiziere Menschen auf offener Straße aufgreifen und in Musterungsämter bringen. Suchanfragen nach Begriffen rund um „Mobilisierung“ bei Yandex, dem russischen Google, haben sich zwischen Januar und April mehr als vervierfacht. „Die Dinge entwickeln sich nicht ganz wie geplant, und die am Prozess Beteiligten werden kreativ“, sagte eine dem Kreml nahestehende Quelle gegenüber Verstka. „Es ist unklar, was die Mobilisierung grundsätzlich ändern würde, außer Protest zu mobilisieren und einen wirtschaftlichen Kollaps auszulösen.“
Russlanns im Ukraine-Krieg: Militärische Rückschläge und sinkende Rekrutenqualität
„Im Frühjahr gab es keine wirkliche politische Vorbereitung, aber es gibt jetzt viele Gründe für diese Entscheidung: die gescheiterte Offensive, den Verlust der Initiative, die Ineffektivität der Luftverteidigung“, sagte eine weitere dem Kreml nahe stehende Quelle. Nach Angaben russischer Soldaten an der Front, die mit Verstka sprachen, hat sich die Qualität der eintreffenden Rekruten drastisch verschlechtert, da sich die Lage vor Ort weiter zuspitzt. Ein einberufener Soldat sagte, viele Soldaten seien „kampfunfähig“.
„Einige werden aus dem Gefängnis geholt, andere von der Straße ... auch Kriminelle, oft bereits in einem Alter und einem so schlechten Gesundheitszustand, dass sie kaum noch stehen können ... Menschen, die buchstäblich bis vor Kurzem noch auf der Straße lagen“, sagte er. „Sie sind Verbrauchsmaterial.“ Ein anderer, der an der Front bei Charkiw dient, sagte: „Wir kämpfen seit Januar um etwa 300 Quadratmeter – ständiges Artillerie-Pingpong, viele Tote und Verwundete ... Uns fehlt alles: Personal, Granaten, Drohnen. Wir essen Viehfutter.“
Hohe Verluste und begrenzte Geländegewinne für Russland im Ukraine-Krieg
„Neue Zeitsoldaten überleben nicht länger als einen Monat, wenn sie keine Beziehungen haben“, sagte eine weitere Militärquelle und fügte hinzu, von denen, die überlebten, desertiere etwa die Hälfte. Seit Beginn der groß angelegten Invasion sind laut Anne Keast-Butler, der Chefin des britischen Nachrichtendienstes GCHQ, fast 500.000 russische Soldaten getötet worden. Moskaus Truppen konnten in der Ukraine in diesem Jahr nur minimale Geländegewinne feiern.
Im Mai verbuchte Russland trotz um 37,5 Prozent verstärkter Angriffe seine geringsten monatlichen Gebietsgewinne seit Oktober 2023. Die mittelfristige Logistikkampagne der Ukraine und ihre Langstreckenangriffe auf Raffinerien und militärische Infrastruktur haben zudem eine wachsende militärische und politische Bedrohung dargestellt. Am Mittwoch sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, Russland sei gezwungen gewesen, Luftabwehrsysteme nach Moskau und zur Krim-Brücke, einer Nachschubroute, die die Krim mit dem russischen Festland verbindet, zu verlegen, um sich gegen Drohnen aus Kiew zu schützen. (Dieser Artikel von Antonia Langford entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk)
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