Duma diskutiert VPN-Blockade
Mysteriöse Internetausfälle in Moskau: Zensiert Putin bald Russlands Internet?
In Moskau kommt es seit Tagen zu massiven Internetstörungen – laut Kreml aus Sicherheitsgründen. Kritiker sehen darin einen Test für mehr Kontrolle.
In Moskau sorgen anhaltende Internet-Ausfälle und eingeschränktes mobiles Internet für wachsende Unruhe. Seit Tagen berichten Nutzer über massiven Ausfall von mobilem Internet, gestörte Apps und blockierte Websites. Während der Kreml die Maßnahmen mit Sicherheitsgründen erklärt, befürchten Kritiker eine weitere Verschärfung der staatlichen Kontrolle über das Netz in Russland.
Bereits seit etwa einer Woche haben Bewohner der russischen Hauptstadt mit Internetstörungen zu kämpfen. Einige Menschen hatten offenbar gar kein Netz, konnten also auch nicht telefonieren. Besonders betroffen sind zentrale Bezirke der Metropole, berichtet United24Media basierend auf einer Analyse von Nutzerkommentaren auf dem Portal „Downdetector“. Im Alltag der Moskauer sorgt das für massive Einschränkungen: „Ich habe Probleme, ein Taxi zu bestellen, Arbeitsmails zu schicken oder einfach nur meiner Familie zu schreiben“, so ein Bewohner gegenüber The Guardian. Laut der Moscow Times kam es auch in St. Petersburg zu ähnlichen Problemen.
Kreml-Sprecher Peskow bestätigt Internet-Einschränkung – aus Sicherheitsgründen
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bestätigte die Einschränkungen und verteidigte sie als Schutzmaßnahme. „Ich denke, die Bürger sollten hier keinen Zweifel haben, dass das Wichtigste die Gewährleistung der Sicherheit ist“, zitierte ihn die dpa. Die Moscow Times zitierte Peskow wie folgt: „Alle Abschaltungen und Beschränkungen der Kommunikation erfolgen strikt in Übereinstimmung mit der geltenden Gesetzgebung.“
Russische Behörden führen die Maßnahmen unter anderem auf mögliche Bedrohungen durch ukrainische Drohnenangriffe zurück. The Guardian betonte jedoch, dass Experten dies für wenig effektiv hielten. Nach russischem Gesetz könnte ein Risiko für Cyberattacken oder schwere Technikfehler ebenfalls zu Einschränkungen führen, so die ukrainische Nachrichtenseite United24Media.
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Wirtschaft in Russland leidet unter Internetstörungen – Comeback der Pager und Walkie-Talkies
Peskow gestand auch wirtschaftliche Probleme ein. Diese bedürften einer „zusätzlichen Analyse“, zitierte die Moscow Times den Kreml-Sprecher. Die Einschränkungen treffen zahlreiche digitale Dienste, die im Alltag vieler Russen inzwischen selbstverständlich sind. Laut dpa funktionieren etwa Taxi-Apps, Lieferdienste oder Messenger teilweise nur eingeschränkt. In Geschäften müssen Kunden teilweise wieder bar bezahlen.
Auch Unternehmen spüren die Folgen. The Guardian berichtet von einer Schätzung der russischen Wirtschaftszeitung Kommersant, wonach die Verluste durch die Internetprobleme in Moskau bis zu eine Milliarde Rubel pro Tag erreichen könnten. Selbst im russischen Parlament kam es wohl zu Problemen, so The Guardian. Abgeordnete der Staatsduma beschwerten sich offenbar darüber, dass mobiles Internet und WLAN im Gebäude zeitweise nicht funktionierten.
Angesichts der instabilen Internetverbindungen greifen viele Menschen zu älteren Kommunikationsmitteln. Der Verkauf von Walkie-Talkies stieg um 27 Prozent, während der Absatz von Pagern sogar um 73 Prozent zunahm, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf Daten der Onlinehandelsplattform Wildberries. Auch analoge Hilfsmittel erleben offenbar ein Comeback: Der Verkauf von Straßenkarten stieg laut Tass um 170 Prozent.
Erst der Anfang von Putins neuer Zensur? Whitelist-Modell und VPN-Blockade in Russland im Gespräch
Menschenrechtsaktivisten vermuten, dass Russland unter Präsident Wladimir Putin möglicherweise ein neues System testet, bei dem nur noch eine begrenzte Liste staatlich zugelassener Websites erreichbar ist. Dieses sogenannte „Whitelist“-Modell würde lediglich wichtige Dienste wie Online-Shops, Lieferdienste oder Apotheken freischalten, so The Guardian.
Bereits jetzt blockiert Russland zahlreiche internationale Plattformen. WhatsApp, Facebook und YouTube sind im Land stark eingeschränkt oder blockiert. Stattdessen sollen die Menschen in dem Land Alternativplattformen nutzen, die als Instrument für Geheimdienstüberwachung kritisiert werden. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs sind auch Internetabschaltungen in Russland deutlich häufiger geworden. Die Moscow Times berichtete, dass das Land 2025 weltweit an erster Stelle bei der Zahl solcher Störungen lag.
Parallel diskutiert die russische Politik weitere Einschränkungen. Der stellvertretende Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Informationspolitik, Andrei Swinzow, erklärte gegenüber der Tass: „Ich denke, dass unsere Geheimdienste innerhalb von drei bis sechs Monaten in der Lage sein werden, VPN-Verkehr einzuschränken oder zu blockieren. Jeglichen VPN-Verkehr.“ VPN-Dienste gelten derzeit als eine der letzten Möglichkeiten für viele Russen, gesperrte Webseiten zu erreichen. (Quellen: Guardian, United24Media, Moscow Times, dpa, Tass) (lismah)