Nach WM-Debakel
Kommentar zur DFB-Trainerfrage: Kandidat Klopp
Julian Nagelsmann sollte sich den Job als Bundestrainer nach dem desolaten Auftritt seiner Mannschaft beim WM-Aus nicht mehr antun, aber die Probleme liegen natürlich tiefer. Ein Kommentar.
Eine Nationalmannschaft muss in einem Turnier wachsen. Diese deutsche Mannschaft ist geschrumpft. Ihr Auftritt zum schlechten Ende mit drei vergebenen Elfmetern fasst die Widerstandslosigkeit kompakt zusammen. Im operativen Geschäft hat es nicht gepasst. Wie betäubt wirkten Team und Trainer gegen einen Gegner, dessen Mittel schlichter nicht hätten sein können. Der Fußball als Abbild des ganzen Landes: Deutschland mangelt es an Tempo.
Strategisch hat sich der deutsche Fußball bereits seit einem Jahrzehnt von der Weltspitze verabschiedet. 2018, 2022 und nun wieder 2026 ging die DFB-Elf jeweils aus dem WM-Turnier, ohne überhaupt auf einen der Weltmarktführer getroffen zu sein. Bei den Europameisterschaften 2021 (Aus gegen England) und 2024 (Aus gegen Spanien) war jeweils vorzeitig Schluss, sobald ein Großer sich in den Weg stellte. Das ist die bittere Realität.
Darf Nagelsmann wie Löw und Flick als Bundestrainer weitermachen?
Nacheinander sind die Bundestrainer Joachim Löw, Hansi Flick und Julian Nagelsmann an ihrer Aufgabe verzweifelt. Löw und Flick durften ungeachtet ihres Scheiterns 2018 und 2022 weiterwursteln. Der Verband war seinerzeit jeweils zu schwach und unentschlossen, um die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Ist er es dieses Mal wieder?
Rudi Völler hat 2004 als Teamchef nach dem EM-Vorrundenaus von sich aus Konsequenzen gezogen und noch in der Nacht seinen Rücktritt erklärt. Er wusste, dass die Bürde zu schwer ist. Schon im Fall Flick verpasste er es jedoch als einer der Meinungsführer im Verband, zeitig ähnlich konsequent zu handeln. Bei Nagelsmann schickt der Sportdirektor sich erneut an, es laufen zu lassen.
Völler sollte es, bei allem persönlichen Respekt vor der Expertise des Bundestrainers, besser wissen. In einem medial aufgeheizten Fußballtraditionsstandort wie Deutschland hilft es nicht, jemandem das Vertrauen auszusprechen, der schon zu viel Vertrauen verloren hat. Auch Nagelsmann selbst sollte sich das nicht antun.
Natürlich wurden umgehend nach der Schlappe einer Mannschaft, in der am Ende nichts mehr stimmte, medial reflexartige Forderungen formuliert: Jürgen Klopp soll übernehmen und das deutsche Team zur EM 2028 in England führen.
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Neben der ehrenvollen Aufgabe dürfte Klopp auch der Austragungsort reizen. Auf der Insel wird er als Ikone wahrgenommen. Hierzulande hat er als Schatten-Bundestrainer durch die Annahme des Jobs als TV-Experte allerdings eine öffentliche Rolle eingenommen, die er sich, dem DFB und Nagelsmann besser erspart hätte.
Klopps Einfluss in den DFB und die Bundesliga hinein ist zuletzt gewachsen. Er gehört der Expertengruppe zur Zukunft des deutschen Fußballs an. Sein Verhältnis zum nach wie vor einflussreichen Ligaboss Hans-Joachim Watzke ist ungebrochen eng. Seine Akzeptanz im Fußballvolk scheint auch durch die deplatzierte Äußerung zu WM-Beginn (Nagelsmann sei „noch“ Bundestrainer) und seine Tätigkeit fürs Brauseimperium Red Bull nicht nachhaltig beschädigt. Das macht ihn zu einem seriösen Kandidaten.
Klopp wäre zuzutrauen, eine neue Dynamik im wie apathisch wirkenden DFB-Team auszulösen. Aber personell sind die Grenzen eng gesteckt. Außer Jamal Musiala und Florian Wirtz, beide bei der WM weitgehend außer Form, existiert hierzulande kein Profi von absolutem internationalem Topformat. Die Bundesliga-Spitzenspieler kommen aus England (Harry Kane), Frankreich (Michael Olise) und Kolumbien (Luis Díaz). Die daraus resultierende Bayern-Überlegenheit tut ihr Übriges in einer nationalen Liga, die sich vor allem aus der regionalen Begeisterung ihrer Fans nährt.
Das ist ein Problem der Ausbildung, das schon Oliver Bierhoff vor zehn Jahren erkannt hatte. Sein „Projekt Zukunft“ scheiterte. Bierhoff lief gegen Wände der Ablehnung. Einen Gutteil der Folgen sehen wir jetzt. Immerhin wird seit einiger Zeit gegengesteuert. Ein paar Talente sind in Sicht. Aber es sind wohl nicht genügend, um stabil ganz oben anzugreifen.
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