Fragezeichen um Schlüsselposition

Dem FC Bayern droht ein Kahn-Déjà-vu mit Manuel Neuer

Drei Jahre suchte der FC Bayern vergeblich nach einem adäquaten Nachfolger für Oliver Kahn. Jetzt droht das gleiche Drama mit Manuel Neuer.

München – Während Real Madrid mit Thibaut Courtois und Andriy Lunin gleich zwei Torhüter auf Top-Niveau im Kader hat, der FC Barcelona mit Joan García, Wojciech Szczęsny und Marc-André ter Stegen sogar drei Spitzenkeeper in seinen Reihen hat, steht dem FC Bayern ein Problem bevor, das fatal an die Zeit nach Oliver Kahns Karriereende erinnert.

Manuel Neuer wird in dieser Saison 40 Jahre alt – und für die Zeit nach seinem Abgang ist die Nachfolge noch nicht eindeutig geregelt.

Die Parallelen beim FC Bayern zur Ära nach Oliver Kahn

Als Oliver Kahn 2008 seine legendäre Laufbahn beendete, galt Michael Rensing als der logische Nachfolger. Der damals 24-jährige Keeper hatte sich hinter dem Titan entwickelt und sollte nahtlos übernehmen. Bayern-Manager Uli Hoeneß war sich so sicher, dass er vollmundig verkündete: „Lehmanns Nachfolger in der Nationalelf wird auf jeden Fall Rensing und sonst keiner. Da können sich alle anderen auf den Kopf stellen.“

Doch die Realität sah anders aus. Rensing scheiterte am enormen Erwartungsdruck und der ständigen Kritik. „Ehrlich, ich habe es mir leichter vorgestellt. Mir war schon klar, dass ich mit Kahn verglichen werde, aber dass selbst nach souveränen Spielen nach Fehlern gesucht wird, das war mir neu“, gab Rensing 2009 gegenüber der Süddeutschen Zeitung zu.

Michael Rensing (l.) sollte beim FC Bayern Oliver Kahn (r.) ersetzen – und scheiterte daran.

Die Folgen waren verheerend: Drei Jahre lang suchte Bayern vergeblich nach einer Lösung. Michael Rensing, Hans-Jörg Butt und Thomas Kraft standen in der Zwischenzeit zwischen den Pfosten, doch keiner konnte die immense Lücke füllen, die Kahn hinterlassen hatte. Erst 2011 mit Neuer fand der Rekordmeister wieder einen Weltklasse-Torhüter.

Jonas Urbig: Talent mit Fragezeichen

Heute steht Jonas Urbig in einer ähnlichen Situation wie damals Rensing. Der 21-Jährige wechselte im vergangenen Winter für sieben Millionen Euro vom 1. FC Köln nach München und sammelte bereits wertvolle Erfahrungen. In zwölf Pflichtspielen stand er für die Bayern im Tor, darunter viermal in der K.o.-Phase der Champions League.

Sportvorstand Max Eberl zeigte sich optimistisch: „Jonas ist ein sehr talentierter Torwart und genau das, was wir uns mit dieser Entscheidung vorgestellt haben.“ Urbig habe „großes Potenzial“, so Eberl weiter. Auch Neuer selbst unterstützt den Aufbau seines möglichen Nachfolgers: „Es ist so, dass es eine Absprache gibt. Wir versuchen natürlich, dass sich der Jonas weiter entwickeln kann und das kann er ja nur, wenn er auch spielt.“

Kann Jonas Urbig (r.) aus dem Schatten von Manuel Neuer (l.) heraustreten?

Für die kommende Saison ist ein „Jobsharing“ geplant. Neuer wird bewusst auf Spiele verzichten, um Urbig Spielpraxis zu ermöglichen. Es werde „in Absprache mit dem Trainer und dem Torwartteam“ auf jeden Fall Partien geben, „in denen Jonas spielt“, bestätigte der Kapitän.

Die Nübel-Option wird immer fraglicher

Alexander Nübel, einst als Neuer-Nachfolger geholt, befindet sich bereits im dritten Leihjahr beim VfB Stuttgart. Der mittlerweile 29-Jährige war 2020 ablösefrei von Schalke 04 gewechselt, fand aber keinen Weg vorbei an Neuer. Nach Stationen in Monaco und nun Stuttgart stellt sich die Frage, ob Nübel überhaupt noch eine Perspektive beim FC Bayern besitzt. Seine Leihe läuft noch bis Ende der Saison 2025/26.

Nübel selbst hatte stets erklärt, dass für ihn eine Rückkehr zum FC Bayern nur dann Sinn ergebe, wenn Neuer nicht mehr da ist. Mit bald 29 Jahren bringt er zwar Erfahrung mit, ist aber auch nicht mehr der Jüngste.

Hoeneß‘ harte Lehren aus der Rensing-Zeit

Die Erfahrungen mit Michael Rensing sollten Bayern eine Warnung sein. Damals prangerte Uli Hoeneß die fehlende Professionalität seines Schützlings an: „Als klar war, dass er die Nummer 1 ist, hätte ich erwartet, dass er sich den Arsch aufreißt, dass er im Urlaub trainiert wie ein Geisteskranker. Das war alles nicht der Fall. Er kam in einem katastrophalen Zustand zum Training.“

Sieben Spieler im letzten Vertragsjahr – Die Laufzeiten der Stars des FC Bayern

Torhüter Manuel Neuer hat hingegen noch einen gültigen Vertrag bis zum 30.06.2026.
Genau wie Nationalspieler Leon Goretzka. Dieser galt in der vergangenen Saison als möglicher Abschiedskandidat beim FCB, kämpfte sich jedoch zurück und war in der Meistersaison ein wichtiger Faktor.
Serge Gnabry hat ebenfalls einen gültigen Vertrag bis zum 30.06.2026. Der Flügelspieler lief in der abgelaufenen Saison jedoch seinen eigenen Erwartungen hinterher. (7 Tore, 8 Vorlagen)
Der flexibel einsetzbare Raphaël Guerreiro hat beim FC Bayern noch einen Vertrag bis zum 30.06.2026.
Sieben Spieler im letzten Vertragsjahr – Die Laufzeiten der Stars des FC Bayern

Rensing selbst reflektierte: „Jede Kleinigkeit wurde so bewertet, wie es wahrscheinlich noch nie bei einem Spieler auf diesem Planeten der Fall gewesen ist. Ich glaube, dass meine Leistung in der Bundesliga okay war.“ Im Sommer 2010 und damit nur zwei Jahre nach dem Rücktritt von Kahn verließ er die Bayern, der Vertrag wurde damals nicht verlängert.

Kahn analysierte später das Scheitern seines Nachfolgers: „Der Bruch bei ihm kam, als Jürgen Klinsmann zu den Bayern geholt wurde. Plötzlich setzte Klinsmann auf Jörg Butt und seitdem ist bei Michael Rensing keine Stabilität mehr reingekommen.“

Wie lange bleibt Manuel Neuer noch beim FC Bayern?

Ob Neuer seinen Vertrag beim FC Bayern im kommenden Jahr noch einmal verlängert, ist unklar, aber möglich. Sein aktueller Kontrakt läuft bis Ende Juni 2026. Die italienische Torwart-Ikone Gianluigi Buffon hat bewiesen, dass man sogar bis 45 aktiv sein kann. Allerdings war Buffon in den letzten Jahren seiner Karriere – vor allem bei den Spitzenklubs Juventus und Paris Saint-Germain – nicht mehr unangefochtener Stammspieler. Ob Neuer dem Beispiel von Buffon folgt, ist fraglich.

Dem 1,89 Meter großen Urbig wird zugetraut, perspektivisch Stammtorhüter beim FC Bayern zu werden. Doch ihm fehlt noch die Erfahrung auf absolutem Top-Niveau. Die Gefahr, dass er wie einst Rensing am enormen Druck scheitert, ist real.

Der FC Bayern braucht einen Alternativplan

Der FC Bayern muss Urbig strategisch zur Nummer eins aufbauen, zumal auch ungewiss ist, welche Leistungen Nübel fortan beim VfB Stuttgart zeigen wird. Das geplante „Jobsharing“ mit Neuer ist ein wichtiger Schritt, um dem jungen Keeper die nötige Spielpraxis zu verschaffen.

Doch die Münchner sollten aus der Post-Kahn-Ära gelernt haben: Es bedarf eines Alternativplans, der sich mit der etwaigen Verpflichtung eines Weltklasse-Torhüters auseinandersetzt. Sky-Experte Dietmar Hamann brachte in diesem Zuge unlängst Gianluigi Donnarumma von PSG ins Spiel.

Denn Jahre ohne adäquaten Neuer-Nachfolger kann sich ein Klub mit Bayerns Ambitionen nicht noch einmal leisten. Die Zeit drängt – und die Geschichte mahnt zur Vorsicht.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Latin Sport Images

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