Kapitän könnte Auftakt verpassen

Emre Cans Ausfall beim BVB wirft klaren Blick auf eine heimliche Großbaustelle

Beim BVB wirkt Emre Cans Ausfall wie ein Alarmsignal. Er macht eine gefährliche Schwachstelle sichtbar, die die Führung bisher offenbar übersieht.

Dortmund – Die Nachricht sollte in Dortmund Alarmstimmung auslösen: Kapitän Emre Can droht wegen seiner hartnäckigen Muskelverletzung offenbar auch den Trainingsauftakt am 26. Juli, vielleicht sogar den Saisonstart zu verpassen. Sein Ausfall wäre kein normaler personeller Rückschlag.

Er wäre der Riss in der Fassade, der den Blick auf wohl am meisten ignorierte Großbaustelle beim BVB freilegt: die Innenverteidigung.

Während die Vereinsführung um Lars Ricken und Sebastian Kehl öffentlich von einem Kader spricht, bei dem „kein großer Umbruch“ nötig sei, offenbart die Realität ein Bild voller Risiken und strategischer Versäumnisse.

Die Probleme in der Abwehrzentrale sind keine Pechsträhne, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, die seit Monaten absehbar war und nun zu eskalieren droht.

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Eine BVB-Baustelle mit bröckelndem Fundament

Das Fundament der Dortmunder Defensive, Nationalspieler Nico Schlotterbeck, ist nach seinem Meniskusriss noch monatelang außer Gefecht. Zeitpunkt seiner Rückkehr und die Form, die er dann zeigen wird, sind völlig ungewiss. Mit ihm fehlt nicht nur der beste Verteidiger, sondern auch der emotionale Anführer und Architekt des Aufbauspiels. Die Hoffnung ruht auf ihm auch als zukünftigem Kapitän, doch bis dahin klafft ein riesiges Vakuum.

Dieses Vakuum sollte durch etablierte Kräfte gefüllt werden. Doch Niklas Süle bleibt ein teures Rätsel, dessen Gehalt in keinem Verhältnis zu seinen schwankenden Leistungen steht. Emre Can, der eigentlich ohnehin nur Notnagel ist, fehlt selbst verletzt länger als erhofft. Süle und Can sind obendrein zum Monatsanfang in ihr letztes Vertragsjahr gegangen. Die Abwehr des BVB ist damit gleichzeitig kurz- und langfristig eine Baustelle, bei der die Statik bedrohlich wackelt.

Anton als einziger BVB-Fixpunkt – und dann?

Mit der Verpflichtung von Waldemar Anton ist dem BVB im Vorjahr zweifellos ein starker Transfer gelungen. Der Nationalspieler brauchte etwas Anlauf, war aber im starken Endspurt der Bundesliga-Saison ein wichtiger Leistungsträger von Dortmund. Das Problem: Anton ist aktuell der einzige Fixpunkt, mit dem geplant werden kann. Für eine Saison auf drei Hochzeiten bräuchte der vorherige Kapitän des VfB Stuttgart zwingend verlässliche Nebenmänner.

Das ist Süle in seiner Zeit beim BVB nie gewesen und sollte bei den Aushilfen Ramy Bensebaini sowie Can nicht einfach vorausgesetzt werden.

Umso irritierender ist die gespenstische Ruhe auf dem Transfermarkt. Die Verantwortlichen wiegeln ab und betonen, man könne „sicher keine fünf, sechs Top-Transfers machen“. Doch der Bedarf ist offensichtlich. Das Gerücht um Real-Talent Diego Aguado wirkt dabei durchaus seltsam: Als Linksfuß wäre er keine direkte Ergänzung, sondern stünde perspektivisch in Konkurrenz zu Schlotterbeck und Bensebaini.

Emre Can könnte dem BVB auch über den Trainingsstart Ende Juli hinaus fehlen.

Der BVB spielt mit dem Feuer

Die Warnung muss unmissverständlich sein: Es wäre ein fahrlässiges Vabanquespiel, eine Saison mit nur zwei voll fitten und gelernten Innenverteidigern (Anton, Süle) zu planen. Selbst wenn Can zurückkehrt und Bensebaini aushilft, bleibt die Decke viel zu dünn – mindestens bis zur Rückkehr von Schlotterbeck, dessen Leistungsfähigkeit niemand vorhersagen kann.

Dass der BVB dabei nicht auf die eigenen Talente bauen kann oder will, ist das letzte Puzzleteil des Problems. Trainer Niko Kovač gewährte dem Nachwuchs, wie etwa Filippo Mané, auch bei der FIFA Klub-WM kein Vertrauen. Soumaïla Coulibaly hat der Klub danach für gutes Geld an Racing Straßburg verkauft.

Die Führung riskiert sehenden Auges, die Saisonziele aufgrund einer selbstverschuldeten Schwachstelle zu gefährden. Das Schweigen über diese Großbaustelle verwundert deshalb.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Tim Rehbein/RHR-FOTO

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