„Situation ist gefährlich“

Bürgergeld-Bezieher blicken in düstere Zukunft: „Arbeitsmarkt ist im Wachkoma“

Der Sozialstaat gerät unter Druck: Die Bürgergeld-Reform beinhaltet Verschärfungen, außerdem fordern Wirtschaftsverbände weitere Kürzungen. Angesichts des Arbeitsmarkts ist das „gefährlich“.

Berlin – Die Bundesregierung arbeitet an der Bürgergeld-Reform, der Gesetzentwurf für die neue Grundsicherung soll im Dezember beschlossen werden. Damit will die Merz-Regierung die Arbeitsaufnahme der Erwerbslosen fördern, primär durch mehr Druck auf die Betroffenen. Denn diese müssen mit härteren Sanktionen rechnen. Dabei liegt die Jobsuche nicht allein in ihrer Hand. Der Arbeitsmarkt muss mitspielen – und dort ist die Lage kompliziert.

Die Zahl der Erwerbslosen sinkt im November minimal, doch der Arbeitsmarkt bleibt insgesamt eine große Baustelle. Sonst haben Bürgergeld-Beziehende kaum eine Chance auf Arbeit. (Symbolfoto)

„Die Schwäche der Konjunktur hält an und der Arbeitsmarkt bleibt ohne Schwung“, erklärte Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), bei der Vorstellung der Arbeitslosenzahlen am Freitag, 28. November. „Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung haben im November saisonüblich abgenommen.“ Tatsächlich ist die Zahl saisonüblich um 26.000 auf 2,89 Millionen gesunken. „Die Zahl der Beschäftigten stagniert und die Arbeitskräftenachfrage bleibt verhalten“, sagte Nahles jedoch. Die Arbeitslosenquote liegt nun bei 6,1 Prozent.

Arbeitsmarkt im „Wachkoma“: Merz-Regierung muss Thema zur Chefsache machen

Bei der Arbeitsagentur waren dabei 624.000 Stellen gemeldet, 44.000 weniger als noch vor einem Jahr. Die Chance auf einen Job ist für die Erwerbslosen gering – unabhängig, ob diese zu den 986.000 Menschen im Arbeitslosengeld oder 1,814 Millionen arbeitslosen Bürgergeld-Beziehenden gehören. Insgesamt gibt es laut der November-Hochrechnung der BA 3.819.000 erwerbsfähige Bürgergeld-Beziehende. Die Diskrepanz ergibt sich durch Menschen, die die Grundsicherung trotz Arbeit beziehen oder derzeit an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

„Der Arbeitsmarkt ist im Wachkoma“, erklärte Anja Piel, Teil des Vorstands des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). „Wiederbelebungsversuche lassen auf sich warten, weil die Koalition streitet und viele Unternehmen lieber den eigenen Standort schlecht reden, als endlich in die Hände zu spucken“, so Piel. „Die Situation ist gefährlich.“ Die Bundesregierung müsse die Belebung des Arbeitsmarktes zur „Chefsache“ machen.

Bürgergeld wird schon umgebaut, Wirtschaftsverbände überbieten sich mit „Ideen zum Sozialabbau“

„Die Wirtschaftsverbände müssen in den eigenen Reihen für Ordnung sorgen, anstatt jeden Tag mit neuen absurden Ideen zum Sozialabbau ganze Belegschaften zu verunsichern“, forderte Piel zudem. An die Regierung gerichtet, fuhr sie fort: „Und die Politik muss der Arbeitsverwaltung finanzielle Sicherheit geben, damit sie ihren Job machen kann.“ Auch das sei eine „Investition in die Zukunft.“

Neben der neuen Grundsicherung, die bei Miete und Vermögensregeln einige Verschärfungen mit sich bringt, sind derzeit weitere Errungenschaften des Sozialstaats unter Druck. Veronika Grimm, Teil der sogenannten Wirtschaftsweisen, hatte die Mindestlohn-Erhöhung kritisiert und eine Lockerung des Kündigungsschutzes gefordert. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag beenden.

Dazu geriet das Rentenpaket der Merz-Regierung, trotz Kabinettsbeschluss, unter Beschuss von der Jungen Gruppe der Unionsfraktion. Immerhin: Bei der Rente haben sich Union und SPD geeinigt und das Rentenniveau darf bis 2031 bei 48 Prozent garantiert werden. (Quellen: Bundesagentur für Arbeit, DGB)

Rubriklistenbild: © Jens Kalaene/dpa

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare