Rasantes Hin und Her in Hamm
Preis-Jojo an der Tankstelle: „Verstehe Kunden und ihren Ärger“
Die App zeigt einen attraktiven Preis an – doch kaum an der Tankstelle angekommen, gilt dieser bereits nicht mehr. Hinter dem Hin und Her steckt eine Masche.
Hamm – In Krisenzeiten wünschen sich die Menschen Verlässlichkeit und Beständigkeit. Doch zumindest beim Weg zur Tankstelle kann man darauf nicht bauen – im Gegenteil. Martin Richter, Chef des Portals Benzinpreis.de, ärgerte sich, dass der in einer App angezeigte Benzinpreis nach kurzer Anfahrt zur Tankstelle schon nicht mehr gültig war.
Preise an der Tankstelle: Erhebung zeigt Unterschiede
Er initiierte daraufhin im Zeitraum vom 12. bis 18. Mai 2025 eine Untersuchung der Preise an allen deutschen Tankstellen. In dieser Zeit veröffentlichte das Portal aus München 95 047 missbräuchliche Preismeldungen für Super-Benzin. Auch wenn man laut Richter noch nicht „von Betrug im strafrechtlichen Sinne“ reden könne, mache ihn „dieses Verhalten fassungslos“. 3851 Tankstellenbetreiber meldeten Preise, die nicht einmal fünf Minuten ihre Gültigkeit behielten – viele davon auch in Hamm.
So senkte die Esso-Tankstelle an der Kamener Straße in den frühen Morgenstunden am 13. Mai den Preis für nicht mal fünf Minuten um 5 Cent, um dann 21 Cent draufzuschlagen. Zwei Tage später dauerte es ebenfalls nur fünf Minuten, ehe nach einer Preissenkung von 5 Cent wiederum eine Erhöhung um 19 Cent erfolgte. Und am 16. Mai waren es sieben Minuten zwischen Preissenkung (erneut um 5 Cent) und Preiserhöhung (20 Cent).
„Wir verstehen, dass die Tankkundschaft die Preisänderungen an Tankstellen wahrnimmt“, sagt Christian Lange aus der Kommunikationsabteilung der EG Group, die das Tankstellennetz von Esso in Deutschland vertreibt, auf WA-Nachfrage. „Doch die 2013 eingeführte Markttransparenzstelle für Kraftstoffe sorgt ja gerade für die vollständige Transparenz der Benzin- und Dieselpreise auf dem deutschen Markt, was gut für die Kundschaft ist. Denn in einem hochgradig wettbewerbsintensiven Umfeld konkurrieren die Tankstellen über den Preis um jeden Autofahrer und jede Autofahrerin. Die meisten Änderungen an unseren Esso Tankstellen sind dabei Preissenkungen“, sagt Lange. Daher rate man den Kunden direkt dazu, Preis-Apps zu nutzen und zu einem für sie günstigen Zeitpunkt in ihrer Umgebung zu tanken.
„Die Schnelligkeit, mit der sich die Preise verändern, hat schon dramatisch zugenommen. Da verstehe ich auch die Kunden und ihren Ärger“, sagt dagegen Marcel Jandt von der Shell Tankstelle an der Dortmunder Straße. Auch diese Tankstelle taucht in der Auswertung auf, zum Beispiel mit einem Eintrag vom 15. Mai. In der Mittagszeit ging der Preis zunächst um 1 Cent runter, nach gut acht Minuten waren es wiederum 8 Cent mehr. „Die Kunden kommen zu uns – und schwupp, hat sich der Preis verändert“, sagt Jandt. „Das ist extrem geworden.“ Dabei kann der Tankstellenbetreiber vor Ort gar nichts ausrichten. Jandt: „Der Preismast wird ferngesteuert.“
Auch Michelle Fuchs von der Jet-Tankstelle in Pelkum hat schon häufig mit Kunden über die Preissprünge gesprochen. „Wir können leider nichts dafür, aber die Leute verstehen das auch. Ich sage immer: Achten Sie auf den Preis direkt an der Zapfsäule, selbst die große Anzeige kann mal von dem tatsächlichen Preis abweichen.“
Schwachstelle im Meldesystem ausgenutzt
Laut Martin Richter würde eine Schwachstelle im Meldesystem ausgenutzt. Denn nach den Vorgaben des Bundeskartellamtes müssen Tankstellen Preisänderungen binnen fünf Minuten melden. Doch diese Frist erlaubt einen einfachen Trick: Preissenkungen werden sofort gemeldet, Preiserhöhungen hingegen erst am Ende der Fünf-Minutenfrist. So erscheinen für volle fünf Minuten Preise, die in Wirklichkeit nur Sekunden galten – und das völlig legal. „Diese gezielte Verzögerung verzerrt das Preisbild massiv. Deshalb werten wir alle Preismeldungen mit einer Gültigkeit unter 15 Minuten grundsätzlich als Versuch der Verbrauchertäuschung. Bei einer 15-minütigen Preisgültigkeit bleiben dem Kunden also effektiv nur rund 7,5 Minuten, um zu reagieren“, sagt Richter.
So setzt sich der Benzinpreis zusammen
Nach Statista-Angaben entfielen im April 2025 bei einem Preis von rund 1,72 Euro pro Liter Super E10 circa 54 Prozent auf Steuern und Abgaben. Absolut summieren sich Mehrwertsteuer, Energiesteuer und der Beitrag an den Erdölbevorratungsverband (EBV) auf insgesamt 93,2 Cent je Liter Ottokraftstoff. Im europaweiten Vergleich ist der Kraftstoff nur in Dänemark (1,94 Euro) und den Niederlanden (1,87 Euro) teurer als in Deutschland.
Beim Bundeskartellamt ist das Preis-Jojo der Mineralölkonzerne grundsätzlich bekannt, wie dem letzten Marktbericht zu entnehmen ist. Demnach würden die Tankstellen in Deutschland ihre Kraftstoffpreise durchschnittlich 22-mal pro Tag ändern. Doch derzeit sieht die Behörde keinen Grund, einzuschreiten. Vom Gesetz her können Tankstellen in Deutschland ihre Benzinpreise nach Belieben ändern, solange sie die Änderungen melden.
Auf die Schiene ausweichen statt Tankpreise zu vergleichen? Die Eurobahn in Hamm jedenfalls will ab dem Spätsommer wieder verlässlicher fahren.
Der Bericht wurde im Nachgang aktualisiert.
