Sonnensturm

Der Tag, an dem ein Sonnensturm die Welt an den Rand eines Krieges brachte

Ein gewaltiger Sonnensturm legte 1967 Radaranlagen des US-Militärs lahm. Was folgte, hätte beinahe zu einem verheerenden Missverständnis geführt.

Boulder – Wenn die Sonne besonders aktiv ist und geladenes Plasma ins Weltall schleudert, ist Vorsicht geboten. Trifft dieser Sonnensturm die Erde, können sich Beobachterinnen und Beobachter auf buntes Polarlicht freuen – doch es gibt auch mögliche Auswirkungen eines Sonnensturms, die verheerend sein können. Bekannt ist, dass ein geomagnetischer Sturm Probleme für Satelliten bedeutet und auch das irdische Stromnetz stören kann. Es gibt allerdings einen Fall aus der Vergangenheit, in dem offenbar noch viel mehr auf dem Spiel stand als nur Stromausfälle.

Ein heftiger Sonnensturm hat im Jahr 1967 wichtige militärische Radarstationen der USA gestört – und so fast einen Atomkrieg heraufbeschworen. (Archivbilder)

Im Jahr 1967 gab es deutlich weniger Satelliten als heute, wo Elon Musk mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX zwei Drittel aller Satelliten im Erdorbit kontrolliert. Es gab damals auch wesentlich weniger elektrische Geräte als heute – die Abhängigkeit vom Strom war längst nicht so groß, wie sie es heutzutage ist. Doch es gab etwas anderes, das sehr wichtig war: Das Ballistic Missile Early Warning System (BMEWS), ein US-System bestehend aus Radaranlagen, Computern und Kommunikationssystemen, das nach abgefeuerten ballistischen Raketen Ausschau hielt.

Heftiger Strahlungsausbruch auf der Sonne sorgt beinahe für einen Atomkrieg

Kein Wunder: Die Welt befand sich damals mitten im Kalten Krieg, die Spannung zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion war groß. Als am 23. Mai 1967 plötzlich die Radarsysteme an allen BMEWS-Standorten ausfielen, schrillten die Alarmglocken. Jeder Angriff auf die Stationen – auch das Stören der Radarkapazitäten – wurde als Kriegshandlung angesehen. „Das ist eine ernste Situation“, erklärte Delores Knipp. Die Weltraumphysikerin an der University of Colorado Boulder hat 2016 an einer Studie mitgearbeitet, die den Fall erst an die Öffentlichkeit gebracht hat.

Die Luftwaffe flog zu dieser Zeit mit Atomwaffen bestückte Flugzeuge im Dauerbereitschaftsdienst. Nach dem Ausfall der Radarsysteme wurden zusätzliche Streitkräfte in „Startbereitschaft“ versetzt. Doch glücklicherweise gab es beim US-Militär damals bereits Menschen, die sich mit dem Weltraumwetter und der Sonne beschäftigten. Sie konnten dann aufklären: Die drei BMEWS-Standorte befanden sich während eines heftigen Strahlungsausbruchs der Sonne auf der Tagseite der Erde und bekamen deshalb die Strahlung der Sonne ab. Dadurch wurden die Radarstationen gestört – die Sowjetunion hatte nichts damit zu tun.

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USA erhalten rechtzeitig Informationen über Sonnensturm – und greifen die Sowjetunion nicht an

„Hier wendet sich das Blatt“, betonte Knipp in einer Mitteilung zu ihrer Studie. „Die Dinge liefen furchtbar schief, und dann ging etwas lobenswert richtig.“ Nachdem sie die Informationen über den Sonnensturm erhalten hatte, startete die US-Luftwaffe nämlich keine zusätzlichen Flugzeuge.

Die Autorinnen und Autoren der Studie, die 2016 im AGU-Journal Space Weather veröffentlicht wurde, gehen davon aus, dass die Informationen über den Ausbruch auf der Sonne dazu beitrugen, die militärische Aktion – einschließlich eines möglichen Einsatzes von Atomwaffen – zu stoppen. Es ist kaum vorstellbar, was hätte passieren können, wenn die USA den Radarausfall als einen sowjetischen Angriff interpretiert und mit Atomwaffen reagiert hätten.

Heftiger Sonnensturm sorgt für Polarlichter bis weit in den Süden

Etwa 40 Stunden nach der eigentlichen Sonneneruption und den daraus resultierenden Radarproblemen, traf der geomagnetische Sturm die Erde. Fast eine Woche lang wurde die Funkkommunikation in den USA gestört. Polarlichter waren bis weit in den Süden des Landes zu beobachten. Einen Angriff mit Atomraketen gab es jedoch nicht – weil die Wissenschaft gut vorbereitet war.

Eine der drei Ballistic Missile Early Warning System (BMEWS)-Stationen der USA. (Archivbild)

Die Öffentlichkeit sei sich wahrscheinlich nicht bewusst, dass Naturkatastrophen das moderne Militär dazu verleiten könnten, zu glauben, es werde angegriffen, sagte der Elektroingenieur Morris Cohen (Georgia Institute of Technology) nach der Veröffentlichung der Studie, an der er nicht beteiligt war. Der Sonnensturm im Mai 1967 habe zu einer Beinahe-Katastrophe geführt, so der Experte.

Fachleute überzeugt: Ohne Vorbereitung auf Sonnenstürme wären die Auswirkungen „größer“ gewesen

„Oftmals läuft es so, dass etwas Katastrophales passiert und wir dann sagen: ‚Wir sollten etwas unternehmen, damit das nicht wieder passiert‘“, sagte er. „In diesem Fall wurden jedoch gerade rechtzeitig genügend Vorbereitungen getroffen, um eine Katastrophe abzuwenden.“ Die Studienautorin Knipp ist überzeugt: „Hätten wir nicht schon sehr früh in die Beobachtung und Vorhersage von Sonnen- und geomagnetischen Stürmen investiert, wären die Auswirkungen wahrscheinlich viel größer gewesen. Dies war eine Lektion darüber, wie wichtig es ist, vorbereitet zu sein.“ (Quellen: Pressemitteilung, eigene Recherche) (tab)

Rubriklistenbild: © IMAGO/United Archives International/NASA Goddard

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