„Klares Missverhältnis“
Bundeswehr „nicht lebensfähig“: Militärexperte rechnet ab – und nennt das Hauptproblem
Militärhistoriker Neitzel zieht eine vernichtende Bilanz über die Bundeswehr. Es gebe zu viel Bürokratie und zu wenige Soldaten. Er fordert eine Reform.
Berlin – In Zeiten hybrider Kriege und dem wachsenden Einsatz unbemannter Systeme wie Drohnen ist eine hohe Anpassungsfähigkeit und Weiterentwicklung bei den NATO-Ländern gefragt. Doch in Deutschland sieht die Realität anders aus. Die Bundeswehr hat sich in einen schwerfälligen Verwaltungskoloss verwandelt, der zukünftigen Gefechten kaum gewappnet ist. Diese vernichtende Bilanz zieht Militärhistoriker Professor Sönke Neitzel von der Universität Potsdam. In einer schonungslosen Analyse in der FAZ warnt er: Ohne eine tiefgreifende Reform ist die deutsche Armee kaum kampffähig.
Laut Neitzel ist ein zentrales Problem der Bundeswehr ihre Struktur, die nach 70 Jahren Friedenszeit stark verwaltungsorientiert geworden ist. Statt kontinuierlichen Anpassungen an die modernen Kriegsführungen, die schnelle Entscheidungen erfordern, habe man sich vollständig in der Bürokratie verloren. Neitzels Kritik: „Die Führung der Streitkräfte verbringt die Tage damit, sich in Arbeitsgruppen auszutauschen, organisationsübergreifende Mitzeichnungsverfahren durchzuführen und Probleme der Arbeitsebene in Listenpositionen zu verwandeln.“
Deutschland laut Militärexperte kaum für Drohnenangriffe gewappnet
Dabei stehen NATO-Länder vor immer größeren – und vor allem technologisch neuen Herausforderungen. Das beste Beispiel dürften wohl die kürzlich gesichteten Drohnen über skandinavischen Flughäfen sein, die vorübergehend den gesamten Flugverkehr lahmlegten. Der schwedische Regierungschef Ulf Kristersson vermutete Russland hinter den Vorfällen. Die Wahrscheinlichkeit sei „ziemlich hoch, dass Russland eine Botschaft an Länder senden will, welche die Ukraine unterstützen“, sagte Kristersson am Montag dem Sender TV4. Gleichzeitig betonte er, dass nicht mit Sicherheit geklärt sei, wer für die Zwischenfälle verantwortlich sei.
Genau auf solche Bedrohungen ist Deutschland auch nach Ansicht des Vorstandschefs der Airbus-Militärsparte, Michael Schöllhorn, nicht gut vorbereitet. Das gelte sowohl für Abwehrwaffen als auch die rechtliche Situation, sagte Schöllhorn im Podcast Ronzheimer. „Ich glaube, unser System braucht zu lange, um sich an die sehr, sehr schnell, wachsende Bedrohungslage anzupassen.“
Vom Schützen bis zum General: Das sind die Dienstgrade der Bundeswehr




Professionell ausgerüstete Drohnen sind laut Schöllhorn heutzutage „relativ resistent“ gegen die üblichen Störmethoden der Polizei. Eine Drohne abschießen könne im Zweifel also nur die Bundeswehr. Es gebe aber dafür kaum eine geeignete Bewaffnung. Über einer Stadt werde man keine Luft-Luft-Rakete einsetzen können, so der Experte.
Eine solche Kritik würde Militärhistoriker Neitzel wohl als ein klassisches Symptom eines viel tiefer gehenden Problems in der Bundeswehr bezeichnen. Er kritisiert in seinem Gastbeitrag für die FAZ neben der endlosen Bürokratie vor allem die Struktur innerhalb der Organisation. Von den 181.000 Soldaten in der Bundeswehr würden weniger als die Hälfte letztendlich im Kernbereich der Armee arbeiten, dem Kampf. „Es besteht ein klares Missverhältnis zwischen Arbeitsebene und Management“, so Neitzel. In anderen Worten: Es gibt zu viele Chefs und zu wenige Arbeiter.
Bundeswehr ohne tiefgreifende Reform laut Militärexperte „nicht lebensfähig“
Eine solche Struktur könne auf Dauer nicht funktionieren. Vor allem, wenn die Arbeit abschweift. Es gebe eine „unverhältnismäßig große Zahl von älteren Stabsoffizieren“, die mehr mit Verwaltungsaufgaben als mit den notwendigen modernen militärischen Herausforderungen vertraut seien. Er greift zu drastischen Worten: „Mit einer derart kopflastigen Struktur ist keine erfolgsorientierte Organisation lebensfähig, innerhalb des Staates ebenso wenig wie in der Privatwirtschaft.“
Der Experte fordert von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) einen massiven Umbruch in der Bundeswehr. Dazu gehören die Reduzierung des Managementanteils, die Konzentration auf militärische Ergebnisse und die Schaffung einer Kultur, in der Initiative und Eigenverantwortung gefördert werden. Keine einfache Aufgabe: Nach Einschätzung des Experten müsste für die Reform ein Drittel der 90.000 Unteroffiziere und Offiziere im Managementbereich gehen. Das entspricht 30.000 Personen.
Gleichzeitig müsste die Armee im unteren Bereich aufstocken und ihre Soldaten auf Drohneneinsätze und andere moderne Kampftechniken spezialisieren. Wer bereits angestellt ist, aber dem Hauptauftrag nicht mehr dienen kann, sollte laut Neitzel vom aktiven Dienst freigestellt werden. (Quellen: FAZ, dpa, AFP) (no)
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