Chinas Anspruch auf Taiwan
„In der Taiwanstraße könnte sich auch Deutschlands Zukunft entscheiden“ – Experte zeichnet Worst-Case-Szenario
Was ist, wenn China nach Taiwan greift? Der Politologe Andreas Fulda beschreibt, wie ein solches Szenario aussehen könnte.
„Sollte Taiwan zum Beispiel fallen, wäre das nicht nur eine Katastrophe für die Taiwaner, sondern würde auch unsere Welt verändern“, sagt der Politologe Andreas Fulda. Er beschreibt in seinem Buch „Wenn China angreift“, was passieren könnte, wenn China Taiwan angreift. Im Interview mit ntv macht er klar: „In der Taiwanstraße könnte sich auch Deutschlands Zukunft entscheiden.“ Falls sich China Taiwan einverleiben würde, gäbe es in der Region eine chinesische Hegemonie unter Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas. „Das wäre nicht gut für Deutschland und für die Welt“, so Fulda.
Andreas Fulda hat in China und Taiwan gelebt und ist inzwischen Professor für Politik an der University of Nottingham in Großbritannien. In seinem Buch analysiert er anhand der Red-Teaming-Methode die Schwachstellen Taiwans und seiner Verbündeten und vollzieht nach, wie China sie ausnutzen könnte. „Die Methode kennen wir aus dem Militär, aus der Finanzindustrie oder der IT-Sicherheit“, erklärt er. „Es geht darum, mit simulierten Angriffen auf eine Software, ein System oder eine Organisation Schwachstellen zu identifizieren.“
Darum geht es beim China-Taiwan Konflikt
Taiwan ist eine Inselrepublik vor dem chinesischen Festland, das sich de facto seit 1949 unabhängig regiert. Das Land ist eine stabile Demokratie und technisch hoch entwickelt, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung (bpd). Die kommunistische Partei Chinas erhebt jedoch Anspruch auf Taiwan. Dafür gibt es ideologische und militärstrategische Gründe. Die Insel bietet der Volksrepublik China einen freien Zugang zum offenen Meer. Wie die Asien-Militärexpertin May-Britt Stumbaum bei der Hochschule der Bundeswehr München erklärt, sind die küstennahen Gewässer in China sehr seicht. Dementsprechend werde jedes U-Boot beim Auslaufen gesehen. Zudem könnten Japan, die USA oder andere Gegner Chinas seinen Zugang zum Meer mit der „Ersten Inselkette“ blockieren.
Laut Andreas Fulda verschmilzt bei der kommunistischen Partei Chinas „der territoriale Anspruch mit einem geradezu sakralen Herrschaftsanspruch über China.“ Bei der Kommunistischen Partei Chinas gehe es immer um Über- und Unterordnung. „Deswegen ist meiner Meinung nach eine friedliche Koexistenz zwischen der Volksrepublik und Taiwan nicht möglich“, bilanziert der Politologe. In der Vergangenheit habe die kommunistische Partei Chinas in der Vergangenheit nicht die militärischen Möglichkeiten gehabt, seinen jahrzehntealten Territorialanspruch mit militärischer Gewalt geltend zu machen. „Das hat sich in den vergangenen 10 bis 20 Jahren geändert“, warnt Fulda.
Wie realistisch ist es, dass China Taiwan angreift?
Gleichzeitig „bestehen zunehmend Zweifel, dass die USA willens und in der Lage sind, die Sicherheitsarchitektur in Ost- und Südostasien zu garantieren“, beschreibt Andreas Fulda im Interview. Das zeige auch der Krieg mit dem Iran. So sei aus Südkorea ein THAAD-Raketenabwehrsystem abgezogen worden, das im Iran-Krieg gebraucht worden sei. Die USA würden sich militärisch überdehnen. Das decke sich mit seinem Taiwan-Szenario, sagt Fulda. „In meinem Buch zeige ich, wie die Supermacht USA zögerlicher wird, sich verzettelt und Zweifel aufkommen, ob sie schnell genug bei einem Taiwan-Szenario eingreifen würde.“
Dazu komme der Faktor Donald Trump. Joe Biden habe „immer klargemacht, dass die USA bei einem Krieg in der Taiwanstraße eingreifen würden. Unter Trump muss das Weiße Haus immer wieder seine Kommentare relativieren. Das ist nicht gut für Taiwan“, so Fulda. Im Iran-Krieg könne China live mitverfolgen, wie sich ein solcher Krieg entwickelt. „All das macht aus meiner Sicht einen Waffengang in Zukunft eher wahrscheinlicher“, meint Fulda. Xi Jinping habe seit seinem Machtantritt viele Armee-Kommandeure unter sich versammelt, die ihm treu ergeben sind. „Sollte er sich 2027 oder 2028 zu einem Waffengang entscheiden, kann er sich auf diese Leute verlassen“, so Fulda. Xi sei bereit, enorme Kosten zu tragen, „wenn es um die Macht der Partei geht, um klare ideologische Ziele.“
Die Rolle der Merz-Regierung gegenüber China
Für Fulda wurde die sogenannte „De-Risking“-Strategie der Ampel-Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz ins Gegenteil umgekehrt. Die Ampel-Regierung wollte die deutsche Wirtschaft unabhängiger von China machen, zum Beispiel bei Rohstoffen oder Industrieprodukten. Fulda sagt: Damit ist Deutschland nicht weit gekommen. „Im Gegenteil, die Abhängigkeiten haben eher zugenommen und es wurde weiter erheblich in China investiert.“
„Bundeskanzler Friedrich Merz war jüngst mit einer großen Wirtschaftsdelegation in Peking. Das war für mich so eine Art Flashback – zurück zu den Schröder- und Merkel-Jahren. Das ist das genaue Gegenteil von De-Risking.“ Merz‘ Äußerung von einer strategischen Partnerschaft mit China sprächen für eine strategische Blindheit, sagt Fulda. Peking unterstütze Wladimir Putin bei seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Putin könne seinen Krieg ohne China gar nicht so lange führen. „Und jetzt sagt das Kanzleramt: China ist unser strategischer Partner. Das passt nicht zusammen“, kritisiert Fulda.
Sein Buch ist als ein Worst-Case-Szenario geschrieben, sagt der Politologe, auch um die deutsche Öffentlichkeit wachzurütteln, „die zu lange das Prinzip Hoffnung mit Strategie verwechselt hat“. In seinem Szenario falle Taiwan sehr schnell. Das könne jedoch in der Realität anders aussehen. „Man sollte die militärischen Fähigkeiten Chinas nicht überbewerten“, schließt er. (Quellen: ntv, Universität der Bundeswehr München, bpd) (cdz)
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