„Fehlgeleitete Religion“
„Gesalbter Trump“ und Flehen um göttlichen Beistand: Die USA machen den Iran-Krieg zu ihrem Kreuzzug
Evangelikale beten im Oval Office für den Sieg über den Iran. Militärführer predigen die Endzeit. Und der Sprecher des Repräsentantenhauses nennt den Islam eine „fehlgeleitete Religion“.
Zwanzig religiöse Führerinnen und Führer stehen um den Schreibtisch des mächtigsten Mannes der Welt. Sie legen Donald Trump die Hände auf, senken die Köpfe und bitten Gott um den Sieg im Krieg. Was wie eine Szene aus einem historischen Roman über mittelalterliche Kreuzzüge klingt, spielte sich am Donnerstag im Oval Office ab. Es ist kein Einzelfall – es ist System.
Die religiöse Aufladung des Iran-Konflikts hat in den USA eine neue Dimension erreicht. Innerhalb weniger Tage haben sich drei Stränge zu einem beunruhigenden Gesamtbild verwoben: Evangelikale Predigerinnen und Prediger flehen im Weißen Haus um göttlichen Beistand für die US-Streitkräfte. Militärkommandeure erzählen ihren Soldatinnen und Soldaten, Trump sei „von Jesus gesalbt“ worden, um das biblische Armageddon herbeizuführen. Und der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, diffamiert den Islam als „fehlgeleitete Religion“.
Gebetsstunde im Oval Office: „Gott, gib unserem Präsidenten Kraft“
Die Gebetszeremonie am 5. März organisierte Paula White Cain, Leiterin des Glaubensbüros im Weißen Haus. Tom Mullins, Gründungspastor der Christ Fellowship Megachurch, sprach das Gebet: „Ich bete für deine Gnade und deinen Schutz über ihn. Ich bete für deine Gnade und deinen Schutz über unsere Truppen und alle Männer und Frauen, die in unseren Streitkräften dienen. Und Vater, wir beten, dass du unserem Präsidenten weiterhin die Kraft gibst, die er benötigt, um unsere Nation zu führen, während wir zu einer Nation unter Gott zurückkehren.“
Pastor Ralph Reed von der Faith and Freedom Coalition ging noch weiter. Er verband das Gebet direkt mit dem Krieg: „Ich bin Präsident Trump dankbar für seine mutige Entscheidung, gegen das terroristische Regime im Iran vorzugehen. Es ist mir eine Ehre, im Weißen Haus für ihn und unsere Streitkräfte zu beten. Möge Gott dem iranischen Volk Sieg und Freiheit schenken.“
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Samuel Rodriguez, Präsident der National Hispanic Christian Leadership Conference, schrieb auf X: „Wir beteten für den Präsidenten, für die Vereinigten Staaten, für unser Militärpersonal und für Frieden durch Stärke in dieser kritischen Stunde.“ Was den Moment besonders bedeutsam gemacht habe, sei der Kontext gewesen: „Während der Präsident weiterhin als Oberbefehlshaber während der Operation Epic Fury fungiert [...] wurde das Oval Office für Gebete geöffnet. Selbst inmitten globaler Konflikte und immenser Verantwortung hielten wir inne, um Gottes Weisheit und Schutz zu suchen. Führung auf höchster Ebene erfordert Demut, Urteilsvermögen und Abhängigkeit von Gott.“
Johnson nennt Islam „fehlgeleitete Religion“
Nur einen Tag vor der Gebetsstunde hatte Mike Johnson den Konflikt mit dem Iran bereits religiös aufgeladen. Der Sprecher des Repräsentantenhauses sagte über die Iranerinnen und Iraner und ihren muslimischen Glauben: „Wir sind der große Satan in ihrer Analogie und ihrer fehlgeleiteten Religion, und es gab keine Möglichkeit, sie zu besänftigen.“
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— Amir (@AmirAminiMD) March 4, 2026
Das Council on American-Islamic Relations (CAIR), die größte muslimische Bürgerrechtsorganisation der USA, reagierte scharf. In einer Erklärung heißt es: „Mike Johnsons Behauptung, dass Iraner einer ‚fehlgeleiteten Religion‘ folgen, die sie dazu bringt, Amerika zu hassen, ist ein gefährlicher, unverantwortlicher und heuchlerischer Ausdruck von Bigotterie, der für den Sprecher des Repräsentantenhauses völlig unangemessen ist.“
CAIR warnte: „Solche Rhetorik erinnert an einige der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte, als religiöse und ethnische Minderheiten dämonisiert wurden, um Diskriminierung und Krieg zu rechtfertigen.“ Politische Meinungsverschiedenheiten mit einer ausländischen Regierung dürften niemals zum Vorwand werden, einen Glauben zu verunglimpfen, der von rund zwei Milliarden Menschen weltweit praktiziert werde.
„Von Jesus gesalbt“: Über 100 Soldatinnen und Soldaten beschweren sich
Parallel zur religiösen Inszenierung im Weißen Haus dringt die Endzeit-Rhetorik bis in die Militärbasen vor. Mehr als 110 Soldatinnen und Soldaten aus mehr als 40 Einheiten und mindestens 30 Militärbasen haben sich bei der Military Religious Freedom Foundation (MRFF) beschwert. Ein Kommandeur erklärte seinen Unteroffizieren: „Präsident Trump wurde von Jesus gesalbt, um das Signalfeuer im Iran zu entzünden, um Armageddon zu verursachen und seine Rückkehr zur Erde zu markieren.“
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MRFF-Präsident Mikey Weinstein beschreibt ein Muster: „Diese Anrufe haben eine verdammte Gemeinsamkeit; unsere Klienten berichten von der uneingeschränkten Euphorie ihrer Kommandeure darüber, wie dieser neue ‚biblisch sanktionierte‘ Krieg eindeutig das unbestreitbare Zeichen für das schnelle Herannahen der fundamentalistisch-christlichen ‚Endzeit‘ ist.“
Hegseth macht das Pentagon zu seiner Kanzel
Pete Hegseth, dessen Körper das Jerusalemkreuz und das Kreuzritter-Motto „Deus Vult“ (Gott will es) zieren und der einst als Verteidigungsminister vereidigt wurde und sich nun Kriegsminister nennt, treibt die Christianisierung des Militärs systematisch voran. Der ehemalige Fox-News-Moderator hält regelmäßige Gebetsstunden im Pentagon ab. Bei einer christlichen Konferenz verkündete er: „Solange ich atme, verpflichte ich mich, dass wir niemals irgendeiner Gruppe erlauben sollten, uns zum Schweigen zu bringen, wenn wir die Wahrheit sprechen: Christus ist König.“
CAIR brachte diese Doppelmoral perfekt auf den Punkt: „Andere des religiösen Fanatismus zu beschuldigen, während man religiösen Fanatismus zur Regierungspolitik der USA macht, ist der Gipfel der Heuchelei.“ (Quellen: cair.com, Jonathan Larsen, Military Religious Freedom Foundation, baptistnews.com) (cel)
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