Neue Risikorechnung für Öl
Kein Weg zurück: Die Hormus-Blockade zwingt die Welt zu einer neuen Ölordnung
Teheran hat mit der Hormus-Blockade neue Macht demonstriert. Selbst eine Öffnung kann vieles nicht zurückdrehen. Golfstaaten suchen nach Alternativen.
Der Iran-Krieg hat den Öltransport nachhaltig verändert. Die Hoffnungen, dass der Iran die Straße von Hormus wieder vollständig freigibt, sinken immer weiter. Doch auch wenn die Straße von Hormus wieder vollständig geöffnet würde, gebe es wohl keinen Weg zurück. Mehrere Golfstaaten arbeiten bereits an alternativen Transportwegen.
„Die Folgen der Krise werden zum Bau von Infrastruktur führen, die die Straße von Hormus umgeht“, sagte Hamad Hussain, Rohstoffökonom beim Londoner Forschungsunternehmen Capital Economics, dem Wall Street Journal (WSJ). „Der Geist ist aus der Flasche, da die seit langem bestehende Drohung des Iran, die Meerenge effektiv zu sperren, nun Wirklichkeit geworden ist.“ Vor dem Iran-Krieg waren über die Straße von Hormus noch etwa ein Fünftel des Öls und Flüssigerdgas (LNG) transportiert worden.
Iran hat neu gewonnenen Vorteil in Golfregion: Straße von Hormus als bleibender Hebel
Laut Gregory Brew, einem leitenden Analysten bei der politischen Risikoberatungsfirma Eurasia Group, könne Teheran den Flaschengeist wohl immer wieder beschwören: „Der Iran hat gezeigt, dass er in der Lage ist, die Meerenge zu sperren und geschlossen zu halten, selbst angesichts massiver Bombardements durch die USA und Israel“, betonte Brew im Gespräch mit CNN. Dies könne Teheran niemand mehr nehmen. „Das ist ihre neue nukleare Option.“
Mittlerweile nehmen einige Stimmen für die Öffnung der Straße von Hormus offenbar auch die umstrittenen Zölle des Irans in Kauf. Alan Gelder, Senior-Vizepräsident für Raffinerie, Chemie und Ölmärkte bei dem Marktforschungsunternehmen Wood Mackenzie, schätzte gegenüber CNN, dass bei Transitgebühren von 2 Millionen US-Dollar pro Tanker der Barrelpreis für Öl wohl nur etwa einen US-Dollar steigen würde. Allerdings nur, wenn das Vorkriegsniveau von 140 passierenden Schiffen pro Tag erreicht würde. Bisher konnten nur vereinzelt Schiffe die Meerenge passieren.
Israel und USA attackieren Mullah-Regime – Bilder aus dem Iran-Krieg




Andere Beratungsfirmen gehen von deutlich höheren Auswirkungen aus. Jorge Leon, Leiter der Abteilung für geopolitische Analysen bei dem norwegischen Energieanalysesunternehmen Rystad, ging im Gespräch mit CNN von Preissteigerungen von etwa 10 bis 20 US-Dollar pro Barrel aus. Er betonte: „Die Gefahr weiterer Störungen in der Meerenge … ist real.“
„Routen, Zugang, Speicherung“: Was der Iran-Krieg für den weltweiten Öltransport verdeutlicht hat
Bei einem Forum des Atlantic Council betonte Sultan Al Jaber, Minister für Industrie der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), laut dem WSJ: Der Iran-Krieg zeige, dass „ein zu großer Teil der weltweiten Energieversorgung nach wie vor über zu wenige Engpässe läuft“. Bei der Energiesicherheit ginge es immer mehr um „Routen, Zugang, Speicherung und Redundanz“, sagte Al Jaber.
Wenn Alternativen geschaffen werden und die Abhängigkeit von der Straße von Hormus sinkt, „verringert sich die Gefahr weiterer Sperrungen“, zitierte das WSJ den Geschäftsführer des in Dubai ansässigen Beratungsunternehmens Qamar Energy, Robin Mills. Dann würde auch der Anreiz verschwinden, die Straße von Hormus zu schließen – so zumindest die Hypothese.
Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind mit der Sperre der Straße von Hormus zunehmend auf existierende Öl-Pipelines umgestiegen. Die saudi-arabische Ost-West-Pipeline läuft auf voller Kapazität, mit sieben Millionen Barrel pro Tag. Vor dem Iran-Krieg wurden mit der Pipeline lediglich circa zwei Millionen Barrel pro Tag transportiert.
Trotz Zugtransporten und Pipelines in Golfstaaten: Keine volle Alternative für Straße von Hormus
Vielerorts soll die Infrastruktur nun ausgebaut oder verbessert werden. Abu Dhabi plant beispielsweise, den Bau einer zweiten Pipeline entlang der existierenden Habshan-Fujairah-Verbindung zu beschleunigen. Damit könnten die VAE bereits bis 2027 ihre Transportkapazitäten über diese Route verdoppeln. Zusätzlich diskutieren Golfstaaten wohl ein Projekt zum Ausbau der Schieneninfrastruktur in der Region, mit dem der Öltransport sich weiter auf das Land verschieben könnte.
Einen vollwertigen Ersatz für die Straße von Hormus könnten wohl weder Pipelines noch Zugtransporte darstellen. Die Kapazitäten von Zugtransporten wären deutlich geringer als die von Pipelines oder Schiffstransport. Dazu kommt das Angriffsrisiko bei Schienen- und Pipelineinfrastruktur. Beides ist ein leichtes Angriffsziel. Ein Treffer kann massiven Schaden nach sich ziehen, da im schlimmsten Fall große Teile des Transportnetzes verloren gehen. Bestes Beispiel ist die Druschba-Pipeline, die Anfang Januar im Ukraine-Krieg getroffen wurde und seitdem stillsteht.
Zusätzlich unter Druck gesetzt sind viele Golfstaaten durch die vergangenen iranischen Angriffe auf die Ölindustrie. Saad Al Kaabi, Geschäftsführer von QatarEnergy, sagte laut BBC, das Ausmaß der Schäden habe „die Region um 10 bis 20 Jahre zurückgeworfen“. Reparaturen könnten laut Al Kaabi bis zu fünf Jahre dauern. (Quellen: Wall Street Journal, CNN, BBC) (lismah)
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