„Gibt nichts, was absolut sicher ist“

Nadelöhr Hormus im Iran-Krieg: Warum die Golfstaaten kaum Alternativen haben

Die Straße von Hormus wird im Iran-Krieg zum Druckmittel für Teheran. Trotz früherer Kriege gibt es keine Pipelines, zur Umgehung der Meerenge. Das hat Gründe.

Die iranische Kontrolle der Straße von Hormus zwingt die Golf-Staaten zum Umdenken. Um die Meerenge zu umgehen, bewerten die Länder auf der arabischen Halbinsel kostspielige Pipelineprojekte neu. Neue Pipelines könnten der einzig verlässliche Weg sein, die anhaltende Verwundbarkeit der Region gegenüber Blockaden in der Meerenge zu reduzieren – auch wenn solche Projekte teuer, politisch komplex und langwierig wären, wie die Financial Times (FT) berichtet.

Ein Arbeiter an der Saudi Aramco Ölanlage in Abqaiq. (Archivbild)

Normalerweise wickeln die Golfstaaten den Großteil ihrer Öl- und Gasproduktion mit Tankern über die Straße von Hormus ab. Vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs gingen rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gasexports über die Meerenge. Eine wichtige Pipeline zur Umgehung des Nadelöhrs gibt es bereits: die 1200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline vom saudi-arabischen Erdölfeld Abqaiq im Osten des Landes zum Hafen in Yanbu im Westen. Über die Pipeline können täglich rund 5 Millionen Barrel Erdöl transportiert werden, ohne auf die Straße von Hormus angewiesen zu sein.

Iran-Krieg und Blockade der Straße von Hormus rückt neue Pipelines in den Fokus

„Im Nachhinein betrachtet sieht die Ost-West-Pipeline wie ein genialer Schachzug aus“, sagte ein hochrangiger Energiemanager aus der Golfregion gegenüber der Financial Times. Aramco-Chef Amin Nasser bezeichnete sie gegenüber Analysten als die „Hauptroute, auf die wir uns gerade stützen“. Die Pipeline entstand in den 1980er Jahren, nachdem im ersten Golfkrieg Iran und Irak gegenseitig Öltanker angriffen (auch bekannt als „Tankerkrieg“), um Exporte des Feindes zu unterbinden.

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Doch auch bei der Ost-West-Pipeline gibt es Risiken: Die Huthi-Miliz drohte bereits mit Angriffen auf Tanker im Roten Meer, auf der anderen Seite der arabischen Halbinsel. Ein namentlich nicht genannter Huthi-Anführer erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die Miliz stehe bereit, Angriffe auf Schiffe im Roten Meer wiederaufzunehmen – diesmal in Solidarität mit Teheran. „Wir sind militärisch voll einsatzbereit und haben alle Optionen im Blick. Was weitere Einzelheiten zur Festlegung des Startzeitpunkts angeht, so obliegt dies der Führung; wir beobachten und verfolgen die Entwicklungen und werden wissen, wann der geeignete Zeitpunkt für ein Eingreifen gekommen ist.“

Ost-West-Pipeline mit Risiken verbunden: Houthi-Miliz könnte wegen des Iran-Kriegs Tanker angreifen

Im Fokus steht dabei die Meerenge Bab al-Mandeb – der südliche Ausgang des Roten Meeres zwischen dem Jemen auf der Arabischen Halbinsel und Dschibuti sowie Eritrea am Horn von Afrika, wie Al-Jazeera schreibt. Die strategische Wasserstraße verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und dem Indischen Ozean. Bereits zwischen 2023 und 2025 hatten Huthi-Angriffe auf Handelsschiffe im Roten Meer zu massiven Störungen des globalen Schiffsverkehrs geführt.

Auch deshalb rückt der Bau neuer Pipelines in den Fokus. Ein Gesprächspartner aus dem Golf erwähnte gegenüber der Financial Times (FT) die Wiederbelebung des IMEEC-Korridors – eines US-geführten Projekts, das Indien über den Golf mit Europa verbinden soll. Christopher Bush, CEO der „Cat Group“ und einer der Hauptbauer der saudischen Ost-West-Pipeline, bestätigt das gestiegene Interesse, laut FT: „Wir haben Anfragen zu verschiedenen Pipelines erhalten. Auf meinem Schreibtisch liegen mehrere verschiedene Präsentationen.“ Gleichzeitig warnt er vor enormen Hürden: Der Bau einer vergleichbaren Pipeline würde heute mindestens fünf Milliarden Dollar kosten. Komplexere Mehrländer-Routen – etwa durch den Irak, Jordanien, Syrien oder die Türkei – kämen auf 15 bis 20 Milliarden Dollar.

Pipelines als „besonders wertvolle Ziele“ bei einem möglichen Krieg

Ein weiteres Risiko ist, dass Pipelines bei einem möglichen Krieg zu einem militärischen und strategischen Ziel gegnerischer Kriegsparteien werden könnten. „Pipelines und Pumpstationen sind statische, besonders wertvolle Ziele“, erklärte George Voloshin, ein unabhängiger Energieanalyst, gegenüber Al-Jazeera. Ein Beispiel: Houthi-Drohnen griffen 2019 eine Pumpstation der Ost-West-Pipeline an, woraufhin die Leitung vorübergehend abgeschaltet werden musste.

Trotz hoher Kosten und anderer Risiken bleibt die Frage, warum die arabischen Staaten bisher keine Alternativrouten für ihr Öl und Gas eingerichtet haben. Immerhin haben vergangene Konflikte wie der Golfkrieg gezeigt, wie verwundbar die Straße von Hormus als Nadelöhr ist. Für viele Förderländer der Region ist eine Pipeline-Alternative schlicht nicht realisierbar – weder technisch noch politisch, schreibt die New York Times. Katar, einer der weltgrößten Erdgasexporteure, teilt seine einzige Landgrenze mit Saudi-Arabien, mit dem es erst vor fünf Jahren einen jahrelangen Diplomatiestreit beigelegt hat.

Trotz Iran-Krieg: Straße von Hormus bleibt strategisch wichtiges Nadelöhr im Nahen Osten

Die Golf-Staaten setzten in der Vergangenheit vor allem darauf, dass die USA im Ernstfall eingreifen würden, sollte die Durchfahrt bei der Straße von Hormus für Tanker gefährdet sein. Der Iran-Krieg stellt das nun auf den Kopf. „Dieses Albtraumszenario gab es schon immer, aber es schien ein Szenario zu sein, das nicht sehr wahrscheinlich war“, erklärte Daniel Yergin, Vizevorsitzender des Finanzdienstleisters S&P Global, gegenüber der New York Times. Weiter sagte er: „Die Diversifizierung bzw. die Sicherheit ergab sich daraus, dass die Verbraucher da sein würden, um das Öl zu schützen.“

Somit wird wohl kurz- und mittelfristig kein Weg an der Straße von Hormus vorbeiführen. Und auch wenn neue Pipelines gebaut werden sollten, bleibt ein Risiko. „Es gibt nichts, was absolut sicher ist“, sagte John Browne, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns BP, laut New York Times. „Letztendlich kann jemand mit bösen Absichten der Öl- und Gasinfrastruktur allerlei Schaden zufügen.“ (Quellen: New York Times/Financial Times/Al-Jazeera/Reuters/eigene Recherche) (sischr)

Rubriklistenbild: © Stanislav Krasilnikov/IMAGO

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