Münchner-Merkur-Gespräch
„Mein eigener Neffe wird die Waffe auf mich richten“ – Krimtataren warnen vor Putins Einfluss
Die Krim gilt vielen als Verhandlungsmasse im Ukraine-Krieg. Doch die Lage ist komplexer – und gefährlich, wie zwei frühere Einwohner schildern.
Lange vor dem großangelegten Ukraine-Krieg hat Wladimir Putins Russland die Krim annektiert, im Jahr 2014. Dem ein oder anderen gilt die Aufgabe der Halbinsel als naheliegendstes territoriales Zugeständnis an den Kreml auf der Suche nach Frieden. Dem US-Präsidenten Donald Trump etwa. „Wenn er die Krim haben will, warum haben sie dann nicht schon vor elf Jahren um sie gekämpft, als sie ohne einen Schuss an Russland übergeben wurde?“, richtete er im April 2025 dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj aus.
Was damals tatsächlich auf der Krim geschehen ist, können Ilimdar Hodzhametov und Muslim Umierov aus erster Hand berichten: Die beiden waren 2014 vor Ort; Hodzhametov und Umierov gehören der Gruppe der Krim-Tataren an. Hodzhametov geriet damals als Aktivist auch zwei Tage lang in Haft des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Er warnt im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media nicht zuletzt vor langfristigen Folgen der russischen Besetzung auf der Krim und auch im Donbass. „Die Menschen, die dort bleiben, werden einmal gegen uns kämpfen“, sagt er beim Interview am Rande der Ukraine-Konferenz „Cafe Kyiv“ der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.
Trump schien die Krim schon Putin zuzuschieben – Krimtataren schildern die Annexionstage
Hodzhametov kämpft seit Jahren für die ukrainische Armee. Zuvor beteiligte er sich 2013 am Maidan in Kiew, 2014 protestierte er in der Krim-Hauptstadt Simferopol gegen die Präsenz russischer Soldaten. Damals sei der FSB auf der Krim sehr stark aktiv gewesen, die Informationslage sei „prorussisch“ geprägt gewesen. „Die Ukraine war schwach“, erzählt er. „2014 auf der Krim musste die mittlere Verwaltungsebene Entscheidungen treffen – aber sie war dazu nicht in der Lage; nicht zu militärischen Beschlüssen.“ Deshalb habe es keinen Krieg gegeben. Als Mensch mit proeuropäischen, proukrainischen Einstellungen sei man indes mit einem Mal „verloren“ gewesen.
Putins Geheimdienst habe gezielt Aktivisten eingeschüchtert, gerade aus der Gruppe der Krimtataren. „Man sperrte uns ein, man entführte uns, man misshandelte uns. Der FSB sperrt Menschen grundlos ein, um unser Volk aufzuschrecken“, sagt Hodzhametov. Das deckt sich mit aktuelleren Daten der ukrainischen Regierung. 2025 waren von 237 ukrainischen politischen Gefangenen auf der Krim 60 Prozent Krimtataren, wie Selenskyjs Krim-Beauftragte Olha Kuryshko damals unserer Redaktion sagte. Der Anteil der Gruppe an der Bevölkerung betrage weniger als 15 Prozent. Teils deportierten die Besatzer auch Gefangene nach Russland, erklärte Kuryshko.
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Umierov studierte 2014 an der ukrainischen Universität in Simferopol Krimtatarisch und Türkisch – mit dem Ziel, für Bildungs- und Unterhaltungsmedien zu arbeiten. „Aber seit 2014 wusste ich, dass ich für Nachrichtenmedien arbeiten muss“, sagt er unserer Redaktion. „Um sowohl der Ukraine als auch der Welt zu erzählen, was mit der Krim und den Krimtataren geschieht. Von Kiew aus. Mir wurde schnell klar, dass es auf der Krim keine Medienfreiheit mehr geben würde.“ Heute arbeitet Umierov unter anderem mit dem Projekt Crimea Vox an Aufklärung über Geschichte und Gegenwart auf der Krim.
Laut Umierov sind auch Sprache und die islamische Religion der Krimtataren unter Putins Besatzung schwer unter Druck. Schulen forderten Eltern auf, auf den Krimtatarisch-Unterricht ihrer Kinder zu verzichten. Gelehrt werde dort, dass Russland „das Wichtigste“ und die Ukraine „der Feind“ sei. Religiös sehr aktive Menschen müssten damit rechnen, Bücher untergeschoben zu bekommen – um daraus eine Straftat zu konstruieren.
„Militarisierung“ in Putins Besetzung: „Wird dann die Waffe auf mich richten“
Sich auf die Seite der Ukraine zu stellen, sei 2014 für sie alternativlos gewesen, sagen beide Männer. „Wir, als junge Generation, die bereits in der Ukraine aufgewachsen ist, kennen keinen anderen Weg als die Ukraine“, sagt Umierov. Hodzhametov verweist auf eigene Reisen durch Russland. Russland sei „schon immer ein chauvinistisches Land“, die Ukraine sei im Vergleich sehr frei gewesen. In der ukrainischen Armee werde er auch heute mit Respekt behandelt – etwa in Form von Rücksicht auf Essensregeln.
Für die Krimtataren spielt natürlich auch die Historie eine Rolle. Die Sowjetunion hatte 1944 rund 200.000 Krimtataren unter bitteren, oftmals tödlichen Umständen nach Zentralasien deportiert. Erst um das Jahr 1990, mit dem beginnenden Zusammenbruch der Sowjetunion, kehrten viele auf die Halbinsel zurück. So auch Hodzhametov mit seiner Familie. „Wir hatten 50 Jahre lang auf unsere Heimat gewartet. Um dort zu bleiben, wie schwer es auch sei.“ „Über die Krim dürfen nur die Ukraine und die Krimtataren entscheiden“, betont Umierov, auch in Reaktion auf die Rede von Kanzler Friedrich Merz (CDU) bei der Konferenz.
Hodzhamentov fürchtet indes die Folgen der prorussischen „Militarisierung“ in den besetzten Gebieten. Die Menschen dort würden so bearbeitet, dass sie „buchstäblich auf der anderen Seite“ stehen. Sein eigener Neffe etwa lebe im Donbass: „Er wird dann die Waffe auf mich richten“, sagt der Soldat. (Quellen: Gespräch mit Muslim Umierov und Ilimdar Hodzhametov, Gesellschaft für bedrohte Völker, eigene Recherchen)
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