Kreml fürchtet das Kriegsende

Kursk-Veteran greift Putin frontal an – Millionen Russen sehen Video-Botschaft mit Meuterei

Nach Rückschlägen an der Front flammen jetzt in Russland Offensiven auf: Veteranen drohen Putin, und kriminelle Rückkehrer verantworten Gewaltorgien.

„Die Armee wird ihre Waffen gegen den Kreml richten“, verspricht Alexander Lunin – ein kleines Licht, das mit dieser Drohung den russischen Diktator Wladimir Putin ins Rampenlicht stellt und die Welt erhellt; ein einfacher Soldat der russischen Armee, der den Ukraine-Krieg beenden will und jetzt auf Instagram eine Video-Botschaft hochgeladen und mehr als elf Millionen Clicks provoziert hat. Proteste werden offensichtlich jetzt auch aus Mannschafts- und Unteroffiziersdienstgraden heraus immer deutlicher formuliert, wie das ukrainische Medium Meduza berichtet: „Lunin warnte, sollte ihm ein Treffen mit Putin im Kreml im Fernsehen verweigert werden, ,werden die Konsequenzen sehr schwerwiegend sein‘.“

Die Zweifel werden lauter: Immer mehr von Wladimir Putins (Mitte) ehemaligen Ukraine-Krämpfern äußern Kritik an der Politik des Kreml-Chefs beziehungsweise an der Armee-Führung. Und manche von den aus den Gefängnissen rekrutierten Veteranen leben die ihnen antrainierten Gewaltorgien offenbar auch aus, nachdem sie dank ihres Militärdienstes, von ihren vorherigen Straftaten begnadigt worden waren. (Archivfoto)

Sein Video zeigt Alexander Lunin in Armee-Kleidung, an der er rund ein Dutzend Orden trägt. Der vermutlich 39-Jährige, der aus der Region Woronesch stammen soll und am Einmarsch in die Ukraine teilgenommen habe, ist Unteroffizier. Gedient hat er wohl in der 150. Motorisierten Schützendivision der 8. Gardearmee. Seit 20 Jahren soll er Angehöriger der Armee sein, so Meduza: Angefangen als Schütze, dann befördert zum Kommandanten einer Aufklärungsgruppe, später dann eines Aufklärungszuges. Nach eigenen Angaben sei er anschließend zum Artilleristen ausgebildet worden, habe an einem Mörser gedient und im Ukraine-Krieg hauptsächlich an der Kursker Front gekämpft.

Ukraine-Krieg-Veteran greift Kreml an: Lunin benennt nun als Quelle allen Übels Putin selbst

Außerdem soll er im Sudoplatov-Zentrum für technische Entwicklung und Dienstleistungen im besetzten Teil der Region Saporischschja eingesetzt worden sein, so Meduza. Seine aktive Zeit habe geendet, nachdem er 2025 ein erstes kritisches Video veröffentlicht habe – dort habe er kritisiert, wie Kämpfer ohne Sturmgewehre in eine Mission befohlen worden seien. Die Kritik an der russischen Armeeführung ist so alt, wie der Ukraine-Krieg selbst: Schon eingangs des Krieges hatten russische Offiziere ihre Kräfte blindlings eingesetzt, im festen Glauben, die Ukraine sei im Handstreich in die Knie zu zwingen. „Keine Großmacht hat seit dem Zweiten Weltkrieg in einem Krieg auch nur annähernd so viele Verluste oder Todesopfer erlitten“, schreiben Seth G. Jones und Riley McCabe.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

Wladimir Putin ist seit dem 24. Februar 2022 auch Kriegsherr – auch wenn in Russland nach offizieller Lesart nur von einer militärischen „Spezialoperation“ in der Ukraine gesprochen wird.
Wladmir Putin mit Flottenchef Kurojedow
So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

„Aktivisten dürfen Inkompetenz, Logistik oder Entscheidungen auf dem Schlachtfeld kritisieren, doch die Legitimität des Krieges infrage zu stellen oder die politische Führung anzugreifen, ist ihnen verboten.“

John Helin, „Centrum Baltikum“

Die beiden Analysten des Thinktanks „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) bilanzieren die russischen Verluste seit Februar 2022 auf 1,2 Millionen – darunter Gefallene, Verwundete und Vermisste. Allein an Toten hatte die russische Armee wohl bis zu 325.000 Soldaten zu verzeichnen. Lunin benennt nun als Quelle allen Übels Putin selbst. Das hat sich seit Jewgeni Prigoschin keiner so deutlich getraut. Am 24. Juni 2023 waren seine als „Wagner-Truppe“ bekannten Söldner gen Moskau marschiert, um gegen Putins Regime zu rebellieren – ohne allerdings den Krieg infrage zu stellen oder als solchen behindern zu wollen, worauf der britische Economist deutlich hingewiesen hatte. Lunin übt nun digitalen Protest und macht sich ebenso verwundbar wie Prigoschin.

Der ist später durch einen Flugzeugabsturz zu Tode gekommen. Wer hinter dem Protest von Alexander Lunin steckt, ist schleierhaft – er spricht von hochrangigen Kreisen, die ihn informierten und stützten. Er zieht aber weniger gegen Putin selbst zu Felde als gegen die Führung der russischen Soldaten, die in der Ukraine an der Front stehen; ihm zufolge würden sie in Gruben festgehalten, weil sie sich weigerten, „dumme oder selbstmörderische Befehle“ auszuführen oder ihren Kommandeuren Geld auszuhändigen, wie Reuters über Teile von Lunins Botschaft schreibt – laut der Nachrichtenagentur äußert Russlands Regierung arge Zweifel an der Darstellung: „Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, der Kreml habe den auf Instagram veröffentlichten Appell noch nicht gesehen, aber er klinge, als enthalte er ,seltsame Formulierungen‘.“

Putin droht neue Heimatfront: „Russland behandelt seine Truppen wie den letzten Dreck“

Peskow versprach, dieses Video auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen. Bekannt ist aber, dass sich auch unter Putins PR-Hardlinern Misstrauen Bahn bricht gegen einen für Russland günstigen Ausgang der völkerrechtswidrigen Strafexpedition gegen den vermeintlichen Faschismus in der Ukraine. Strategisch wie taktisch galt Russlands Feldzug von Anfang an als hanebüchen. Verluste erscheinen dem russischen Offizierskorps als akzeptabel – die Höhe spielt keine Rolle. Das Menschenbild der russischen militärischen Führung pointiert Andreas Rüesch in der Neuen Zürcher Zeitung: „Russland behandelt seine Truppen wie den letzten Dreck – als Verbrauchsware Soldat.“ Das wiederum bringt den Verteidigern einen enormen psychologischen Schub, erklärt Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer in einem Video auf Youtube:

„Bei der Motivation sind die Truppen von Präsident Wolodymyr Selenskyj im Vorteil, das hat der Verlauf des Kriegs gezeigt. Russlands Soldaten an vorderster Front können mit Wladimir Putins Kriegszielen dagegen wenig anfangen, sind sich Fachleute einhellig sicher.“ Christian Göbel bestätigt das: „In Russland gibt es leider noch immer zum Beispiel die sogenannte ,Dedowtschina' (,Herrschaft der Großväter'), die bezeichnet die extreme Schikane von jüngeren durch ältere Soldaten; Offiziere misshandeln zudem Untergebene, es gibt das Gewaltregime generell oder Soldatenmisshandlung untereinander; Kadavergehorsam soll eingeprügelt werden“, so der Oberstleutnant der Reserve am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften in Potsdam im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt.

Veteranen und Kriminelle fordern Putin heraus: Die politische Führung anzugreifen, ist ihnen verboten

Die Verrohung der ins Militär zu integrierenden Menschen wird für Putin offenbar zu einem Bumerang, wenn er seine Vertragssoldaten wieder in ihr ziviles Leben entlässt, wie der estnische Außendienstgeheimdienst in einem aktuellen Papier verdeutlicht; auch Alexander Lunin scheint offenbar die innere Stabilität Russlands zu bedrohen. „Der Kreml bereitet sich daher darauf vor, die Entstehung ,unkontrollierter‘ Veteranenorganisationen und politischer Bewegungen zu verhindern“, so die Esten. Lunin könnte also ein weiterer Riss eines Dammbruchs gegen die Politik Putins werden – ein mutiger Augenzeuge, der sich aus den Schützengräben heraus auf die große Bühne wagt und mit dem Finger auf die Kriegstreiber zeigt.

Die Bedrohung liegt aber weniger in Lunins Worten als in seinem Auftreten – trotz seiner vielen Orden präsentiert sich Alexander Lunin als Betrogener. Zwar hat Russland unter dem Motto „Zeit der Helden“ ein umfangreiches Rehabilitationsprogramm gestartet – wenn auch chronisch unterfinanziert. Viel schlimmer ist, dass Putin gezwungen war, den kriminellen Bodensatz einer insgesamt auf Gewalt aufgebauten Gesellschaft auszuheben. Und den wieder in die Gesellschaft zu integrieren, ist eine Aufgabe von einer solch immensen Dimension, dass allein deswegen eine Fortsetzung des Krieges als das kleinere Übel erscheint.

„Ohne einen Konflikt in der Ukraine läuft Putin Gefahr, dass die Rückkehr demobilisierter Soldaten nach Russland das wahre Ausmaß der Kosten der jahrelangen Militäroperation offenbaren könnte“, schreibt Jessica Ludwig vom Thinktank „George W. Bush Presidential Center“. Nach dem Krieg in der Ukraine steht Wladimir Putin also der nächste Feldzug an der Heimatfront bevor – aus Gründen, die er selbst provoziert hat; indem er beispielsweise Schwerstkriminellen mit dem Versprechen von Begnadigung das Einrücken in die Armee versüßt hat. „Die Folgen dieser Straflosigkeit für Gewalttaten greifen bereits auf die russische Gesellschaft über. Mehr als 1000 russische Bürger wurden von russischen Soldaten getötet oder verletzt, die aus dem Ukraine-Einsatz zurückgekehrt waren“, so die Analystin Ludwig.

Aber auch vormals loyale Militärblogger, die zu vorwitzig die Absurditäten der russischen Kriegführung angeprangert hatten, sind teilweise durch Verhaftung oder Drangsalierung mundtot gemacht worden. Ein Schicksal, das auch Alexander Lunin ereilen könnte – dann würde er statt eines Händedrucks Putins starke Hand zu spüren bekommen. Eine Drohung mit Meuterei ist ein Frontalangriff auf die russische politische Elite und werde wohl entsprechend beantwortet, prophezeit John Helin von der finnischen Analystengruppe Black Bird für den Thinktank „Centrum Baltikum“. „Aktivisten dürfen Inkompetenz, Logistik oder Entscheidungen auf dem Schlachtfeld kritisieren, doch die Legitimität des Krieges infrage zu stellen oder die politische Führung anzugreifen, ist ihnen verboten.“ (Quellen: Reuter, Center for Strategic and International Studies, George W. Bush Presidential Center, Centrum Baltikum, Auslandsgeheimdienst Estland, Youtube, Economist, Meduza, Neue Zürcher Zeitung, Bundeswehr-Podcast Nachgefragt) (hz)

Rubriklistenbild: © Alexander Nemenov / POOL / AFP

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