Moskau bestreitet Fehlfunktion

Russische U-Boote vor Europas Küsten: „Daran ist nichts provokant – das ist gängige Praxis“

Welche Aufgabe verfolgte das russische U-Boot, das im Mittelmeer und in der Nordsee gesehen und schließlich eskortiert wurde? Ein Experte klärt auf.

Zuerst Drohnen. Dann Kampfjets. Und jetzt provoziert Russlands Militär die NATO wohl auch auf hoher See. An der Nordküste Frankreichs wurde vergangene Woche ein russisches U-Boot aufgespürt, das teilte das NATO Maritime Command (Marcom) über den Kurznachrichtendienst X mit und kommentierte die Sichtung mit markigen Worten: „Wir. Beobachten. Euch.“ Das U-Boot wurde mittlerweile über die Nord- und Ostsee eskortiert. Aber wie groß war die Gefahr überhaupt, die von der „Noworossiysk“ ausging? Und: Gibt es weitere U-Boote, die im Mittelmeer und im Atlantik außer Sichtweite unterwegs sind?

Russische U-Boote haben einen komplizierten Weg aus dem Mittelmeer zurück in die Heimat.

Mit den Luftraumverletzungen durch russische Drohnen und Kampfjets, wie im September in Polen und Estland, könne man den U-Boot-Vorfall nicht gleichsetzen, sagt Johannes Peters, Abteilungsleiter für maritime Strategie und Sicherheit am Institut für Sicherheitspolitik an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Rein seerechtlich gebe es erstmal keine NATO-Gewässer. „Es gibt die Hoheitsgewässer der NATO-Länder. Die reichen zwölf Seemeilen hinaus.“ Also etwas über 22 Kilometer.

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Russland sei vor der französischen Küste entsprechend den internationalen Regeln für U-Boote vorgegangen. „Die Russen halten sich an sämtliche Vorgaben, die sie einhalten müssen. Wie etwa, aufgetaucht in Hoheitsgewässern zu operieren. Daran ist nichts provokant – das ist gängige Praxis.“

Dass russische U-Boote ab und zu auftauchen, sei unter anderen der Mittelmeer-Misere der russischen U-Boot-Flotte geschuldet, erklärt Peters. „Die Russen haben zwei Probleme: Zum einen haben sie im Mittelmeer keine U-Boot-Basis und können dort nicht nachversorgen oder instandsetzen. Gleichzeitig hat die Türkei den Bosporus seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine auf Basis der Montreux-Konvention für Kriegsschiffe gesperrt und sie können die U-Boote nicht mehr ins Schwarze Meer zurückbringen – wie etwa die ‚Noworossiysk‘.“ Um die Schiffe in die zweite große Werft für dieselelektrische U-Boote in St. Petersburg zu bringen, „müssen sie einmal außen herumfahren“: über den Atlantik, durch den Ärmelkanal, die Nordsee und in die Ostsee.

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Bei den russischen U-Booten, die in internationalen Gewässern unterwegs sind, müsse man unterscheiden, sagt der Experte für maritime Kriegsführung. „Konventionelle U-Boote, wie die ‚Noworossiysk‘ zum Beispiel, haben eine begrenzte Tauchausdauer und müssen zum Aufladen der Batterien regelmäßig zumindest auf Schnorcheltiefe gehen. Nuklear angetriebene U-Boote hingegen können unbegrenzt unter Wasser bleiben.“ Letztere seien hauptsächlich für die nukleare Zweitschlagfähigkeit eines Landes gedacht, U-Boot-Besatzungen, die unter dem Prinzip der „gegenseitig gesicherten Vernichtung“ agieren. Neben Russland haben auch die USA, Großbritannien, Frankreich, China und Indien solche U-Boote.

Wenn Atom-U-Boote abtauchen: „Wo sie sich dann befinden, ist hochgeheim“

„Diese Interkontinental-Raketen-Boote haben keinen anderen Sinn, als unentdeckt in zugewiesenen Gebieten Kreise zu fahren, um im Falle eines Falles Nuklearkrieges vordefinierte Ziele anzugreifen.“ Der Gegenpart dazu seien Jagd-U-Boote – ebenfalls nuklear angetrieben – die wiederum dazu dienten, die feindlichen Raketen-U-Boote „zu finden und im Zweifelsfall auszuschalten“.

Die Existenz von U-Booten sei kein Geheimnis, sagte Peters im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wir kennen Größe und Struktur der russischen maritimen Flotte, so wie die Russen unsere kennen“, so der Experte. „Bei den dieselelektrischen Booten wissen wir, wie viele welchen Flotten zugeordnet sind und wo sie operieren.“

Bei den nuklearen U-Booten sei das anders. „Die Basen der Nordflotte, welchen der Großteil der russischen Atom-U-Boote zugeordnet ist, liegen alle auf der Kola-Halbinsel und wir können mittels Satellitenaufklärung recht genau sagen, welche Boote im Hafen liegen. Sobald diese ihre Basen verlassen, sieht es anders aus. Ob und wie gut wir wissen, wo sie sich dann befinden, ist hochgeheim.“ (Quelle: Eigene Recherche/Johannes Peters/NATO/X)

Rubriklistenbild: ©  IMAGO / ITAR-TASS / photothek /ZUMA Press Wire

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