Reporter-Ticker zur MSC in München
Zum Siko-Ende: Minister warnt vor Putins Plänen – und verkündet Positives für die Ukraine
Die Siko ist vorbei. Im Interview zieht ein Minister ein vorsichtig optimistisches Fazit. Reporter Florian Naumann liefert Einordnung und Eindrücke aus München.
- Drei Tage lang richten sich die Blicke auf München: 60 Staats- und Regierungschefs sowie dutzende Außen- und Verteidigungsminister reisen nach Angaben des Veranstalters zur Sicherheitskonferenz.
- Im Fokus stehen die großen Reden, etwa von US-Außenminister Marco Rubio und Kanzler Friedrich Merz (CDU). Aber die Siko bedeutet auch: Experten-Panels, Hintergrundgespräche, persönliche Begegnungen.
- Für den Münchner Merkur von Ippen.Media ist Florian Naumann aus der Redaktion für Exklusives als Reporter vor Ort. Er liefert in diesem Ticker Eindrücke, Stimmen und analysiert und kommentiert die Entwicklungen bei der Siko.
Sonntag, 13.50 Uhr: Die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 ist vorüber. Zum Abschluss hat die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas noch einmal deutlich auf Marco Rubios Rede reagiert. Das „Europa-Bashing“ sei haltlos, sagte sie. „Anders als manche meinen, steht das woke, dekadente Europa nicht vor dem Untergang seiner Zivilisation.“ Allerdings ging auch Kallas nicht vollends in die Konfrontation. Die wichtige Botschaft sei, „dass Amerika und Europa miteinander verflochten sind“.
Der Hintergrund ist klar: Europa wird auf Sicht die USA für die eigene Sicherheit brauchen. Das ist auch eine der drei (teils schmerzhaften) Lehren der Sicherheitskonferenz. Das Problem räumte auch Norwegens Verteidigungsminister Tore Sandvik im Interview am Sonntag ein. „Wir müssen das zusammenhalten“, sagte er. „Es wird immer noch Spannungen geben und ich denke, der Status lautet vorerst ‚es ist kompliziert‘ – aber wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir den Weg nach vorne managen und dann wird es hoffentlich eine Weile lang keine Überraschungen mehr geben.“
Sandvik hat am Samstag eine Verteidigungsabsprache namens „Hansa-Abkommen“ mit seinem deutschen Amtskollegen Boris Pistorius unterzeichnet. Im Gespräch hatte er nun auch gute Neuigkeiten für die Ukraine parat. „Wir haben sehr eng mit Deutschland zusammengearbeitet um Patriot- und PAC-Raketen für die Systeme der Ukraine zu bekommen“, sagte er. „Heute verkünden wir auch, dass wir zusammen mit Deutschland Ersatzteile kaufen.“ Der Minister betonte, ein Frieden zu den richtigen Konditionen sei enorm wichtig – „sonst haben wir keinen stabilen Frieden“. Die Gefahr sei, dass Putin sich zurückziehe, erhole und die Ukraine oder Staaten wie Moldau, Georgien und die baltischen Länder bedrohe. Das komplette Interview lesen Sie hier.
Samstag, 22.10 Uhr: Auch der zweite Tag der Münchner Sicherheitskonferenz geht zu Ende. Der heikelste Punkt war die Rede von Marco Rubio – der US-Außenminister wählte einen zugewandten, schmeichelhaften Tonfall. Es könnte aber einiges dafür sprechen, dass Europa umso mehr gewarnt sein sollte. Zu Wort kam auch Chinas Außenminister. Angesichts der beiden Auftritte stehe nicht zuletzt Deutschland düpiert da, analysiert der Politikwissenschaftler Alexander Görlach für unsere Redaktion.
Viel Fokus richtete sich natürlich auch auf den Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in München – und auf Verhandlungen zum Ende des Ukraine-Kriegs. Donald Trump hatte zuvor den Druck erhöht, Selenskyj müsse für einen „Deal“ „in Bewegung kommen“. Selenskyj kommunizierte von der Sicherheitskonferenz indirekt mit Washington. „Die Ukraine ist bereit für eine Einigung, die echten Frieden zu uns, der Ukraine und Europa bringt“, betonte er. Auch Neuwahlen, eine weitere Forderung Trumps, schloss er nicht aus. Die Umsetzung dürfte unter den fortlaufenden russischen Angriffen aber schwierig sein. Selenskyj forderte dafür zwei Monate Waffenruhe.
Trumps Worten zum Trotz zweifeln Beobachter vor allem an einem echten Friedenswillen Putins. Der russische Machthaber habe dazu auch wenig Veranlassung, erklärte US-Analyst Ian Bremmer zu Beginn der Sicherheitskonferenz vor Journalisten. Auch Trump schaffe ein „großartiges Umfeld“ für Putin. Pikanterweise räumte Rubio auf dem Siko-Podium das Problem ein: „Wir wissen nicht, ob die Russen es ernst meinen mit der Beendigung des Krieges.“
Ein weiteres Groß-Thema am Samstag war der Iran – nicht zuletzt aufgrund einer Großdemo mit letztlich bis zu 250.000 Teilnehmern in München. Aufgerufen hatte der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi (siehe unten). Die Lage der Menschen im Land ist unter den Repressionen des Regimes bedrückend, Pahlavi gilt vielen der Teilnehmern als Hoffnungsträger. Bei seiner Pressekonferenz wollte er sich indes nicht von der problematischen Geschichte seiner Vorfahren distanzieren – und schloss eine konstitutionelle Monarchie als Staatsform nicht aus. Beides macht Kritiker argwöhnisch.
Samstag, 22.00 Uhr: Angesichts der Weltlage mag es ironisch wirken – aber auch das Amerika-Haus in München ist ein Fixpunkt für kritische Debatten während der Sicherheitskonferenz. Am Abend hat sich dort eine hochkarätig besetzte Runde getroffen, um über die Gefahren des Kampfes um die Gedanken und Köpfe zu sprechen. Mit dabei war Estlands Außenminister Margus Tsahkna. Das baltische Land gilt als möglicher Ansatzpunkt für einen Angriff oder eine Provokation Russlands. Tsahkna warnte indes vor allem vor „Angst“.
„Wir haben meist Angst etwas zu verlieren, was wir haben“, sagte er bei dem Panel der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Oder vor einer Eskalation – aber die Eskalation ist schon da.“ Es gehe um hybride oder Cyber-Angriffe, oder um den Krieg um die Hirne der Menschen. Russland habe trotz einer großen estnischen Minderheit aber weniger mit Spaltung entlang dieser Linie Erfolg, denn mit dem Spiel mit Ängsten. Zwei Mittel gebe es dagegen: Transparent alle vorhandenen Informationen zu geben – und klarzustellen, dass das kleine Estland nicht allein sei. Zudem müsse im Ernstfall jeder wissen, was zu tun sei.
Demonstrationen am Sicherheitskonferenz-Wochenende: Mindestens 200.000 bei Iran-Protest
Samstag, 14.40 Uhr: Im Gange ist auch die traditionelle Anti-Siko-Demo auf dem Stachus. Dort war von der Bühne unter anderem Kritik am Eingreifen der USA in Venezuela und eine Warnung vor einem weiteren Schlag Donald Trumps auf Kuba zu hören.
Grundsatzkritik an der Sicherheitskonferenz gibt es auch aus der Politik: „Die Münchener Sicherheitskonferenz ist eher eine Rüstungsmesse als eine Sicherheitskonferenz“, teilte der BSW-Europaabgeordnete Fabio de Masi unserer Redaktion mit. Eine „echte“ Sicherheitskonferenz müsse die „wachsende Gefahr einer nuklearen Eskalation in den Blick nehmen“, forderte er.
Zuletzt war der „New-START-Vertrag“ als letztes nukleares Abrüstungsabkommen abgelaufen, das beunruhigt auch Fachleute aus der Politikwissenschaft. „Europa kann sich bei konventionellen Waffen in die Besinnungslosigkeit rüsten – ein Krieg gegen eine Atommacht ist nicht zu gewinnen“, warnte de Masi mit Blick auf Russland. Die Bundesregierung solle deshalb ein neues Abkommen zum Herzstück eines Ukraine-Friedensplans machen. „Eingebettet in Abrüstung und einen Frieden könnten wir wieder russisches Pipeline-Gas importieren und so unsere Industrie schützen und Trump die Stirn bieten, der uns ökonomisch in die totale Abhängigkeit treibt.“
Wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland sehen viele Expertinnen und Experten allerdings kritisch. So etwa die Wirtschaftsjournalistin und Autorin Birgit Jennen, die ihre Sorgen in einem Gastbeitrag für den Münchner Merkur von Ippen.Media zum Ausdruck brachte.
Samstag, 14.15 Uhr: Eine große Zahl Demonstrationen ist für den Siko-Samstag in München angemeldet – mehere laufen zur Stunde. Auf der Münchner Theresienwiese haben sich Gegner des Mullah-Regimes im Iran versammelt. Angemeldet sind dort 100.000 Menschen, damit wäre es die größte Kundgebung während der Sicherheitskonferenz. Wie groß die Teilnehmerzahl tatsächlich ist, lässt sich vor Ort kaum einschätzen, ein Polizeisprecher nannte laut der Agentur AFP zwischenzeitlich eine Zahl 200.000 Menschen. Der Zustrom ist aber auch lange nach offiziellem Beginn noch groß.
Zur Demo aufgerufen hatte der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi. Sein Konterfei war auf vielen Plakaten und Bannern zu sehen, in deutscher und englischer Sprache sowie auf Farsi. Skandiert wurde etwa „die Mullahs müssen weg“ oder „Jahvid Schah“, „lang lebe der Schah“. Menschen hielten Bilder im Iran getöteter und vermisster Angehörige oder Freunde hoch.
Zuvor hat Pahlavi eine Pressekonferenz in München abgehalten. Es gehe im Iran um „Besetzung oder Befreiung“, sagte er. Pahlavi drang auch einmal auf eine schnelle Intervention der USA: Das Regime töte sein eigenes Volk und bedrohe die Sicherheit anderer Staaten. Zuletzt waren landesweite Proteste im Januar blutig niedergeschlagen worden.
Rubio schmeichelt Europa auf der Sicherheitskonferenz – liefert aber auch neuen Grund für Sorge
Samstag, 9.25 Uhr: US-Außenminister Marco Rubio hat eine im Tonfall wesentlich freundlichere Rede auf der Sicherheitskonferenz gehalten als J.D. Vance im Vorjahr. Im Saal gab es mehrfach Applaus. Allerdings dürfte sie inhaltlich Rechtspopulisten und Nationalisten nicht weniger zusagen – und sie dürfte Anlass für weitere Sorgen unter vielen von Europas Staats- und Regierungschefs geben.
Rubio betonte, die Schicksale der USA und Europa seien direkt miteinander verbunden. Donald Trumps Außenminister lobte auch die Rolle europäischer Bildungsideen und Künstler – und erklärte, die Vereinigten Staaten blieben immer „ein Kind Europas“. Zugleich rügte er allerdings auch „Zugeständnisse an einen Klimakult“, warnte vor „Massenmigration“, einer „törichten Idee, Nationalstaatlichkeit zu ersetzen“ und einer „dogmatischen Vision von Freihandel“.
„Wir haben diese Irrtümer zusammen begangen, jetzt wollen wir gemeinsam einen Neuaufbau“, sagte Rubio. „Wir sind bereit, das alleine zu tun“, die Hoffnung sei aber, „dass wir das zusammen, mit unseren Freunden in Europa, tun“. Moderator und Siko-Chef Wolfgang Ischinger dankte im Anschluss für eine „Botschaft der Rückversicherung unserer Partnerschaft“.
Tatsächlich dürfte in unsicheren Zeiten und des Zweifels an der Zukunft der NATO die Rede von „verbundenen Schicksalen“ nicht unwillkommen sein. Zugleich widersprach Rubio aber erklärten Zielen der EU und auch Deutschlands. Deutlich zu vernehmen war der Ruf nach mehr Nationalstaatlichkeit, nach Abkehr von Klimaschutz. Und Kanzler Friedrich Merz hatte am Vortag einen deutlichen Appell für freien Handel geliefert. Insbesondere ihre grenzenübergreifende Zusammenarbeit und der Freihandel sind im erklärten Interesse der EU.
Raum für Interpretationen ließ auch die erklärte Bereitschaft, „diesen Weg alleine zu gehen“. Eine ausführliche Analyse der Reden von Rubio und Chinas Außenminister Wang Yi lesen Sie gegen Mittag auf unseren Portalen.
Samstag, 8.50 Uhr: An den Schreibtischen im Pressezentrum der Münchner Sicherheitskonferenz herrscht normalerweise geschäftig-nüchternes Treiben – man schaut auf den Laptop-Bildschirm oder das Smartphone, tippt, sinniert, spricht kurz mit Redaktionskollegen. In den Minuten der Leitrede der US-Delegation war das vergangenes Jahr kurz anders: Journalistinnen und Journalisten blickten auf und einander teils ungläubig an. Gesichter sprachen Bände.
Damals hatte Donald Trumps Vizepräsident J.D. Vance den ersten Tag der Siko mit-eröffnet. In diesem Jahr ist Außenminister Marco Rubio nach München gekommen. Er gilt als europafreundlicher, weniger als Mann fürs Grobe – verglichen mit Vance, der im Februar 2025 auch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus vorführte. Allerdings ist auch er eben Minister Trumps. Und als solcher ist er nicht nach München gekommen, um Europa US-amerikanische Mittel oder Soldaten zu versprechen. Ob die USA die Sicherheitskonferenz auch 2026 erschüttern, wird sich in wenigen Minuten zeigen, Rubio eröffnet in wenigen Minuten den zweiten Tag auf dem Podium.
Rubios Rede naht: Unruhe vor zweite Sicherheitskonferenz-Tag – Merz hat Trumps Minister schon getroffen
Freitag, 19.30 Uhr: Aus Regierungskreisen hat unsere Redaktion erfahren: Kanzler Friedrich Merz (CDU) hat schon heute US-Außenminister Marco Rubio getroffen. Themen seien unter anderem die Unterstützung für die Ukraine und die Verhandlungen mit Russland gewesen, aber auch die Rolle Europas in der NATO. Merz hatte am Nachmittag eine energische Rede gehalten. Die goutierte Donald Trumps Mann für Außenpolitik offenbar – oder jedenfalls Deutschlands Kurs allgemein: Rubio habe die deutschen Schritte zur Stärkung der Allianz gewürdigt, hieß es. Aber auch um den Iran und die Lage im Nahen Osten sei es gegangen. All diese Themen werden wohl auch den Samstag bei der Sicherheitskonferenz prägen (siehe voriges Update).
Freitag, 19.00 Uhr: Der erste Tag der Münchner Sicherheitskonferenz neigt sich dem Ende entgegen. Auf den öffentlichen Panels ist am Abend noch der Iran Thema, aber auch die politische Lage in den USA. Beide Punkte werden die Siko auch am Samstag beschäftigen: Der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, wird eine Pressekonferenz geben. Und den Tag auf der Hauptbühne wird US-Außenminister Marco Rubio eröffnen – gefolgt von Chinas Außenminister Wang Yi. Die Reden aus USA und China waren im vergangenen Jahr noch an den Beginn der Konferenz gesetzt worden.
Gerade Rubios Rede dürfte einigen Regierungschefs und Ministern in München Sorgen bereiten. Beobachter erwarten, dass Rubio zwar gemäßigtere Töne als J.D. Vance im Vorjahr anschlagen wird. Allerdings dürfte auch er sich der Beobachtung durch Donald Trump gewahr sein – und Europa wenig Anlass zum Jubeln liefern. Mit einer Zusage für US-Soldaten in der Ukraine als Rückversicherung für eine Sicherheitsgarantie etwa rechnet nicht einmal mehr die Regierung in Kiew, wie Außenminister Andrij Sybiha in diesen Minuten in einem Panel sagt. Europäische Politiker dürften schon zufrieden sein, wenn die USA keine weiteren Zweifel am Zusammenhalt in der NATO säen.
Der US-Analyst Ian Bremmer beschwichtigte am Morgen vor Journalisten zumindest in dieser Hinsicht. Donald Trump habe schon aufgrund von Verflechtungen und wirtschaftlichen Interessen der US-Rüstungsindustrie kein Interesse, die NATO final zu zerstören. Ein Papier einer Expertengruppe warnte vor der Sicherheitskonferenz indes, dass zumindest in Sachen nuklearer Abschreckung große – und schwer lösbare – Aufgaben auf Europa warten.
Wir halten Sie morgen über beide Aspekte auf dem Laufenden, in Live-Tickern sowie einer Analyse zu den Reden von Rubio und Wang.
Sicherheitskonferenz in München: Wladimir Klitschko fordert Putins Scheitern – und scherzt
Freitag, 18.00 Uhr: Sicherheitskonferenz in München – das heißt in wachsendem Maß auch: Viele, viele Seitenveranstaltungen; nicht nur für geladene Politiker, sondern die Menschen in der Stadt. In der TU München hat am frühen Abend Wladimir Klitschko vor und mit Studierenden gesprochen. Bruder Vitali war ebenfalls angekündigt, der Bürgermeister Kiews verzichtete aber wegen der schweren Lage in der Ukraine – russische Zerstörungen der Strom- und Wärme-Infrastruktur und Kälte schaffen aktuell wieder massive Not und Leid – auf die Reise nach München.
Wladimir Klitschko zeigte sich kämpferisch: „Putins Russland wird die Ukraine nicht erobern, dafür ist es bereits jetzt zu spät“, erklärte er. Aber: „Wir müssen weiter durchhalten und Druck auf Putins Russland ausüben.“ Für Frieden sei ein „Scheitern von Putins Russland“ nötig. „Wenn er scheitert, werden wir die letzten gewesen sein, die Putins Russland attackiert hat“. Skeptisch äußerte sich Klitschko zur Debatte über Sicherheitsgarantien. „Die Idee ist gut, aber die Realität zeigt, dass das nicht wirklich zählt. Wenn du in Frieden leben willst, mach dich bereit für den Krieg“, forderte er. Die Ukraine habe bereits in den 90er-Jahren gegen Sicherheitsgarantien Waffen aufgegeben, die Russland nun gegen das Land einsetze.
Einen Lacher erntete der frühere Boxer und heutige Vorsitzende der Klitschko-Foundation mit einem Rat zu Prioritäten im Leben. „Ist es wichtig, dass du ein Uni-Diplom hast? Ja...“, sagte Klitschko. Und fügte nach einer Kunstpause hinzu: „Und nein.“ Wichtig sei es, zu den eigenen moralischen Vorstellungen zu stehen. Aus diesem Grunde sei er nach Beginn von Russlands Ukraine-Krieg auch im Land geblieben. „Wir kämpfen seit 2014 dafür, ein Teil von euch zu werden, ein Teil der freien Welt“, betonte er.
Appell für mehr Europa und US-Partnerschaft statt Eklat: Merz bekommt zur Eröffnung die große Siko-Bühne
Freitag, 15.50 Uhr: Vergangenes Jahr hatte die Sicherheitskonferenz mit einem Knall begonnen: US-Vizepräsident J. D. Vance schockte die versammelte politische Elite mit einer scharfen Rede ganz im Sinne der europäischen Rechtspopulisten. Dieses Jahr ist ein Schock zum Start ausgeblieben. Das lag aber auch an einer veränderten Dramaturgie. Die US-Regierung bekommt erst am Samstag einen großen Auftritt in Form einer eigenen Rede von Außenminister Marco Rubio. Stattdessen eröffnete Kanzler Friedrich Merz (CDU) die Veranstaltung mit einer Grundsatzrede – ehe es direkt mit Panels mit mehreren Teilnehmern weiterging.
Merz legte es vor allem auf demonstrative Entschlossenheit an – aber auch auf Distanzierung zur Ampel-Regierung. Allzu oft sei eine Schere zwischen (moralischem) Anspruch und eigenen Mitteln in der deutschen Außenpolitik auseinandergegangen, rügte er. Sicher ein Seitenhieb auch auf Ex-Außenministerin Annalena Baerbock. Der Kanzler räumte ein: Die Neuordnung der Welt verlaufe schneller, „als wir uns selbst stärken können“. Auch eine „Kluft“ zu den USA sei real.
Ukraine-Verhandlungen in Washington: Trump-Gipfel mit Merz und Co. in Bildern




Merz folgte aber der Einschätzung von Sicherheitsexperten und versuchte demonstrativ, die USA an Bord zu halten: Die transatlantische Partnerschaft wolle er neu begründen. Nach Ansicht vieler Beobachter wird Europa vorerst nicht in der Lage sein, sich vollständig alleine zu verteidigen, unter anderem weil die USA wichtige strategische Fähigkeiten von Aufklärung bis zu Logistik für Europa stellen. Die erste Priorität sei, Europa in der NATO zu stärken, betonte Merz. Die für die USA jedenfalls interessante Passage – die Zusicherung, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen – wiederholte er auch in englischer Sprache.
Ob sich die Vereinigten Staaten unter Trump davon beeindrucken lassen, könnte sich morgen zeigen, bei Rubios Rede. Im Auge hatte Merz offenbar aber so oder so auch eine aufrüttelnde Rede für die Partner in Europa. Europas Wirtschaftskraft sei rund zehn Mal so groß wie die Russlands, sie sei aber nicht zehn Mal so stark. Sich selbst zu stärken sei in jedem Fall der richtige Schritt, erklärte er – egal, ob die USA weiter unterstützten, oder nicht. Experten zufolge gibt es dabei aber noch viel zu tun: Am Rande der Konferenz erklärte Ökonom Moritz Schularick vom Kiel Institut für Weltwirtschaft: Die europäischen NATO-Staaten und Kanada investierten bereits sehr viel. Sie erhielten dafür aber bislang sehr wenig Gegenwert.
Freitag, 14.30 Uhr: Allem Anschein nach ist das weltweite Interesse an der Sicherheitskonferenz nach dem turbulenten Vorjahr noch einmal gewachsen: Im Pressezentrum der Veranstaltung sind Arbeitsplätze rar, teils arbeiten während der Auftaktreden Korrespondenten auf dem Boden. Ein Seiteneffekt: Die Internetverbindung ist stark eingeschränkt, daher verzögern sich Updates derzeit. Wir bitten um Verständnis.
Freitag, 14.00 Uhr: Auch das ist die Sicherheitskonferenz in München: europäische Polizeizusammenarbeit. Nahe des Hotel Bayerischer Hof stehen kurz vor dem Konferenzauftakt mehrere Polizeiautos aus den Niederlanden. Am Donnerstag waren auch Fahrzeuge aus Österreich zu sehen.
Freitag, 13.30 Uhr: Die erste Demonstration lief schon vor dem offiziellen Start der Sicherheitskonferenz: Auf dem Münchner Odeonsplatz – unweit des Tagungshotels – versammeln sich Gegner des iranischen Mullah-Regimes. Es ist einer von zwei iranischen Protesten. Für Samstag ist eine (den Planungen nach wesentlich größere) Kundgebung mit bis zu 100.000 Teilnehmern auf der Theresienwiese angekündigt. Das verdeutlicht eine Spaltung in der iranischen Opposition: Für Samstag hat Schah-Sohn Reza Pahlavi, auch Gast der Sicherheitskonferenz, geladen. Heute treffen sich Unterstützer des Nationalen Widerstandsrats Iran (NRWI). Angemeldet waren 1.500 Teilnehmer. Auf der Bühne steht unter anderem John Bercow, ehemaliger Sprecher des britischen Unterhauses und einst bekannt für seine „Order“-Rufe.
Risiko-Experte setzt den Ton für Sicherheitskonferenz: „Historisches Jahr“, „Bruch“ – und „großartig für Putin“
Freitag, 11.35 Uhr: Schon im vergangenen Jahr hatte Analyst Ian Bremmer hinter den Kulissen den Ton gesetzt: Stunden vor dem Start der Sicherheitskonferenz – und deutlich vor J.D. Vances Paukenschlag-Rede – warnte er vor internationalen Journalisten vor einem „Untergraben des deutschen Wahlsystems durch die USA“. Bremmer gilt als Koryphäe der Einschätzung globaler politischer Risiken. 2025 hatten sich die Medienvertreter bei seinem Vortrag in einen überfüllten kleinen Konferenzraum gequetscht. In diesem Jahr bekommt er die große „Press Conference Hall“ der MSC.
Optimistischere Einschätzungen hat der Experte allerdings nur bedingt parat. Bremmer erwartet ein „historisches Jahr“. Mittlerweile sei eine Realität für alle greifbar: „Die US-Vorherrschaft zerfällt.“ Das liege daran, dass Russland und China sich nicht am Westen ausrichteten – vor allem aber daran, dass die USA sich nicht mehr zu einer Führungsrolle, gemeinsamer Sicherheit, Freihandel oder offenen Grenzen bekennen. „Das sind strukturelle Entwicklungen“, sagt Bremmer. Chaos und Unberechenbarkeit der USA dürften nach Trump schwinden, meint er. Die grundlegende Linie werde sich aber fortsetzen.
Auf der Münchner Sicherheitskonferenz werde es nun nicht mehr um eine Beschreibung des Zustands gehen – sondern darum, Lösungen zu finden. Im Grundsatz gebe es für alle Akteure drei Optionen: bestehende Strukturen zu reformieren, neue Strukturen zu schaffen oder „in den Krieg zu ziehen“: „Ich denke, wir sehen, dass alles davon gerade passiert.“ Europa müsse dabei aufpassen, weiter am Tisch zu sitzen. In Sachen globaler Sicherheit sei das kaum möglich, in Sachen Handel oder „einigen Feldern der Diplomatie“ aber denkbar.
Von US-Außenminister Marco Rubios Siko-Rede erwartet Bremmer einen anderen Tonfall, aber keine angenehmeren Inhalte als von J.D. Vance im vergangenen Jahr. „Er wird die Europäer nicht mit Freude beleidigen, das ist ein recht großer Unterschied“, erklärt Bremmer. „Er wird als überwiegend konstruktiv herüberkommen und Unzuverlässigkeit verringern. Aber die Botschaft wird hart sein und sie wird nicht zwingend den Wünschen der Europäer entsprechen.“ Ein Zeichen sei auch Rubios geplante Weiterreise nach Ungarn und in die Slowakei: Die USA seien bereit, Euro-Skeptiker zu unterstützen. „Das ist ein großartiges Umfeld für Wladimir Putin“, sagt der Experte. Es gebe für Russland wenig Anlass, den Druck im Ukraine-Krieg zu verringern.
Sicherheitskonferenz in München 2026: Sorge vor Trump – und vor Putin
Vorbericht: In ruhigeren Zeiten war die Münchner Sicherheitskonferenz als großes Lobbytreffen mit Vertretern der Rüstungsindustrie verschrien. Aber längst wirkt sie wie eine Art gut vorausgeplanter Dauerkrisengipfel: Russlands Bedrohung, der Ukraine-Krieg, die blutige Niederschlagung von Protesten im Iran sind nur ein paar der Themen für die hochkarätigen politischen Teilnehmer. Und dann droht sich der „Westen“ auch auf dem Podium selbst zu zerlegen.
Gut möglich scheint, dass die USA einmal mehr Europa und die NATO schocken. Donald Trump hat diesmal zwar seinen Außenminister Marco Rubio nachgeschickt – der gilt als europafreundlicher und weniger radikal als Vizepräsident J.D. Vance. Aber nicht nur der CDU-Außenexperte Norbert Röttgen warnte im Vorfeld: Auch Rubio werde wohl eine Rede nach Trumps Geschmack halten. Die NATO müsse mittlerweile auf „vieles vorbereitet sein, auch auf das Undenkbare“, sagte er dem Deutschlandfunk.
Wie die großen Reden einzuordnen sind, was Experten und prominente Gäste bei den Veranstaltungen am Rande der „Munich Security Conference“ sagen und wie die Stimmung ist – das verrät Ippen.Media-Reporter Florian Naumann in diesem Ticker. Der Experte für Europa- und Sicherheitspolitik ist während der drei Veranstaltungstage in München unterwegs; auf dem SiKo-Gelände, aber auch bei ausgewählten Terminen am Rande der Konferenz. Im Zentrum wird eine Frage stehen: Wie kommt Europa zwischen Trump und Putin durch unsichere Zeiten? (Quellen: Eigene Gespräche, Eindrücke und Recherchen, dpa, AFP, Deutschlandfunk)
Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa/picture alliance








