„Ein echtes Problem“

Trumps Tomahawk-Weigerung: Eine unverhoffte Chance auf Frieden in Europa?

Europas Rüstungsindustrie steht unter Druck, und die Ukraine kann nur unzureichend liefern. Die Raketenfrage entscheidet über Europas Druck auf Putin.

„Der dealfokussierte Donald Trump verfügt nicht über einen Funken Strategie“, schreibt Stephen Samuel Roach. Der Analyst des deutschen Thinktanks „Friedrich-Ebert-Stiftung“ behauptet, der US-Präsident handle überwiegend auf der Grundlage persönlicher Launen und möchte „von Speichelleckern umgeben sein statt von ehrlichen Beratern, die ihm die Wahrheit sagen“. Wie Reuters berichtet, seien die Demokraten in den USA darüber besorgt, Truppen aus Deutschland abzuziehen und auf die Stationierung von Tomahawk-Mittelstrecken zu verzichten. Laut der britischen Nachrichtenagentur sähen die Republikaner in ihrer Entscheidung eher einen Ansporn für Deutschlands Anstrengungen – aus der CDU werden ähnliche Stimmen laut.

NATO-Mission zur Ostflanke hautnah: Reporter an Bord einer AWACS-Maschine

Reportage an Bord einer NATO-Maschine auf dem Weg zur Grenze zur Ukraine
Reportage an Bord einer NATO-Maschine auf dem Weg zur Grenze zur Ukraine
Reportage an Bord einer NATO-Maschine auf dem Weg zur Grenze zur Ukraine
Reportage an Bord einer NATO-Maschine auf dem Weg zur Grenze zur Ukraine
NATO-Mission zur Ostflanke hautnah: Reporter an Bord einer AWACS-Maschine

„Wir könnten gemeinsam mit der Ukraine solche Raketen entwickeln“, schlug CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter vor, wie die Deutsche Presseagentur berichtet. Europa müsse sich stärker um die eigene konventionelle Verteidigung kümmern „und mehr Lasten von den Amerikanern abnehmen, also den Amerikanern auch signalisieren, dass eine Zusammenarbeit mit Europa ein Mehrwert ist“, so Kiesewetter laut der Nachrichtenagentur. Europa solle sich nicht „von Trump irritieren lassen, sondern an die traditionellen gemeinsamen Werte zwischen USA und NATO-Europa anknüpfen“. Trotz aller Entwicklungsschritte, die die Ukraine durch den von Wladimir Putin aufgezwungenen Krieg in Windeseile hat zurücklegen müssen, bleibt sie der US-amerikanischen Waffentechnik weit unterlegen.

Erbe der Biden-Regierung: Trump war beim Thema Tomahawks schon länger hin- und hergerissen

US-Präsident Donald Trump war beim Thema Tomahawks schon länger hin- und hergerissen. Er zeigte sich bereit, mit der Ukraine über die Waffen zu reden, hatte aber zugleich mehrfach betont, die USA brauchten die Tomahawks auch selbst, berichtet die dpa über ein als „schwierig“ beurteiltes Treffen zwischen Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in 2025. Für den ukrainischen Präsidenten wäre insofern fahrlässig gewesen, sich in seiner militärischen Planung auf diese Waffe zu verlassen. Aber was dann? „Der größte Vorteil des Tomahawk gegenüber allen Waffen, die den ukrainischen Streitkräften derzeit zur Verfügung stehen, ist seine große Reichweite“, schrieb Illia Kabachynsky von der ukrainischen Nachrichtenplattform United24.

„Es ist eine Frage der Anzahl. Ein paar Dutzend Tomahawks machen keinen Unterschied; Hunderte hingegen schon“

Mark F. Cancian & Chris H. Park; Center for Strategic and International Studies

Auch in Deutschland wollte Ex-Präsident Joe Biden Tomahawk- und Dark-Eagle-Hyperschall-Raketen stationieren – auf 2024 datiert die Vereinbarung, um mit mehr Raketen Wladimir Putins Gelüste auf einen Angriff gegen NATO-Partner einzuhegen. Die deutsche Regierung hatte offenbar keine ernsthaften Hoffnungen, auch unter Trump von den Raketen und deren Bedienungen des US-Langstreckenartilleriebataillons der 2. Multi-Domain-Task-Force profitieren zu können, zitiert das Wall Street Journal (WSJ) Nico Lange. „Dennoch ist es ein echtes Problem, dass diese Lücke in der konventionellen Abschreckung angesichts der ernsten Bedrohungslage in Europa immer noch nicht geschlossen wird. Wir verfügen zwar über eigene Truppen, aber niemand in Europa besitzt diese spezielle Fähigkeit bisher“, so der Direktor des deutschen Instituts für Risikoanalyse und Internationale Sicherheit.

Erfolgreich: Der Lenkwaffenzerstörer USS Porter feuerte eine Tomahawk Land Attack Missile (TLAM) in Richtung Irak ab, um die Operation Iraqi Freedom zu unterstützen; jetzt führt der tief fliegende Marschflugkörper möglicherweise auch in der NATO zu Verwerfungen zwischen den Partnern USA und Deutschland. (Archivfoto).

Der Tomahawk-Rakete wird eine Reichweite von mehr als 1.600 Kilometern attestiert, der Dark Eagle 3.000 Kilometer. Mit keinem anderen System wird sich die NATO Putin derart effektiv vom Hals halten können. Die gute Nachricht: Die Weigerung der Stationierung betrifft zunächst Deutschland; in einem anderen NATO-Land könnte die Waffe aber dennoch aufgestellt werden. „Doch Deutschland eine entscheidende Fähigkeit zu verweigern – nur wenige Tage nachdem der Leiter der Pentagon-Politik, Elbridge Colby, das Land für seine ‚führende Rolle‘ gelobt hatte – zeigt einmal mehr, dass die USA unter Präsident Donald Trump kein verlässlicher Sicherheitspartner für Europa sind“, schreibt aktuell Rafael Loss. Laut dem Autoren des Thinktanks „European Council on Foreign Relations“ (ECFR) seien die Europäer damit entweder dazu verdammt, auf ukrainische Technik zu setzen, oder sie müssten ihre eigenen Innovationen beschleunigen.

Hilfe aus Ukraine-Krieg? Ansätze für eine autonome Rüstungsindustrie mit weittragenden Waffen vorhanden

Aus ukrainischer Fertigung dient sich hauptsächlich der Marschflugkörper Flamingo an – der allerdings weder an Reichweite noch an Präzision restlos zu überzeugen wusste. Sein Vorteil liegt eher im Schnäppchenpreis. Loss zufolge seien die Ansätze für eine autonome Rüstungsindustrie mit weittragenden Waffen in Europa vorhanden – nur müssten die in Windeseile weiterentwickelt werden: Storm Shadow/SCALP-EG, Taurus oder die französischen Marine-Marschflugkörper (MdCN). Alle diese Waffen müssten vom Boden aus gestartet werden können und an Reichweite deutlich zulegen. „Kritische Fähigkeitslücke im Bereich der weitreichenden Abstandswaffen“ nennt sich die Herausforderung, zu der die Verteidigungsminister Frankreichs, Polens, Italiens und Deutschlands während des NATO-Gipfels in Washington Mitte 2024 eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet haben.

ELSA war geboren und soll als European Long-Range Strike Approach zur Entwicklung von konventionellen Präzisionsschlagfähigkeiten großer Reichweite führen. Die erste Einsatzfähigkeit ist für Mitte der 2030er-Jahre angepeilt – etwa die eines britisch-deutschen Marschflugkörpers oder einer französischen ballistischen Rakete, wie Loss schreibt. Laut Militäranalysten sei Deutschland auf dem richtigen Weg, „weniger abhängig von Amerikas militärischem Schutz zu werden, aber der Streit zwischen Merz und Trump sei eine nützliche Erinnerung an die Dringlichkeit dieser Bemühungen“, so WSJ-Autor Bertrand Benoit. An den Tomahawk-Raketen entbrannte auch die Diskussion, inwieweit die Ukraine gegenüber Wladimir Putins Angriffen gefeit bliebe, wenn die US-Lieferungen ausblieben. Ergebnis: Auch ohne sie ist im Ukraine-Krieg weiterhin im Spiel.

NATO ohne Verlust durch Trump-Veto? „Ein paar Dutzend Tomahawks machen keinen Unterschied“

Dasselbe könnte auch für die NATO gelten, wenn sie sich auf ihre eigene Waffentechnik verlassen müsste. „Es ist eine Frage der Anzahl. Ein paar Dutzend Tomahawks machen keinen Unterschied; Hunderte hingegen schon“, schrieben Ende 2025 Mark F. Cancian und Chris H. Park für den US-Thinktank „Center for Strategic and International Studies“; tatsächlich blieb die Zahl der zu stationierenden US-Raketen ungenannt. Möglicherweise hätte die Summe der Waffen ohnehin nur einen symbolischen Wert gehabt. Gleichzeitig hatte Wladimir Putin „Spiegelmaßnahmen“ angekündigt, also der neuen Bedrohung rhetorisch seinerseits eine noch größere Bedrohung entgegengesetzt. Nichtsdestotrotz bliebe der Bundesregierung offen, die Raketen aus den USA zu kaufen – was auch mit dem Patriot-System geschehen war.

Von einer rüstungspolitischen Union, beziehungsweise von einer einheitlichen Armee, ganz weit entfernt, erscheint Europa aktuell dem Politikwissenschaftler Hans Kundnani: „Trotz des Hypes um ein ‚geopolitisches Europa‘ bleibt die Rolle der EU in Sachen Verteidigung hauptsächlich eine wirtschaftliche, sei es durch die Koordinierung von Sanktionen oder durch die Förderung der Rüstungsindustrie in den EU-Mitgliedstaaten“, schreibt er für den Thinktank „Friedrich-Ebert-Stiftung“. Die Stationierung von US-Raketensystemen in Deutschland wäre ohnehin keine risikofreie Allzwecklösung gewesen, hatten Mitte 2024 bereits Alexander Graef, Tim Thies und Lukas Mengelkamp vorausgeahnt. Die Analysten der „Friedrich-Ebert-Stiftung“ hatten darauf hingewiesen, dass die Stationierung von Tomahawks Putin möglicherweise dazu veranlasst hätte, einen Krieg gegen die NATO mit Atomwaffen zu führen.

Was durchaus ausbleiben könnte, wenn Russland sich weniger bedroht fühlte durch konventionelle, aber präzise Distanzwaffen in Europa, die seine eigenen nuklearen Fähigkeiten deutlich weniger bedrohen könnten, wie die Analysten schlussfolgern. Der Verzicht auf Tomahawks könnte insofern auch zu einer Beruhigung der geopolitischen Großwetterlage führen. Wenn auch einer trügerischen – immerhin scheint sich Russland im Ukraine-Krieg derart aufzureiben, dass von einem geplanten Angriff auf die NATO plötzlich keine Rede mehr zu sein scheint. Vor allem, weil Russland mit dem Iran auch ein starker Verbündeter weggebrochen ist. Vor allem nimmt ein möglicher Verzicht auf die Stationierung von Tomahawks vorerst auch Druck von Deutschland, wie Graef, Thies und Mengelkamp ausführen:

Ohne Tomahawks rücke Deutschland auch wieder aus dem Fokus von Russlands möglicher russischer Vergeltung: „Im Kontext des NATO-Doppelbeschlusses von 1979 zur Stationierung nuklear bestückter Mittelstreckenraketen hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt darauf bestanden, eine solche Singularisierung unbedingt zu vermeiden.“ (Quellen: Reuters, Deutsche Presseagentur, United24, Friedrich-Ebert-Stiftung, European Council on Foreign Relations, Center for Strategic and International Studies, Wall Street Journal) (hz)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Christopher Senenko/U.S .Navy

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