Kommentar zur BVB-Krise

Hummels und Reus fehlen dem BVB? Nehmt die rosarote Brille ab!

In der Dortmund-Krise wird einiges verklärt, wenn die Erinnerung an Mats Hummels und Marco Reus geht, kommentiert BVB-Reporter Lars Pollmann.

Dortmund – Die Diskussion über den Mangel an Führungsspielern bei Borussia Dortmund hat mehr Tradition als so mancher Gegner, gegen den der BVB in der laufenden Saison in der Bundesliga verloren hat!

Seit Jahren wird die F-Frage (Führungsspieler) mit dem verbotenen M-Wort (Mentalität, wahlweise auch Meisterschaft) vermengt. Darüber wird bisweilen auch über das Q-Thema (Qualität) hinweggesehen. Besondere Blüten treibt die Diskussion derzeit, wenn im Rückblick die rosarote Brille aufgesetzt wird.

Hat Dortmund bei Hummels und Reus einen Fehler gemacht?

Mats Hummels und Marco Reus fehlen dem BVB an allen Ecken und Enden, ist dieser Tage zu lesen – als sei das im Sommer verabschiedete Altmeister-Duo nicht über viele Jahre selbst Gegenstand hitziger Debatten über den BVB gewesen.

Im Rückblick auf Mats Hummels und Marco Reus wird einiges verklärt, kommentiert BVB-Reporter Lars Pollmann.

Hummels wurde als Klassensprecher-Typ dargestellt, der einen manchmal zu engen Draht zum Lehrer hatte: Dass sich der Abwehrmann sehr gut mit Klubchef Hans-Joachim Watzke versteht, ist ihm früher oft negativ ausgelegt worden. Hummels pflegte Kontakte zur Führungsetage, die Trainerbüros ließ er dabei bisweilen links liegen.

In der Vergangenheit sorgte das manchmal für Ärger und Kritik an Hummels, heute heißt es, der Routinier habe damit viele Probleme „auf kurzem Dienstweg geklärt“, wie das Magazin Sport Bild formuliert.

Hummels disqualifizierte sich mit seiner öffentlichen Trainerkritik beim BVB

Davon, dass sich Hummels mit der öffentlichen Kritik an Trainer Edin Terzić unmittelbar vor dem Finale der Champions League gegen Real Madrid selbst disqualifizierte und für einen deutlich stilleren Abgang sorgte, als er einem der besten und wichtigsten BVB-Spieler aller Zeiten gebührt hätte, wird heute bezeichnenderweise nicht mehr gesprochen.

Reus hingegen bekam einen rauschenden Abschied, in der Bundesliga fiel er fast schon kitschig mit seinem Freistoßtor gegen den SV Darmstadt aus. Ein Happyend in der Champions League blieb dem langjährigen Offensivstar verwehrt. Dass der heute in den USA aktive Ex-Nationalspieler in der Rückschau als Kapitän in den Himmel gelobt wird, würde ihn wohl selbst wundern, wenn er die Berichterstattung verfolgen würde.

Reus wurde als BVB-„Chefchen“ diffamiert

Schließlich wurden gegenüber Reus ähnliche Vorwürfe laut, wie sie es heute zum Beispiel gegenüber Amtsnachfolger Emre Can werden: Wie oft wurde Reus als „Chefchen“ diffamiert, wie oft wurde er regelrecht persönlich dafür verantwortlich gemacht, dass Dortmund nach seiner Verpflichtung im Sommer 2012 nicht mehr Meister geworden ist?

Mit der rosaroten BVB-Brille in die Vergangenheit wird aus einem oft stillen Kapitän der Kabinen-Papa gemacht, der sich um die Jungstars kümmerte, die manchmal noch Flausen im Kopf hatten. Wohlgemerkt: Diese Rolle hatte er tatsächlich inne, nur interessierte das zu gegebener Zeit niemanden so sehr wie die schlechte Titelbilanz des Pechvogels Reus.

Hummels und Reus haben ihren Platz unter den BVB-Legenden

Hummels und Reus gehören fraglos zu den fünf bis zehn besten und wichtigsten BVB-Spielern der Moderne, sie haben einen gewaltigen Anteil daran, dass die Ansprüche im Umfeld um ein Vielfaches gestiegen sind. Die Rückschau sollte dennoch nicht verklärt werden, weil die Tagesaktualität zur Tristesse einlädt.

Es gab Gründe dafür, den Schnitt bei den beiden Altmeistern zu wagen. Ob die Entscheidungen aus sportlicher Sicht falsch waren, lässt sich diskutieren. Es sollte aber nicht so getan werden, als habe der BVB mutwillig zwei herausragende Führungspersönlichkeiten abgesägt und sich die Probleme erst dadurch selbst gestellt.

Rubriklistenbild: © Imago/Montage

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