„Sieht wirklich nicht gut aus“
Iran-Krise verknappt Dünger: „Lebensmittelpreise werden steigen müssen“
In den vergangenen Wochen ist der Düngerpreis deutlich in die Höhe geschossen. Das hat auch Auswirkungen auf Deutschland.
Dass der Iran-Krieg die Spritpreise steigen lässt, ist mittlerweile nicht nur Autofahrern klar. Die schwierige Lage im Nahen Osten hat aber auch Auswirkungen auf andere Bereiche: etwa den Düngerpreis. Der befindet sich mittlerweile auf einem ähnlichen Niveau wie zu Beginn des Ukraine-Kriegs. Das hat auch Folgen für Deutschland.
Der Weltmarktpreis für Stickstoffdünger habe sich „aufgrund der plötzlichen Knappheit auf den globalen Märkten im Zuge des Iran-Kriegs um rund 30 bis 40 Prozent seit Jahresbeginn erhöht“, erklärte Philipp Spinne, Geschäftsführer Deutscher Raiffeisenverband (DRV), Ende März auf Anfrage des Münchner Merkur von Ippen.Media. Hinzu kommt: Der Preis für Harnstoff ist sogar um rund zwei Drittel gestiegen, wie das Portal Agrarheute berichtet. „Der globale Harnstoffmarkt ist der wichtigste Indikator dafür, welche Stickstoffpreise in den nächsten Monaten zu erwarten sind“, heißt es dort. „Und das sieht wirklich nicht gut aus.“
Teurerer Dünger: „Am Ende werden die Lebensmittelpreise steigen müssen“
Die Lage betrifft zunächst vor allem die Landwirtschaft auf ärmeren Kontinenten, wo die Düngerbestellungen oft auf Kante genäht sind. In Europa sind die Auswirkungen für Bauern bisher nicht unmittelbar zu spüren. Denn viele Landwirte hatten ihren Dünger für dieses Frühjahr schon vor Kriegsbeginn gekauft. Doch sollte der Preis hoch bleiben, werden auch die Produktionskosten der deutschen Landwirte steigen, und damit auch die Erzeugerpreise.
Es droht eine Art Kettenreaktion, die auch Verbraucher spüren, wie Herbert Netter vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau erklärt: „Die Energiepreise steigen. Damit wird die Bewirtschaftung der Flächen sehr viel teurer“, sagte er der dpa. Zusammen mit den steigenden Düngerpreisen lautet Netters Schlussfolgerung: „Am Ende werden schließlich die Lebensmittelpreise steigen müssen.“
Andere Experten sind optimistischer: „Europa bezieht seit Jahren kaum Düngemittel aus der Konfliktregion“, heißt es beim Industrieverband Agrar. Auch der Europaabgeordnete Stefan Köhler (CSU) sieht aktuell keine Düngerkrise in Deutschland. „Aber wenn der Konflikt länger dauert, wird auch der Dünger sehr teuer werden. Dann kann es auch zur Verteuerung von Getreide führen“, sagte Köhler in Brüssel am Rande eines Gesprächs mit unserer Redaktion.
Der Deutsche Raiffeisenverband sah Ende März keine spürbaren Folgen für Deutschland. „Einschränkungen bei der Lebensmittelversorgung in Deutschland erwarten wir nicht“, sagt Spinne. Angesprochen auf in Zukunft gestiegene Lebensmittelpreise sagt der Experte: „Das hängt sehr davon ab, wie lange der Iran-Krieg und insbesondere die Blockade der Straße von Hormus noch andauert.“
USA und Iran einigen sich auf Waffenruhe
Vorsichtige Entspannung brachte der Mittwoch. Der Iran und die USA haben sich kurz vor Ablauf eines Ultimatums von US-Präsident Donald Trump auf eine zweiwöchige Waffenruhe und die Öffnung der für den globalen Öl- und Gasmarkt wichtigen Straße von Hormus geeinigt. Ob das zu einem dauerhaften Frieden führt, bleibt abzuwarten. Trump äußerte sich zuversichtlich, in der zweiwöchigen Feuerpause ein dauerhaftes Abkommen mit dem Iran erzielen zu können.
Kurzfristig veränderte die Waffenruhe auch die Situation fernab des Irans. Der DAX startete mit kräftigem Plus, der Ölpreis stürzte ab. Die noch immer hohen Energiepreise würden aber „preistreibend“ wirken, hieß es vor der Waffenruhe vom Raiffeisenverband. „Durch die deutlich erhöhten Dieselpreise verteuern sich Maschineneinsätze und Transporte. Hohe Energiekosten belasten darüber hinaus besonders die energieintensiven Unternehmen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft.“ Dazu zählten etwa Molkereien mit ihrem hohen Energiebedarf für Pasteurisierung und Kühlung oder auch Unternehmen der Fleischverarbeitung sowie der Futtermittelherstellung. „Auch der Bezug von Verpackungsmaterial wie etwa Glasflaschen kann sich aufgrund der steigenden Produktionskosten verteuern“, sagt Spinne.
Dass Kriege generell die Düngerpreise weltweit steigen lassen, liegt am hohen Energiebedarf der Herstellung: „Die Gaspreise bestimmen zwischen 80 und 90 Prozent der Kosten der Ammoniak- und Stickstoffproduktion“, heißt es vom Industrieverband Agrar. Wird Gas teurer, steigen also automatisch auch die Düngerpreise. Und düngen die Bauern weniger, sind Ernteeinbußen die Folge.
Ohne Dünger wäre die Lebensmittelproduktion viel geringer. In einem 2008 publizierten Aufsatz berechneten der niederländische Umweltwissenschaftler Jan Willem Erisman und mehrere Kollegen, dass 48 Prozent der Weltbevölkerung ihre Ernährung dem weltweiten Einsatz von Mineraliendünger verdanken. All das hängt auch mit der Lage in Nahost zusammen. Viele Grundzutaten für Dünger kommen aus der Region, wie etwa Harnstoff, Schwefel und Phosphat. Geschätzt ein Drittel des weltweit gehandelten Harnstoffs und etwa zwanzig Prozent des Ammoniaks passieren die Straße von Hormus. (Quelle: Deutscher Raiffeisenverband, Sven Köhler, Agrar, dpa)
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