Putins Ökonomie vor dem Kollaps
Russlands Wirtschaft erreicht „Endstadium“: Schuld ist nicht nur die enge Bindung an China
Es steht schlecht um die russische Wirtschaft. Über vier Jahre Ukraine-Krieg und internationale Isolation setzen ihr zu. Nun bestätigt eine Analyse den Trend.
Als Wladimir Putin im Februar 2022 seine Invasion der Ukraine initiierte, war zunächst noch schwer absehbar, was dies für die Ukraine, Europa und auch für Russland selbst bedeuten sollte. Die Europäische Union reagierte rasch mit triftigen Sanktionen gegen Russland und entkoppelte sich vom russischen Markt sowie vom Finanzsystem. Das hatte schwere Folgen für Oligarchen, deren Vermögen in der EU weitgehend eingefroren wurden. Doch das wirtschaftlich nun fast vollständig isolierte Russland widerstand den Sanktionen und ihrer Hebelwirkung zunächst gut. Knapp viereinhalb Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs zeichnen sich jedoch Bruchstellen der russischen Ökonomie ab.
Denn der Abnutzungskrieg ist längst nicht nur an der Front ein solcher: Auch wirtschaftlich zehren Russland und die Ukraine inzwischen schwer von den gegenseitigen Angriffen. Und das nicht nur, weil Wolodymyr Selenskyjs Einheiten jüngst immer wieder effektive Luftschläge mit Lang- und Mittelstreckendrohnen auf das Herz der russischen Wirtschaft flogen. Nun wurde die Tendenz der immer angespannteren ökonomischen Lage in Russland in einer Analyse zweier europäischer Wirtschaftsforschungsinstitute auch von offizieller Seite bestätigt.
Analyse resümiert „deutliche Anzeichen struktureller Erschöpfung“ der russischen Wirtschaft
In einem am Donnerstag (11. Juni) veröffentlichten Bericht des Kiel Instituts für Weltwirtschaft in Kooperation mit dem Stockholm Institute of Transition Economics attestieren die Autorinnen und Autoren beider Forschungseinrichtungen Russlands Wirtschaft nach gut viereinhalb Jahren Ukraine-Krieg zahlreiche Schwachstellen. Eines von vielen Resümees des Berichts ist etwa, dass Russlands Wirtschaft nach mehr als vier Kriegsjahren „deutliche Anzeichen struktureller Erschöpfung“ zeige, wie es in der Analyse namens „Endgame: Russlands Kriegswirtschaft stößt an ihre Grenzen“ heißt.
In der aktuellen Kriegsphase verdichteten sich den Autorinnen und Autoren zufolge Hinweise darauf, dass Russlands Ökonomie „in ihrem Endstadium“ angekommen ist. Zwar habe sich die russische Wirtschaft in den ersten Jahren des Ukraine-Kriegs noch durchaus resilient gezeigt, doch mittlerweile seien die Fiskalreserven des russischen Staates „nahezu aufgebraucht“, erklärt Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft. Verfasst wurde die Analyse neben ihm auch von einigen weiteren international führenden Expertinnen und Experten zur russischen Wirtschaft.
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Öl- und Gaseinnahmen sind Putins Motor für den Ukraine-Krieg – doch sie brachen 2026 massiv ein
Nach groß angelegter Analyse der ökonomischen Entwicklung Russlands in den letzten Kriegsjahren und -monaten kommen die Forschenden zu folgendem zentralen Ergebnis: „Die liquiden Vermögenswerte des russischen Staatsfonds sind von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu Beginn des Krieges auf nur noch 1,8 Prozent im April 2026 gesunken.“ Damit haben sich die ökonomischen Grundlagen Russlands „deutlich abgeschwächt“ und Russlands Wirtschaftswachstum ist weitestgehend „zum Stillstand gekommen“, heißt es im Bericht weiter. „Gleichzeitig dürften höhere Ölpreise infolge des Krieges am Golf vermutlich nur vorübergehende fiskalische Effekte haben“, so Kiel-Institut-Experte Schularick ferner.
Russland findet sich nach fast viereinhalb Kriegsjahren also in einer extrem angespannten Situation wieder. Und das, zumal die Ausgaben für den eigens angestifteten Ukraine-Krieg nicht geringer werden – im Gegenteil. Wie das Onlineportal Trading Economics berichtet, stiegen Russlands Militärausgaben im Vorjahr auf über 190 Milliarden US-Dollar (knapp 164 Milliarden Euro). 2024 dagegen hatten sie noch bei rund 149 Milliarden US-Dollar (knapp 130 Milliarden Euro) gelegen.
Während Russlands Militärausgaben steigen, zog das Defizit im russischen Staatshaushalt bereits im ersten Quartal dieses Jahres rasant an. Hiermit ist laut dem Kiel- und Stockholm-Institut-Bericht die für das gesamte Kalenderjahr 2026 gesetzte Obergrenze im Staatshaushalt bereits erreicht. Zugleich aber macht sich ein weiterer signifikanter Einschnitt für Russlands Wirtschaft bemerkbar. Denn die Öl- und Gaseinnahmen im ersten Quartal 2026 brachen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ganze 45 Prozent ein, resümiert die Analyse beider Wirtschaftsforschungsinstitute weiter. Das trifft Russlands Wirtschaft schwer, denn die Exporteinnahmen gelten gemeinhin als essenzielle Variable, um den Krieg in der Ukraine am Laufen zu halten.
Mit der ökonomischen Abhängigkeit von China stellt sich der Kreml langfristig selbst ein Bein
Ein weiteres triftiges Problem für die russische Wirtschaft ist in der aktuellen Phase die ökonomische Abhängigkeit von China, die den Autorinnen und Autoren der Analyse zufolge eine „asymmetrische“ ist. Warum aber? Russlands Nähe und vorige Hinwendung zu China zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns mit der Ukraine habe dem Kreml laut Analyse zwar zunächst einen Rettungsanker verschafft – doch der ist nur ein temporärer, bilanzieren die Expertinnen und Experten. Denn langfristig gesehen verlagere er nicht nur wirtschaftliche Macht schrittweise von Russland nach China, sondern auch politische.
Denn mit der eigenen Isolation auf den Weltmärkten ist Peking inzwischen zum unangefochtenen Hauptabnehmer russischer Rohstoffexporte geworden. Das ermöglicht China auf der anderen Seite, massive Preisabschläge von Russland einzufordern, weil es keine anderen Abnehmer mehr gibt – zumindest nicht auf offizieller Ebene. Für China ist die wirtschaftliche Nähe zu Russland ein Sieg, der sich im Stillen vollzieht, wie es auch das Handelsblatt in einem jüngst (4. Juni) veröffentlichten Artikel zum Thema benannte.
Denn russische Rohstoffe gehen deutlich unter ihrem eigentlichen Wert nach Fernost, während chinesische Güter mit Aufschlag nach Russland exportiert werden. Und auch die amtlichen Zahlen sprechen Bände: So macht China inzwischen rund 35 Prozent des russischen Außenhandels aus, verglichen mit 16 Prozent des Exports und 30 Prozent des Imports vor Beginn der Vollinvasion. Der EU-Anteil an russischen Exporten ist dagegen von rund 38 Prozent vor Beginn des Ukraine-Kriegs auf nur noch 7 Prozent gesunken, wie die Expertinnen und Experten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und des Stockholm Institute of Transition Economics weiter bilanzieren. (Verwendete Quellen: Kiel Institut für Weltwirtschaft, Stockholm Institute of Transition Economics, Trading Economics, Handelsblatt) (fh)
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