WhatsApp wird eingeschränkt

Putin führt Zensurwerkzeug Max ein: Kreml greift nach privaten Chats

Der Messengerdienst Max soll in Russland WhatsApp und Co. ersetzen. Putins Regierung könnte so Zugriff auf die Kommunikation ihrer Bürger erlangen.

Moskau – Die Anrufqualität vom Messengerdienst MAX soll überragend sein: Sogar in einer Tiefgarage ließe sich problemlos zwei Stunden lang telefonieren, erklärt die russische Rapperin Instasamka. Das gelte auch für den Aufzug, ergänzt die populäre russische Sängerin Valya Karnaval. Und mitten auf dem Meer funktioniert Max einwandfrei, teilt der Musiker Jegor Krid – in seinem Musikvideo im Schlauchboot liegend – euphorisch mit. Dass Prominente neue Produkte bewerben, ist soweit nicht ungewöhnlich – doch steckt bei Max mehr dahinter: Es ist der Versuch Russlands, ein eigenes digitales Ökosystem aufzubauen. 

Neuer Messengerdienst Max: Wie Russland die Kontrolle über die Kommunikation zurückgewinnen will

Seit dem 1. September ist es laut russischem Gesetz verpflichtend, dass Max auf in Russland verkauften Smartphones und Tablets vorinstalliert ist. Parallel dazu werden die Restriktionen gegenüber der Meta-Tochter WhatsApp oder dem Messengerdienst Telegram immer härter. Seit August sind Sprachanrufe in beiden Diensten blockiert bzw. stark eingeschränkt. Dahinter steht die Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor, die die Funktionen blockiert und dies mit Betrugs- und Terrorismusprävention begründet.

Unter Präsident Wladimir Putin wird Russland immer mehr zum Überwachungsstaat – ein neuer Messengerdienst könnte die Zensur noch weiter beschleunigen.

Allerdings könnte das bislang verhaltene Nutzerinteresse an Max, das im März auf den Markt kam, ein zusätzlicher Treiber gewesen sein. Während sich die russischen Behörden von dem Projekt des Internetkonzerns VK eine „Super-App“ erhoffen, über die die Bürger künftig Nachrichten, Zahlungen und Behördengänge erledigen, reagierte die Bevölkerung jedoch zurückhaltend.

Sperren bei ausländischen Diensten: Putins Medienaufsicht schränkt WhatsApp und Telegram gezielt ein

Im September waren zwar laut Angaben der App rund 35 Millionen Nutzer registriert, doch bis Juni folgten dem Aufruf der Behörden nur rund eine Million Menschen. Und noch immer sind andere Dienste stärker: WhatsApp zählte vor einem Monat laut dem Medienforschungsinstitut Mediascope noch rund 97 Millionen Nutzer, Telegram kam auf 91 Millionen. Die Botschaft aus der Bevölkerung hätte also nicht klarer ausfallen können: Wir nutzen lieber ausländische Kommunikationsdienste.  

Doch das größte Ärgernis für die russischen Behörden dürfte noch immer die fehlende Kontrolle über diese Dienste darstellen. So verweigerte Whatsapp etwa eine direkte Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden und betonte Sicherheits- und Datenschutzprinzipien – die Behörden beklagten in der Folge mangelnde Kooperation.

Super-App-Versprechen von VK: Nachrichten, Zahlungen, Behördengänge – doch die Realität ist eine andere

Bei Telegram ist die Lage ähnlich: Der Dienst nutzt MTProto-Verschlüsselung und wird in Russland teils über Proxys/VPN erreicht. Das ermöglicht den Zugriff auf gesperrte Dienste wie etwa regierungskritische Medien im Exil. Max lässt sich dagegen nur mit einer russischen oder belarussischen Telefonnummer installieren. So sind im Ausland lebende Russen, die etwa vor der autoritären Regierung unter Wladimir Putin geflüchtet sind, gezielt von der Kommunikation mit den russischen Verwandten abgeschnitten – zumal auch virtuelle SIM-Karten nicht funktionieren.

Wie eng der Entwicklerkonzern VK mit den russischen Behörden zwecks Informationsweitergabe kooperiert, ist noch unklar. Nach dem Rollout im März legten Sicherheitsforscher erhebliche Mängel im Code der App frei, woraufhin VK jeden Hinweis auf technische Schwächen mit einer Belohnung zwischen rund 2.000 und 62.000 Euro belohnte.

VK unter Staatsnähe-Verdacht: Eigentümergeflecht des Internetkonzerns ist eng mit Putins Umfeld vernetzt

Schnell kursierten auch Gerüchte, dass die App massenhaft IP-Adressen oder Standortdaten mit den Sicherheitsbehörden teilt. Auch über einen Zugriff auf das Smartphone der Max-Nutzer und damit auf Nachrichten, Kamera oder Mikrofon wurde wild spekuliert. Doch laut einer Analyse der Digitalrechtsorganisation Roskomswoboda sei dies nicht der Fall – zum Teil böte die App sogar einen guten Datenschutzstandard, teilte diese dem SPIEGEL mit. Allerdings pflegt das Unternehmen VK seit Jahren gute Beziehungen zum Kreml. Die Kontrolle über VK liegt bei Gazprom-nahen Eigentümerkreisen, darunter die Gazprombank und das Versicherungsunternehmen Sogaz.

CEO von VK ist zudem Wladimir Kirijenko, Sohn des stellvertretenden Leiters der Präsidialverwaltung Sergej Kirijenko – eine zentrale Figur im russischen Machtapparat. Der Großneffe des Putin-Vertrauten Juri Kowaltschuk ist Vice President für Medienstrategie & Service-Entwicklung und verantwortet zudem die Content- und Social-Media-Bereiche sowie das Soziale Netzwerk VKontakte.

Migration per Erlass: Hausverwaltungen, Schulen, Kliniken – wie Behörden Chats auf Max verlagern

Passend dazu hält das Innenministerium die App für sicherer als die ausländische Konkurrenz. Wie sehr der Konzern auf Kreml-Linie ist, zeigen auch die Aussagen des Design-Direktors der App, Artemy Lebedew: Dieser sieht in der fehlenden Anonymität von Max sogar einen Vorteil, da deswegen weniger Bots und Spam im System seien. Außerdem seien, so berichtet es The Moscow Times, keine „Chochly“ in der App unterwegs – ein abwertender Begriff für Ukrainer.

Neben der Marketingoffensive drängt Max auch zunehmend in öffentliche Institutionen, teils auf Basis behördlicher Weisungen und Rundschreiben. So werden Hausverwaltungen, Bildungseinrichtungen und Ärzte dazu aufgefordert, ihre Kommunikation vollständig auf Max zu verlagern. Laut dem russischen Exil-Medium Wjorstka weite sich die Direktive auf über 57 Regionen aus. Auch sollen frühere Digital-Initiativen in Max integriert werden. Für die staatliche Bildungsplattform Sferum sollen Funktionen schrittweise in Max aufgehen.

Staatsbedienstete dürfen keine ausländischen Messenger verwenden – Kritik an Max wird weniger

Zudem sind seit Juni für Mitarbeitende im Staatsdienst oder mit dem Staat kooperierende Unternehmen ausländische Messengerdienste ohnehin verboten. Außerdem wurden im Rahmen der Medien- und Extremismusgesetze Straf- und Bußgeldrahmen für regierungskritische Inhalte verschärft, betroffen sind auch Fälle positiver Äußerungen über die Ukraine.

Vereinzelte Kritik an der neuen App findet sich noch vereinzelt im Google Play Store oder in einzelnen Internetforen. Doch diese dürfte wohl bald auch verschwinden, wenn behördliche Vorgaben die Migration auf Max weiter forcieren – und einzig die Promi-Geschichten von störungsfreien Gesprächen in Tiefgarage, Aufzug und auf dem Meer als Feedback überleben.

Rubriklistenbild: © Dmitri Lovetsky/dpa

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