Merkur-Expertengespräch

Atomübung mit Belarus: Lukaschenko prahlt mit Russlands Waffen – Putins Kalkül reicht wohl weiter

Atomwaffenübungen lassen Europa auch auf Belarus blicken. Aufhorchen sollte aber nicht nur der Westen, meint ein Experte. Eine Analyse.

Mit Atomwaffen lassen sich immer Schlagzeilen machen. Kim Jong-un weiß das, Donald Trump ebenso – und natürlich auch Wladimir Putin. Drei Tage lang, bis Donnerstag, ließ er Russlands Armee ihre Fähigkeiten zum Abschuss von Atomwaffen testen. Mit und in Belarus. Es gehe auch um „den gemeinsamen Einsatz“ von dort stationierten Kernwaffen, teilte der Kreml mit. Hinter der Stationierung taktischer Atomwaffen in Belarus steckt aber mehr als eine Drohgebärde im Ukraine-Krieg. So sieht es Experte Boris Ginzburg im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Ein überraschend komplexes Verhältnis zweiter Diktatoren: Alexander Lukaschenko (li.) und Wladimir Putin.

Lukaschenko selbst gebe gerne mit den russischen Waffen an, sagt der Analyst, der unter anderem am Osteuropa-Institut der FU Berlin tätig ist. Ginzburg bezweifelt indes, dass Russland in seinem Angriffskrieg großen militärischen Nutzen aus einer Stationierung der Waffen in Belarus zieht. „In den beiden Malen, in denen Russland Oreschnik-Raketen gegen die Ukraine eingesetzt hat, sind sie aus russischem Territorium angeflogen“, betont er. „Anscheinend braucht Russland die Oreschnik-Raketen in Belarus eigentlich nicht“, folgert Ginzburg. Auch die Oreschnik gehören als atomwaffenfähige Hyperschallrakete zum prestigeträchtigen militärischen Tafelsilber des Kreml.

„Russland stationiert ganz bewusst sensible Militärtechnologien in Belarus“ – als Vorwand

Ein Umstand werde allerdings oft übersehen: „Wenn Lukaschenkos Regierung plötzlich enden würde – etwa, weil er aus Altersschwäche stirbt –, könnte Russland jederzeit auf seine Nuklearwaffen als ‚strategisches Interesse‘ verweisen“, betont der Experte für den postsowjetischen Raum: „Meine Einschätzung lautet: Russland stationiert ganz bewusst sensible Militärtechnologien in Belarus, um im Falle eines Umsturzes oder Regierungswechsels einen Vorwand für ein Eingreifen zu haben.“

Auch um die geostrategische Bedeutung von Belarus wisse Putin natürlich. Das Land liegt nahe an der russischen Exklave Kaliningrad – und noch näher an der sogenannten Suwalki-Lücke. Nahe der polnischen Stadt Suwalki trennt nur ein schmaler Landkorridor der NATO-Staaten Polen und Litauen Belarus und Kaliningrad. In Kaliningrad sind weitreichende Waffen in Schlagdistanz zu Berlin, Warschau oder auch Kopenhagen stationiert. Zuletzt schien Russland den Druck auf Litauen zu erhöhen – um mögliche Drohnenflüge in Richtung der Exklave zu unterbinden.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten
Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin
Kim Jong-un und Wladimir Putin
russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Auch die Drohnenvorfälle in den baltischen Staaten zeigen den Status Quo in den russisch-belarusischen Beziehungen, wie Ginzburg sagt. Auf den ersten Blick erscheint Lukaschenko als einer der treuesten Verbündeten Putins. Und Russland hilft ihm, sein Regime aufrechtzuerhalten. Im Jahr 2020 waren nach der offensichtlich manipulierten Präsidentschaftswahl in Minsk zehntausende Menschen gegen Lukaschenko auf die Straße gegangen. In der Realität dürfte das russisch-belarussische Verhältnis aber wesentlich komplexer sein.

Lukaschenko versuche sich an einem „Balanceakt“, erklärte Ginzburg unserer Redaktion schon Ende 2025. Damals hatte Belarus russische Drohnen auf dem Weg Richtung EU abgeschossen. In diesem Jahr ließ Lukaschenkos Militär aber aus der Ukraine in Richtung Russland fliegende Drohnen passieren, wie der Experte sagt. Der belarusische Diktator „toleriere“ die Angriffe auf seinen „angeblichen Verbündeten“ offenbar.

Russische Atomwaffen in Belarus: Putins Geduld mit Lukaschenko könnte „langsam überstrapaziert“ sein

„Für ihn ist wichtig, dass Russland militärisch beschäftigt bleibt, damit es gar nicht erst auf den Gedanken kommt, mit Expansionswünschen an Belarus heranzutreten“, sagt Ginzburg. Zugleich beschere der Ukraine-Krieg Lukaschenkos scharf sanktioniertem Land Einnahmen – etwa für militärische Dienstleistungen oder als eine Art Helfer in der Not bei Engpässen in beschädigten russischen Raffinerien.

Bislang dulde der Kreml Lukaschenkos „Doppelspiel“ – weil Russland in der Vergangenheit Vorteile aus dem Bündnis gezogen habe. So diene Belarus – das den meisten Waffensperrverträgen nicht beigetreten ist – als Korridor für Exporte russischer Waffen. Lange habe das Land Russlands innenpolitischer Propaganda zudem als abschreckendes Beispiel eines „schlimmeren Russland“ gedient: Im Vergleich mit dem eisernen Griff des Diktators Lukaschenko habe Putins Repression milde gewirkt. Dieser Effekt breche im Ukraine-Krieg allerdings zunehmend in sich zusammen.

Nun mehrten sich die Anzeichen, dass Russlands Geduld langsam überstrapaziert sei, meint Ginzburg. So habe die Sprecherin von Außenminister Sergej Lawrow, Maria Sacharowa, vor einiger Zeit aufhorchen lassen: In einer Pressekonferenz habe sie erklärt, in Sicherheitskreisen gebe es die Erkenntnis, dass der Westen eine „Farbenrevolution“ in Belarus plane – das werde man niemals zulassen.

„Das ist auch in der belarusischen Regierung mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen worden“, sagt Ginzburg. „Die Befürchtung ist, dass das als Vorwand aufgegriffen wird, um ‚einzugreifen‘ und Belarus einzunehmen.“ Die russischen Atomwaffen könnten dann als weitere Begründung dienen. Die aktuelle Übung hat sie noch einmal ins Schaufenster gerückt. Ungeachtet dessen bereitet aber auch die wachsende Bedeutung Atomwaffen Fachleuten Sorgen. (Quellen: Gespräch mit Boris Ginzburg, AFP, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © Montage: Sergei Savostyanov/Tass/Imago/Nikolay Petrov/BelTA/dpa

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare