Mit Sprengstoff beladen

„Können nicht über alles sprechen“: Drohne stürzt in Litauen ab – Nun wächst Sorge vor Russland

Verirrte ukrainische Drohnen tauchen vermehrt auch im Baltikum auf. In Litauen gibt es deshalb nun Warnungen – vor Russland. Eine Analyse.

Die Ukraine bringt Wladimir Putin unter Druck: Drohnen treffen russische Öl-Infrastruktur tief im Land, sogar in Moskau gehen Fluggeräte nieder. Die Ukraine hat ihre Fähigkeit zu solchen „Deep Strikes“ stark ausgebaut. Die Folgen scheinen – auf welchem Wege auch immer – aber auch die baltischen Staaten zu treffen. In Litauen warnen prominente Politiker plötzlich vor russischer Vergeltung. Nicht gegen die Ukraine. Sondern gegen das kleine EU-Land.

Ein Archivbild einer im März in Finnland abgestürzten ukrainischen Drohne – die Blicke in Litauen richten sich nach ähnlichen Vorfällen auf Russland.

„Sehr ernste Provokationen“ Russlands seien möglich, sagte der Sicherheitsberater von Präsident Gintanas Nauseda laut der Agentur ELTA am Dienstagmorgen – hielt sich ansonsten aber unter Verweis auf „nicht-öffentliche Informationen“ bedeckt. Der Hintergrund: In Estland, Lettland und Litauen sind zuletzt mutmaßlich ukrainische Drohnen abgestürzt. Litauen liegt anders als die baltischen Nachbarn aber nicht auf der Fluglinie zwischen Ukraine und Russlands Kernland. Sondern bestenfalls auf dem Weg in Richtung der für Putin strategisch wichtigen Exklave Kaliningrad. Viele Fragen sind offen.

Rätsel um Drohnenfunde im Baltikum – litauische Politiker warnen nun vor Reaktion Russlands

Russland wirft den drei baltischen Staaten bereits seit einiger Zeit vor, der Ukraine ihren Luftraum für Schläge auf russisches Territorium zur Verfügung zu stellen. Die drei Außenminister Estlands, Lettlands und Litauen dementierten das schon im April als „völlig haltlos“ und bezichtigten den Kreml der Lüge. Tatsächlich müssen Drohnenfunde in den baltischen Staaten nicht für einen bewusst geöffneten Luftraum sprechen – Flugbahnen technisch zu stören, ist im Drohnenkrieg an der Tagesordnung, Flugobjekte können also aus Russland etwa nach Estland und Lettland gelangen. Auch russische Aktionen mit erbeuteten ukrainischen Drohnen sind theoretisch denkbar.

Der jüngste Fall in Litauen ist aber tatsächlich spezieller gelagert – aufgrund der Geografie. In der Region Utena in Nordwest-Litauen hatte ein Anwohner beim Rasenmähen Drohnentrümmer gefunden. Beladen war die mutmaßlich ukrainische Drohne nach Behördenangaben mit Sprengstoff. Einsatzkräfte nahmen eine gezielte Sprengung vor.

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Unklar ist, auf welchem Wege die Drohne nach Litauen gelangte; Ermittlungen laufen. Für die Behörden unangenehm: Eigentlich hätte die Luftüberwachung auf einen Drohnenflug aufmerksam werden müssen – zumal direkt an der NATO-Ostflanke an der Grenze zu Belarus. In Litauen wird gerade eine Bundeswehr-Brigade aufgebaut. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass die Region Utena rund 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt. Die Ukraine ist sogar Hunderte Kilometer entfernt. Ein aus einem der beiden Länder einfliegendes Objekt muss entweder über Lettland oder über Belarus bedeutende Strecken zurücklegen.

Ausgeschlossen ist das nicht. In Lettland waren im Mai mehrere ukrainische Drohnen aus Russland eingedrungen – etwa nahe der Stadt Rezekne unbemerkt, die Bevölkerung erhielt zunächst keine Warnung. Über die folgende Entlassung von Verteidigungsminister Andris Spruds zerbrach sogar die lettische Regierungskoalition. Belarus wiederum nimmt eine teils ambivalente Rolle im Ukraine-Krieg ein. 2025 schoss das Regime von Alexander Lukaschenko sogar russische Drohnen im Anflug Richtung EU ab, wie Experte Boris Ginzburg damals unserer Redaktion sagte. Zugleich ist das Land aber auch Verbündeter Putins und steht unter Druck, helfend einzugreifen.

Litauen über mögliche „Provokation“ Putins beunruhigt: „Können nicht über alles sprechen“

Die These, Litauen stelle der Ukraine seinen Luftraum bewusst zur Verfügung, wies Präsidentenberater Deividas Matulionis im Gespräch mit dem Radiosender Žinių radijas vehement zurück: Das sei „absurd“. Zugleich warnte er, die Situation habe sich „erheblich zugespitzt“. Eher vage verwies Matulionis auf das Wirken russischer Geheimdienste. Offenbar ist man in Litauen beunruhigt.

Matulionis schien darum bemüht, den Kreml zu beschwichtigen: Man habe klarstellen müssen, nicht direkt an Kampfhandlungen beteiligt zu sein, erklärte er – „obwohl wir die Ukraine unterstützen und auch weiter unterstützen werden“. Ebenfalls am Dienstag sagte Parlamentssprecher Juozas Olekas, ihm lägen „keine öffentlichen“ Informationen über Pläne Russlands vor. Aber: „Wir können nicht über alles sprechen, was wir wissen.“ Ungewöhnlich ist das auch, weil Litauen lange als eher nüchtern und zielgerichtet im Umgang mit russischen Drohungen und Bedrohungen galt.

Der Sender LRT wies auf russische Medienberichte hin: Dort werde über eine Gefahr für Kaliningrad geschrieben. Berichte über Drohnenangriffe auf Russlands Exklave gibt es aktuell nicht – im Gegenteil, im Mai sicherten polnische Behörden ein Aufklärungsfluggerät, das offenbar aus Kaliningrad kam. Die Exklave steht aber aktuell verstärkt im Fokus. Russland hat dort weitreichende Marschflugkörper in Schlagdistanz zu Hauptstädten wie Warschau, Kopenhagen oder Berlin stationiert. Europa hat aktuell keine vergleichbaren Waffen. Litauens Außenminister Kestutis Budrys mahnte zuletzt zu Wehrhaftigkeit: „Wir müssen den Russen zeigen, dass wir ihre kleine Festung, die sie in Kaliningrad errichtet haben, durchdringen können“, sagte er der Neuen Zürcher Zeitung.

Zugleich fürchtet Litauen offenbar, zwischen die Fronten zu geraten. Auch Präsident Gitanas Nauseda hatte laut LRT zuletzt die Kriegsparteien davor gewarnt, litauisches Territorium für Drohnenschläge zu nutzen. Budrys bemühte sich um Klarstellung: Die Warnung betreffe Spekulationen über eine mögliche, zukünftige, absichtliche Nutzung des Territoriums. (Quellen: ELTA, LRT, AFP, Außenministerium Estland, Neue Zürcher Zeitung, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © Montage: Maxim Shipenkov/picture alliance/dpa/Pool EPA/AP/Polizei/Lehtikuva

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