„Wenn es die NATO nicht erwartet“

Merz‘ Steilvorlage, Putins Anruf: Was hinter Trumps Raketen-Rückzieher steckt – und wie ernst die Lage ist

Trump verunsichert Europa und erfreut Putin – mal wieder. Alles wegen Merz‘ Worten über eine „Demütigung“ im Iran-Krieg? Eine Analyse.

Dass diese gefühlte Wahrheit bei Donald Trump nicht gut ankommen würde – es war absehbar. „Da wird eine ganze Nation gedemütigt durch die iranische Staatsführung“, sagte Kanzler Friedrich Merz (CDU) über die Lage der USA im Krieg gegen den Iran. Der US-Präsident tobte öffentlich. Und will nun plusminus 5.000 Soldaten aus Deutschland abziehen, zudem doch keine Tomahawk-Raketen in der Bundesrepublik stationieren.

Wladimir Putin und Donald Trump sprechen wieder miteinander – kurz danach kommen schlechte Neuigkeiten für Friedrich Merz. (Montage)

Vor allem Letzteres ist gar keine gute Nachricht, da sind sich Deutschlands führende Militärfachleute von Carlo Masala über Nico Lange bis Jana Puglierin einig. Doch selbst wenn Merz’ verbaler Keulenschlag nicht hilfreich war: Es könnte ein Problem nur früher und lautstärker auf die große politische Bühne gebracht haben, dafür gibt es einige Indizien. Ein wenig heikler ist die Frage, was Trumps Drohung nun für Deutschlands Sicherheit bedeutet. Ein Überblick:

Was hinter Trumps Tomahawk-Rückzieher steckt – und wie ernst die Lage für Europa ist

Trump ändert US-Militärpläne – wirklich wegen Merz? So las es sich auf Trumps Social-Media-Plattform „TruthSocial“. Erst ein paar Tiraden gegen Deutschland – dann die Ankündigung, die USA „studierten und prüften die mögliche Reduktion von Truppen in Deutschland“. Auszuschließen ist natürlich nicht, dass dem impulsiven und eitlen Trump angesichts der aus einem Gymnasium im Sauerland übermittelten Kanzler-Worte der Kragen platzte. „Es gibt keinen Zusammenhang“, sagte Merz zuletzt selbst. Tatsächlich passen Trumps Planänderungen erstaunlich gut in ein größeres Panorama.

Denn die Vereinigten Staaten haben selbst Probleme – gerade mit ihrer Ausrüstung an Mittelstreckenraketen. Laut Washington Post verschossen die USA zu Beginn des Iran-Kriegs mindestens 850 „Tomahawk“-Raketen binnen eines Monats. Rund 3.000 Stück vermutete das Center for Strategic International Studies (CSIS) damals noch in den Arsenalen. Das genüge für den Iran-Konflikt, erklärte CSIS-Analyst Mark Cancian dem Portal Military Times. Das Problem seien der Ukraine-Krieg oder auch China, sagte er. „Strategen sind sehr besorgt, dass die sich lichtenden Lagerbestände unsere Fähigkeiten schwächen, dort einen Konflikt abzuschrecken oder auszufechten.“

Comeback der Atomwaffen-Tests: die nukleare Bedrohung kehrt zurück

Atompilz der nuklearen Explosion bei einem Test am 24. Juni 1957 in Nevada
Als Vater der Atombombe gilt Dr. J. Robert Oppenheimer.
Die erste jemals gezündete Kernwaffe trug den Code-Namen „The Gadget“
Die Druckwelle der ersten Atombombe in der Menschheitsgeschichte war über 160 Kilometer zu spüren.
Comeback der Atomwaffen-Tests: die nukleare Bedrohung kehrt zurück

Priorität hat in dieser Lage wohl die Abschreckung gegenüber China. Denn seit Jahrzehnten drängen die USA Europa, mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen – um sich selbst auf den Indopazifik konzentrieren zu können. Die zweite Regierung Trump hat diese Stoßrichtung verschärft. Mit dem möglichen Truppenabzug und dem Tomahawk-Rückzieher würde sie „nur“ zwei Zugeständnisse von Vorgänger Joe Biden abräumen. Die Truppengesamtzahl würde auf dem Niveau der Zeit vor dem Ukraine-Krieg ankommen. Wenn die abgezogenen Einheiten denn nicht nur innerhalb Europas verlegt werden.

Ein weiterer, mindestens bemerkenswerter Umstand: Kurz vor seiner ersten Androhung vom 29. April (Ortszeit) hatte Trump mit Kremlchef Wladimir Putin telefoniert. Offiziell ging es um den Ukraine-Krieg, einen möglichen Waffenstillstand; über eine mögliche Tomahawk- oder Truppenabzugsdebatte ist nichts bekannt. Klar ist aber, dass Putin die Waffe fürchtet. Eine Lieferung an die Ukraine hatte er – wie zuvor vieles andere – zur „roten Linie“ erklärt. Auch eine Verringerung der US-Streitkräfte in Europa dürfte ihm gefallen.

Keine „Tomahawks“ in Deutschland – wie massiv ist der Effekt? Auf der Hand liegt: Rein praktisch ändert sich in Sachen US-Mittelstreckenraketen in Europa erstmal … nichts. Die Tomahawks sollten erst im Laufe des Jahres in Mainz stationiert werden. Sie sollten aber ein Ungleichgewicht beheben. Putins Armee hat in der russischen Exklave Kaliningrad – zwischen Polen und Litauen gelegen – unter anderem Iskander-Raketen stationiert. 500 Kilometer weit können diese fliegen, in Schlagdistanz liegen damit Warschau, Berlin oder Kopenhagen.

Die NATO-Staaten hingegen können Moskau mit von europäischem Boden aus abgefeuerten Raketen nicht bedrohen. Im Ukraine-Krieg heiß debattierte Systeme wie Deutschlands Taurus, Frankreichs SCALP oder Großbritanniens Storm Shadow haben Reichweiten von maximal rund 500 Kilometern. Und sie werden aus der Luft abgefeuert, statt von Land oder von Schiffen wie Tomahawks. Nur weitreichende Waffen wie etwa die Tomahawk könnten Russland schon bei einem hypothetischen „Aufmarsch“ stören, wie Sicherheitsexperte Christian Mölling dem ZDF sagte.

So wäre es gewesen: Die Grafik der dpa illustriert die Reichweite der Tomahawk-Marschflugkörper – sie wären letztlich wohl in Mainz stationiert worden.

Im Prinzip gibt es zwei Folgeeffekte: Einer ist geringere Handlungsfähigkeit im hypothetischen Falle eines russischen Angriffs auf NATO-Territorium. Der andere ist verminderte Abschreckung gegenüber Putin. Weil ein Gegenschlag schwieriger wäre. Und weil Trumps Ankündigung weitere Zweifel am Beistand der USA für ihre Partner in Europa weckt. Am US-Nuklearschirm gibt es die ohnehin schon.

Militärexpertinnen und -experten sprechen stets von einem Dreiklang aus „Intentionen, Fähigkeiten und Gelegenheiten“. Die Frage für Europas Sicherheit lautet in diesem Licht, ob Putin seine NATO-Nachbarn angreifen will, ob er es kann – und ob er einen passenden Zeitpunkt sieht. Auf Wollen und Können dürfte die Entwicklung wenig Einfluss haben. Potenziell aber könnte Trumps Rückzieher aus Putins Sicht ein Möglichkeitsfenster öffnen. Wenn nicht zu einem Bodenangriff (für den wegen des Ukraine-Kriegs weiter die Ressourcen fehlen dürften), dann etwa zu weiteren Eskalationsschritten über hybride Attacken hinaus. „Vieles von dem, was jetzt schuldenfinanziert gekauft wird, zielt auf die Jahre ab 2029 und darüber hinaus“, warnte Masala zuletzt in der Welt am Sonntag.

Putins Russland (fast) außer Reichweite – was sind die „Tomahawk“-Alternativen? Eine schnelle Lösung für das Tomahawk-Problem scheint nicht in Reichweite. Trotz einiger Bemühungen. Verteidigungsexperte Max Becker nannte zuletzt im Gespräch mit unserer Redaktion auch „die Fähigkeit zu Deep Precision Strikes“ als eine der Sicherheitslücken Europas bei einem Rückzug der USA.

Die Bundesregierung hat einen „Taurus Neo“ mit höherer Reichweite in Auftrag gegeben, die Serienproduktion der Konzerne MBDA und Saab soll aber wohl erst ab 2029 starten. Noch größer angelegt ist das Projekt ELSA: Seit 2024 planen Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Vereinigtes Königreich an gemeinsamen Langstreckenraketen. Doch wie auch beim Kampfjet FCAS ist das Projekt wohl intern zu umkämpft. „ELSA hat zahlreiche Projektsäulen und die wenigsten davon können auch nur irgendeinen Fortschritt präsentieren“, hörte die Wirtschaftswoche zuletzt aus der Industrie. Einen ersten Test gebe es wohl erst in den 2030er-Jahren – wenn überhaupt.

In ihrer Not schauten Deutschland und Europa in den USA nach Alternativen. Etwa mit dem Kauf eigener Tomahawk oder der Abschussvorrichtung Typhon. Doch eine Voranfrage nach letzterer ist wohl seit Sommer 2025 versandet. Und dass die USA Tomahawk verkaufen, scheint unwahrscheinlich. Es wird wohl ein paar Jahre dauern, bis die Lager dort wieder gefüllt sind. Realistischer wirkt da schon ein zunächst überraschend anmutender Gedanke: Die Ukraine baut an einer Mittelstreckenrakete namens „FP-5 Flamingo“. Sie überwand Berichten zufolge schon erfolgreich 1.000 Kilometer. Mit vereinten Kräften könnte sie theoretisch Lücken stopfen. Ebenso wie Kooperationen bei weitreichenden Drohnen, die Berlin und Kiew schon ins Auge fassen.

Auf längere Sicht könnte all das ein hilfreicher Weckruf sein. Wenn auch nur der letzte in einer langen Reihe von Alarmsignalen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte erklärte am Montag in Armenien, die Europäer hätten die Botschaft von US-Präsident Donald Trump „laut und deutlich gehört“. So lässt sich die Umplanung aus Washington natürlich auch deuten. Aber die Zeit läuft. Und Masala etwa warnt: Für Putin wäre es naheliegend, „militärisch dann zuzuschlagen, wenn die NATO-Staaten es eben nicht erwarten“ – also vor 2029. Aktuell wird Russland das auf dem Boden nicht können. Aber die Realität zeigt: Es dauert sehr, sehr lange, die USA zu ersetzen. (Quellen: Military Times, AFP, Wirtschaftswoche, dpa, Welt am Sonntag, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © Thomas Ernst/NDR/Evan Vucci/AP/U.S. Central Command Public Affairs/picture alliance/dpa/

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare