Dortmunder Paradoxon
BVB lässt Millionen im Stadion liegen: Ausgerechnet wegen der „Gelben Wand“
Der BVB lässt jedes Jahr Millionen von Euro im Stadion liegen. Ein Grund dafür ist ausgerechnet die weltberühmte „Gelbe Wand“.
Dortmund – Der Signal Iduna Park, den nahezu alle Fans von Borussia Dortmund weiter als Westfalenstadion bezeichnen, fasst 81.365 Zuschauer, mehr als jedes andere Stadion in Deutschland. Die berühmte „Gelbe Wand“ mit ihren 25.000 stehenden Fans gilt weltweit als Symbol für Fußballkultur. Doch trotz dieser imposanten Zahlen erwirtschaftet der BVB pro Heimspiel „nur“ 2,2 Millionen Euro.
Diese Summe ist deutlich geringer als bei vielen Konkurrenten, und dabei muss der Blick nicht einmal auf die absolute Elite um den FC Bayern und andere internationale Top-Klubs gehen. Der VfB Stuttgart zum Beispiel nimmt mit seinem 21.000 Plätze kleineren Stadion 2,6 Millionen Euro pro ausverkauftem Heimspiel ein.
BVB-Paradox: Größtes Stadion, geringere Einnahmen
Den Unterschied machen die Plätze für gutbetuchte Fußballfans, Sponsoren und Co.: Mit VIP-Logen und Business-Seats verdienen die Klubs das beste Geld am Spieltag. Der im Laufe des Jahres ausscheidende BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bezifferte die jährlichen Mindereinnahmen in der Vergangenheit schon einmal auf 3,5 Millionen Euro. Die riesige Südtribüne sei „unwirtschaftlich“, sagte er gar.
Während der FC Bayern München über 106 VIP-Logen mit 1.371 Plätzen verfügt und der VfB Stuttgart trotz kleinerer Gesamtkapazität 66 Logen mit 956 Plätzen anbietet, beschränkt sich der BVB auf lediglich 18 VIP-Logen mit 163 Plätzen. Eine Modellrechnung zeigt das theoretische Potenzial: Würde Dortmund auf Stuttgarter Niveau aufstocken, entstünden zusätzliche Einnahmen von rund 7,2 Millionen Euro pro Saison.
Die landläufige Meinung, die auch der Klub selbst gerne propagiert, dass der BVB seine Fans durch günstige Tickets subventioniere, erweist sich bei genauerer Betrachtung als nicht zwingend korrekt. Mit 260 Euro hat Dortmund auch in dieser Saison die teuerste Stehplatz-Dauerkarte der Bundesliga. Auch die seltener verfügbaren Tageskarten für 18,50 Euro gehören zu den teuersten der Liga.
Der Verein subventioniert wenn überhaupt also nicht den einzelnen Fan, sondern das Kollektiv. Die Gelbe Wand ist so etwas wie der Unique Selling Point des Stadionerlebnisses beim BVB. Zwar werden durch den Verzicht auf mehr teure VIP-Logen und Businessplätze weniger direkte Einnahmen generiert, dafür hat die Südtribüne aber einen unschätzbaren Markenwert für den BVB.
Die Vermarktung der authentischen Fankultur kompensiert die entgangenen Hospitality-Einnahmen wahrscheinlich doppelt und dreifach. BVB-Sponsoren kaufen nicht nur Werbeflächen, sondern auch die Assoziation mit Authentizität und der besonderen Stadionatmosphäre in Dortmund. Sie ist auch ein Faktor, wenn es um die wichtigsten Personen in einem Fußballklub geht: die Spieler.
„Wir zeigen den Jungs, was es bedeutet, für Borussia Dortmund zu spielen. Das Stadion ist ja immer schon da, wenn du rausgehst zum Warmmachen – da bist du verpflichtet, alles zu geben“, erzählte Ex-Trainer Edin Terzić einmal. Die Gelbe Wand wird so auch zu einem indirekten Wirtschaftsfaktor, wenn sich Spieler auch wegen der Atmosphäre für den Klub entscheiden.
Das Westfalenstadion feierte 2024 seinen 50. Geburtstag, wurde seit Erbauung zur WM 1974 mehrfach ausgebaut. Um die Hospitality-Kapazitäten grundlegend zu erhöhen, müsste man das wichtigste Wahrzeichen der Stadt massiv umbauen, vielleicht sogar abreißen und neu konzipieren. Das kommt selbstverständlich zu keiner Sekunde infrage.
Dass der BVB trotz seines riesigen Stadions geringere Einnahmen erzielt als viele Konkurrenten, ist also buchstäblich in Stein gemeißelt. Selbst wenn künftige Geschäftsführungen andere Prioritäten setzen wollten – die Architektur des Stadions macht den Dortmunder Weg unumkehrbar. „Der BVB ohne Südtribüne ist wie Fußball ohne Ball“, brachte Watzke es einmal auf den Punkt.
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