Der neue FCB-Chef-Mahner

Oliver Kahn warnt FC Bayern vor PSG-Rückspiel eindringlich

Das spektakuläre 4:5 des FC Bayern im CL-Halbfinal-Hinspiel bei PSG ruft auch die Kritiker auf den Plan. Ex-CEO Kahn gehört zu ihnen, obwohl ihn die Münchner Offensive beeindruckt.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Oliver Kahn, schwingt sich in seiner neuen Funktion als TV-Experte immer mehr zum „Chef-Mahner“ seines Ex-Vereins auf: Vor dem Viertelfinal-Hinspiel der Königsklasse bei Real Madrid warnte er ausdrücklich vor der Wucht des Bernabéu-Stadions. Bei Jamal Musiala war er skeptisch, ob eine WM-Teilnahme sinnvoll sei, bei Thomas Müller zweifelt er an dessen Fähigkeiten, in einer leitenden Funktion in den Verein zurückzukehren. Vor dem mit Spannung erwarteten Rückspiel gegen Paris Saint-Germain ist er wieder in seinem Element.

Oliver Kahn: Sky-Experte und FCB-Mahner.

Der 56-Jährige zeigt sich zwar beeindruckt von der Offensiv-Power des Rekordmeisters unter Vincent Kompany, warnt jedoch eindringlich vor den Risiken dieses Spielstils. Dabei gerät der CL-Sieger von 2001 angesichts der Angriffsleistungen von Harry Kane, Michael Olise, Luis Díaz & Co. sogar ins Schwärmen: „Es ist fast schon ein Berauschen an der Offensive. Sie haben wahrscheinlich die beste Offensive im Moment, mit den Dreien da vorn. Sie haben immer die Überzeugung, zu jedem Zeitpunkt ein Tor machen zu können“, so der ehemalige Weltklassetorhüter im Gespräch mit Sky.

Mentale Stärke als potenzielle Gefahr?

Speziell die jüngsten Partien bestätigen seine Einschätzung: Allein im April wurde ein 0:2-Rückstand in Freiburg spät in ein 3:2 gedreht, Real Madrid in der Schlussphase mit 4:3 geschlagen, beim Festzurren der Meisterschaft wurde ein 0:1 gegen den VfB Stuttgart innerhalb weniger Minuten in ein 3:1 verwandelt (Endstand 4:2). Noch spektakulärer waren gar die letzten beiden Spiele: 4:3-Comeback in Mainz nach 0:3-Halbzeit-Rückstand und nun der verrückte Schlagabtausch in Paris – die Bayern wirken offensiv jederzeit in der Lage, Spiele zu drehen.

Aber genau diese mentale Stärke birgt laut Kahn eine große Gefahr: „Diese Überzeugung darf nicht dazu führen, dass man irgendwann die Balance verliert“, warnt der frühere FCB-Kapitän seine Nachfolger deutlich. In den vergangenen Wochen konnte man diese Tendenz feststellen: „Dass man das Gefühl der totalen Übermacht hatte.“ Deswegen seine Mahnung an Kompany & Co.: „Die Frage ist, ob du so den ganz großen Titel gewinnst. Da geht es nicht darum, immer ein Tor mehr als der Gegner zu schießen, denn irgendwann wird das nicht mehr gelingen.“

Bayern-Duo überragt bei verrücktem Torspektakel gegen PSG und holt sich Note 1

Manuel Neuer: Wurde lange nicht gefordert und lenkte dann einen strammen Schuss von Leverkusens Tella stark am Tor vorbei (52.). War da, wenn man ihn brauchte. Note: 2
Josip Stanisic: Hinterlief immer wieder Olise und schaffte so zusätzliche Anspielstationen. Blieb defensiv konzentriert. Note: 3
Dayot Upamecano: Ließ zu Beginn die Chance aufs 1:0 liegen, verteidigte dafür fehlerfrei und gewann mit seinen aggressiven Tacklings zahlreiche Bälle. Note: 2
Jonathan Tah: Entschied die wichtigen Duelle für sich und hielt Leverkusens Stürmer souverän in Schach. Note: 3
Bayern-Duo überragt bei verrücktem Torspektakel gegen PSG und holt sich Note 1

Kahns Rezept für den Triumph in der Königsklasse: „Bei einem ganz großen Titelgewinn geht es zum Schluss um Dominanz – ja. Aber ich will mein Spiel in einer gewissen Balance wissen und auch immer das Gefühl der Kontrolle haben.“

Zur Einordnung von Kahns „Erfolgsrezept“: Es stellt sich dabei aber auch die Frage, ob es bei Duellen zwischen Weltklasseteams wie im Viertelfinale gegen Madrid, oder nun gegen Paris, überhaupt möglich ist, dieses Gefühl der Kontrolle zu erlangen. Die jeweiligen Stärken des Gegners werden auf beiden Seiten immer wieder Zweifel aufkommen lassen. Zudem ist es fragwürdig, ob ein Ändern des bislang in 50 Saisonspielen so höchst erfolgreichen Spielstils ausgerechnet vor der bislang wichtigsten Partie der Spielzeit sinnvoll ist. Es könnte – auch im Sinne der Fußballfans weltweit – im Rückspiel in der Allianz Arena auch darauf hinauslaufen, dass sich die stärkere Offensiv-Power durchsetzt. Chaos anstelle von Kontrolle!

Rubriklistenbild: © IMAGO/Laci Perenyi

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