Teil 3 der Merkur-Serie
Die „Manufaktur“ und die Sache mit „Pfeil“ und „Bogen“: Wo Deutschlands künftige Wehrhaftigkeit wackelt
Das Falsche, zu wenig, zu teuer? Die Bundeswehr hat nun Geld – steht aber in der Zeitenwende vor Problemen. Experten erläutern die Lage. Eine Analyse.
Auf dem Papier läuft die „Zeitenwende“ – und zwar massiv: Über 500 Milliarden Euro könnten nach Stand der Dinge von 2025 bis 2029 in den deutschen Verteidigungsetat fließen. Experten sehen zwar gute Ansätze. Aber sie warnen auch: Für das viele Geld könnte es zu wenig Gegenleistung geben; es könnte das Falsche bestellt werden, das Benötigte im Ernstfall zu langsam ankommen.
Zeit für eine Bestandsaufnahme. Wie steht es um Deutschlands Versuch, sich gegen Wladimir Putins Imperium und Donald Trumps Wankelmut zu wappnen? Der Münchner Merkur von Ippen.Media hat Stimmen gesammelt. Die erste Frage: Fließt das Geld in die richtigen Projekte?
Zeitenwende bei der Bundeswehr: Der richtige Einkaufszettel
Teile der Bundeswehr-Einkaufsliste sind bekannt. Zuletzt hat der Bundestag 540 Millionen Euro für sogenannte Loitering Munition freigegeben, für Kamikazedrohnen. Aber auch konventionelle Munition, Kampfjets, neue Fregatten der Klasse F127, Panzer oder eine Modernisierung des Luftverteidigungssystems Patriot stehen auf dem Zettel. Roderich Kiesewetter, Außenpolitiker der CDU und Bundeswehr-Oberst a.D., sieht aber Justierungsbedarf, wie er sagt.
„Wir investieren bislang kaum in moderne Drohnenabwehr. Wir investieren auch nicht in weitreichende Systeme, sondern in aufwändige Luftverteidigung“, rügte Kiesewetter beim Treffen mit unserer Redaktion in Berlin. Die mögliche Folge einer solchen Weichenstellung zeige sich aktuell bei der Unterstützung der Ukraine. „Wir schießen für teures Geld die ‚Pfeile‘ aus dem Himmel, statt die ‚Bogenschützen‘ auf russischem Boden zu bekämpfen. Das ist der große Fehler.“ Auch was „aufwändige Luftverteidigung“ statt moderner Drohnenabwehr in der Praxis heißt, ist bekannt: 2025 hat Russland die NATO mit billigsten Drohnen gezwungen, enorm kostspielige Abwehrsysteme einzusetzen. Ein teures Ungleichgewicht.
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Der Sicherheits- und Rüstungsexperte Max Becker macht indes Fortschritte bei der Analyse der Lage aus: „Meinem Eindruck nach haben die wichtigen Akteure aus Bundeswehr und Politik mit Blick auf das Schlachtfeld in der Ukraine verstanden, dass der moderne Krieg nicht mehr ausschließlich mit Kampfpanzern, Artilleriefahrzeugen und Flugzeugen bestritten wird.“ Bewältigt seien die Herausforderungen damit aber noch nicht. Es sei „relativ klar, dass wir mit Blick auf moderne Systeme zu wenige Fähigkeiten haben“, sagt der Policy Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Gefragt sei im Jahr 2026 beides, betont er: „klassische“ Systeme und neue. An beiden Baustellen arbeitet die Bundeswehr.
Kriegswirtschaft in Russland – „Manufaktur“ in Deutschland: Ein Problem im Ernstfall
Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) schlug dabei zuletzt Alarm. „Europa ist bislang daran gescheitert, die Ausgaben in Output umzusetzen“, warnte Instituts-Chef Moritz Schularick vor Journalisten, darunter der Münchner Merkur von Ippen.Media, bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Bis zu 830 Milliarden Euro Rüstungsausgaben seien in Europa im Blick, sagte der Autor einer IfW-Kiel-Studie zum Thema, Rodrigo Carril: „Ich denke nicht, dass wir darauf vorbereitet sind.“ Hohe Kosten, Verzögerungen und Mangel bei wichtigen Fähigkeiten drohten.
Kiesewetter erklärt einen Teil des Problems so: „Russland hat im Angriffskrieg gegen die Ukraine auf Kriegswirtschaft umgestellt. Bei uns hingegen wird weiterhin vieles in Manufaktur hergestellt – was sehr kostspielig ist.“ Die Industrie erhalte zu wenige Aufträge, um in die Massenproduktion einzusteigen. Becker unterstreicht das. „Hierzu brauchen die Unternehmen Finanzierungszusagen und eine gewisse Grundlast, um eine Produktionsstraße einrichten und sie aufrechterhalten zu können.“
Wenn man davon ausgehe, dass Russland bis 2029 in der Lage sei, ein NATO-Land anzugreifen, dann müsse man aber in der Lage sein, Produktionskapazitäten schnell hochzufahren. Doch beispielsweise eine Großproduktion für Artilleriemunition einzurichten, das funktioniere nicht binnen Wochen, sagt Becker. Im besten Fall halte man sie bereits vor. Das gilt auch für anderes Gerät. Panzer in einem manufakturähnlichen Prozess zu bauen, dauere Monate bis Jahre – und der Vorgang sei schwerlich auf große Stückzahlen auszuweiten. Carril betonte: Produktionskapazitäten zu haben, „das wirkt auch als Abschreckung“.
Noch keine flächendeckende „Revolution“: „Dauert in Deutschland lange und ist eher ineffektiv“
Genau diese Option sei bei neuen Systemen wie Drohnen nochmal wichtiger, warnt Becker. Aus dem Ukraine-Krieg wisse man: Heute bestellte Ware kann binnen weniger Wochen veraltet sein. Das bestätigten unserer Redaktion schon vor einiger Zeit Unterstützer der Ukraine. „Drohnentechnik entwickelt sich praktisch jede einzelne Woche weiter“, betonte der schwedisch-litauische Chef der Hilfs-NGO „blue yellow“, Jonas Öhman. „Es ist unmöglich, die ultimative, finale Drohne zu ersinnen.“
Zumindest in diesem Feld gehe die Bundeswehr im Einzelfall neue Wege, so Becker. Etwa bei der erwähnten Kamikazedrohnen-Bestellung bei den Unternehmen Helsing und Stark. Zwei Unternehmen zu beauftragen senke das Ausfallrisiko und gebe Kommandeuren im Einzelfall mehr Optionen an die Hand. „Komplett neu“ sei, dass schon im Beschaffungsprozess getestet, ausgebildet und geupdatet werde, sagt der Experte. Auch das Vorhaben, über „Abbruchmeilensteine“ einen Stopp für den Fall nicht anforderungsgerechter Ware zu vereinbaren, sei vergleichsweise innovativ.
„Wie wehrhaft ist Deutschland?“
Teil 1: „Sicherheit zählt zu den Kernaufgaben des Staates – aber Versäumnisse reichen weit zurück“
Teil 5: „Keine Einzelfälle“ – Soldaten erzählen: Was bei der Bundeswehr trotz Zeitenwende noch schiefläuft
Um eine „Revolution des ganzen Beschaffungsprozesses“ handle es sich bislang aber nicht: „Der Beschaffungsprozess insgesamt dauert in Deutschland bekanntermaßen lange und ist eher ineffektiv.“ Anders sieht die Gegenwart in der Ukraine aus. Dort bestellen Militäreinheiten selbst ihr Gerät – in engem Austausch etwa mit Drohnen-Herstellern. Und Industrievertreter wundern sich über die Zertifizierungslust der Europäer. (Quellen: Roderich Kiesewetter, Max Becker, Bundesverteidigungsministerium, Pressekonferenz IfW Kiel, Jonas Öhman, eigene Recherchen)
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