Münchner-Merkur-Serie

„Keine Einzelfälle“ – Insider erzählen: Was bei der Bundeswehr trotz Zeitenwende noch schiefläuft

Das Sondervermögen hat Spuren hinterlassen: Die Ausrüstung der Soldaten ist deutlich moderner geworden. Doch strukturelle Hürden bremsen die Bundeswehr noch aus. Eine Analyse.

„Wie wehrhaft ist Deutschland?“, fragt der Münchner Merkur von Ippen.Media in dieser Serie. Im fünften Teil beleuchten Insider das Innenleben der Bundeswehr.

Die Zeitenwende, ein gigantisches Sondervermögen und ein Satz wie ein Mantra: Deutschland muss wehrhafter werden. Vor wenigen Jahren noch machten Berichte über massive Mängel bei der Bundeswehr Schlagzeilen – fehlerhafte Schützenpanzer, mangelhafte Soldatenkleidung. Wie steht es heute um die Bundeswehr? Haben die Bekenntnisse der letzten Zeit was gebracht?

Kerry Hoppe ist Leutnant der Reserve.

Eine, die es wissen muss, ist Kerry Hoppe. Die Juristin ist Mitte 20, vor gut sieben Jahren ist sie freiwillig zum Bund gegangen. Heute ist sie aktive Reserveoffizierin der Luftwaffe, tritt regelmäßig in großen Talkshows als prominente, junge Stimme beim Thema Verteidigung auf. Im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media stellt sie den Bemühungen der Bundesregierung ein mittelgutes Zeugnis aus: Viel Licht, vor allem bei einem Thema aber auch noch viel Schatten.

Zustand der Bundeswehr: Der Alltag ist besser – aber es bleiben strukturelle Probleme

„Im soldatischen Alltag haben viele gespürt, dass mit dem Sondervermögen die Ausrüstung wirklich besser geworden ist“, sagt Hoppe. Das sehe man unmittelbar an der persönlichen Ausrüstung. „Ein Beispiel: Früher haben wir mit der alten Lochkoppel gearbeitet“, erzählt sie. Das Tragegestell dient dem Transport von Magazinen und anderen Ausrüstungsteilen, über Jahrzehnte waren die Koppeln bei der Bundeswehr im Einsatz. „Als Rekruten mussten wir die tatsächlich selbst zusammennähen“, so Hoppe. „Sehr stabil ist die Lochkoppel nicht, ich fand sie extrem unangenehm beim Tragen, ergonomisch war das nicht gut. Jetzt haben wir das moderne MOBAST-System.“

Die Modulare Ballistische Schutz- und Trageausstattung ist inzwischen Standard, sie besteht aus einer Schutzweste mit Trageausstattung und austauschbaren Schutzplatten. „Es sind vermeintliche Kleinigkeiten, die den soldatischen Alltag deutlich besser und effizienter machen“, sagt Hoppe, die Leutnant bei der Reserve ist. Aber: „Viele strukturelle Themen haben sich noch nicht verbessert.“ Auch dafür hat die Offizierin ein Beispiel: „Immer noch sind rund 50 Prozent der Soldaten nicht in der unmittelbaren Auftragserfüllung eingesetzt, sondern tun ihren Dienst in Behörden, Ämtern und Stäben. Dort werden ebenfalls sehr wichtige Aufgaben erfüllt, aber die Soldaten sind mit einem Übermaß an Regulatorik belastet.“

„Wie wehrhaft ist Deutschland?“

Teil 1: „Sicherheit zählt zu den Kernaufgaben des Staates – aber Versäumnisse reichen weit zurück“

Teil 2: „Die Leute sind nicht naiv“: Putin und Trump zeigen Wirkung – so blickt Deutschland auf seine Verteidigung

Teil 3: Die „Manufaktur“ und die Sache mit „Pfeil“ und „Bogen“: Wo Deutschlands künftige Wehrhaftigkeit wackelt

Teil 4: Putin droht – und Europas „Nerven und Skelett“ könnten schwinden: Experten sehen bedenkliche Leerstellen

Sie wisse von mehreren Einheiten, unter anderem Gebirgsjägern in Oberbayern, die Teile ihrer Truppenübungsplätze nicht nutzen könnten. Grund: Lärmschutzauflagen wegen der Nachbarschaft oder Umweltschutzauflagen. „Das sind keine Einzelfälle, das gibt es überall in Deutschland.“

Ein ähnliches Bild zeichnet Gert Nultsch. Der Generalleutnant war von 2022 bis 2025 Abteilungsleiter Planung im Bundesministerium der Verteidigung. „Wir haben im Bereich persönliche Ausstattung erhebliche Fortschritte gemacht“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Auch im Bereich Schutz hat sich sehr viel verändert. Das neue Kampfschuhsystem, die Rücksäcke, der neue Helm, Night-Vision-Goggles. All das verändert ein Bild von der Bundeswehr, das wir häufig gar nicht wahrnehmen, weil es selbstverständlich geworden ist.“

Generalleutnant Gert Nultsch.

Auch im Bereich Entwicklung tue sich einiges, sagt Nultsch. „Einen ersten wirklich wichtigen Schritt haben wir mit der Indienststellung des Innovationszentrums der Bundeswehr geschafft.“ Anfang Februar hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius das Zentrum im bayerischen Erding eröffnet. Eine Aufgabe: Unternehmen, Wissenschaft und Start-ups mit der Bundeswehr zusammenbringen. Nultsch nennt es einen „wesentlichen Kristallisationspunkt für ein Ökosystem, in dem sich Entwickler, Universitäten und Industrie treffen und austauschen können.“

Aber auch er weiß von bisweilen strengen Regularien, die auf manche hinderlich wirken können. „Wir haben sogar einen Platz, der durch eine Landesgrenze getrennt wird, und deshalb, wegen unterschiedlicher Emissionsgesetze, unterschiedliche Schießzeiten existierten.“ In der Praxis heiße das: „Flexibel sein, seine Vorhaben anpassen oder andere Plätze für dezidierte Vorhaben reservieren“, so Nultsch. „Früher wurde das in Verteilerkonferenzen ausgestaltet, allerdings war der Vorlauf für die Planung zwei Jahre.“ Mit einer „intelligenten Binnenorganisation“ könne man trotzdem gut arbeiten, sagt der erfahrene Offizier. Aber: „Das ist für Reservisten sicherlich schwieriger.“

Truppenübungsplatz bleibt ungenutzt – wegen Lärmschutz

Kerry Hoppe findet: „Es ist schon absurd, dass wir permanent rhetorisch proklamieren, Verteidigungsfähigkeit habe Priorität. Aber im soldatischen Alltag werden Lärmschutz und Umweltschutz zum Teil immer noch vorrangig behandelt.“ Sie verstehe, dass es widerstreitende Interessen gebe. „Aber entweder priorisiert man Verteidigungsfähigkeit oder eben nicht. Da braucht es eine klare Entscheidung“, so die Reservistin.

„Anderes Beispiel: Die EU-Arbeitszeitrichtlinie gilt auch für Soldaten“, weiß Hoppe. Sie sei nicht dafür, den Arbeitsschutz für Soldaten erheblich einzuschränken. Aber: „Wenn ich fünf Tage 24/7 auf Übung bin, dann gehört das dazu. Und dann ist es nicht praktikabel, wenn ich danach – überzeichnet gesprochen – vier Wochen Ausgleichsurlaubsanspruch habe.“ Ein Lösungsansatz: Sogenannte Sunset-Klauseln bei Regeln, schlägt Hoppe vor. Heißt: Vorschriften haben eine begrenzte Laufzeit und werden nur dann verlängert, wenn sie sich als sinnvoll erweisen.

Immerhin: In der Truppe seien „der Spirit und der Zusammenhalt“ unglaublich gut, erzählt sie. „Was einem klar sein muss als Frau: Es werden Erwartungen an dich als Soldat gestellt. Die musst du erfüllen. Und bloß, weil du jetzt kleiner bist oder weniger Kraft hast, entbindet dich das nicht von der Pflicht, deinen Rucksack genauso zu tragen, genauso Leistung zu bringen, wie deine männlichen Kameraden.“ Ihr Appell an die Bundesregierung: „Es wäre wichtig, den Soldaten mehr Gehör zu schenken. Zu fragen: Welche Belastungen erleben sie? Was schränkt sie zeitlich ein? Was hält sie davon ab, ihren Auftrag bestmöglich ausführen zu können?“ Noch gebe es ein Top-Down-Denken. „Aber man sollte beim normalen Soldaten, beim Mannschafter, beim Unteroffizier, beim Feldwebel anfangen.“

Rubriklistenbild: © Peter Sieben/Ippen.Media, Jens Kalaene/dpa (Fotomontage)

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