Münchner-Merkur-Gespräch

Trotz Ukraine-Krieg: „Russland rüstet hier seine Flotte auf“ – Minister aus dem hohen Norden warnt

Norwegen und Deutschland wollen stärker kooperieren. Nicht ohne Grund, wie Verteidigungsminister Tore Sandvik unserer Redaktion erklärt.

Tore Sandvik ist seit einem Jahr Norwegens Verteidigungsminister. Und er weiß mittlerweile offenbar recht gut, wie man die Weltsicht der Mitteleuropäer auf den Kopf stellt. Beim Interview mit Münchner Merkur von Ippen.Media am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz zieht Norwegens Verteidigungsminister irgendwann die Arktis aus der Tasche: Eine Landkarte im Kreditkartenformat. Sie zeigt eine Projektion Norwegens und der umliegenden Regionen – von Norden aus betrachtet. Es ist tatsächlich ein Perspektivenwechsel.

Norwegens Verteidigungsminister Tore Sandvik im Gespräch mit Ippen.Media-Autor Florian Naumann.

Sandviks Finger wandert bei seinen Erläuterungen recht bald nach links, auf russisches Territorium. „Das hier ist die Kola-Halbinsel”, sagt er. „Hier liegt das größte Atomwaffen-Arsenal der Welt.” Auf der Halbinsel rüste Russland trotz seiner Verluste im Ukraine-Krieg auch seine Flotte auf. Für Sandvik zeigt beides eine ernstzunehmende Bedrohung. Und zwar – das ist im aktuellen Zustand der Beziehungen zu Donald Trumps USA potenziell wichtig – nicht nur für Europa, sondern auch für die USA.

„Die Arktis wird heißer“: Norwegens Verteidigungsminister warnt vor neuen U-Booten Putins

Der Minister aus den Reihen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei warnt: Die Arktis werde „heißer“, auch im übertragenen Sinne. Tatsächlich schmilzt dort als Folge des Klimawandels Eis – neue, kürzere Schifffahrtswege werden zugänglich, potenziell aber auch Rohstoffe, etwa auf Grönland. Das weckt Begehrlichkeiten. China nennt sich mittlerweile „arktisnaher“ Staat, Trumps Griff nach Grönland ist bekannt. Russland ist in der Region ebenfalls präsent. Zumal der kürzeste Raketenweg Richtung USA über den hohen Norden der Erde führt. Und der NATO-Partner Türkei Russlands Flotte im Schwarzen Meer leicht blockieren kann.

„Obwohl Putin massive Verluste erleidet, jeden Tag tausende Soldaten in der Ukraine verliert und keine Landtruppen mehr hier oben hat”, sagt Sandvik, „sehen wir, dass sie ihre Flotte erneuern. Neue Fregatten, neue U-Boote. Sowohl strategische U-Boote, die Interkontinentalraketen tragen können, als auch Angriffs-U-Boote mit Marschflugkörpern und Atomsprengköpfen sowie Multifunktions-U-Boote.“

Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken

Nato-Übung „Arctic Defender 2024“
US-Armee Nato
Militär Türkei
Polnische Armee
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Norwegen diene als „Augen und Ohren“ der NATO und auch der USA in der Gegend. Die Kola-Halbinsel beobachte man „24/7”, inklusive dort stattfindender Waffentests. Unter Wasser sei die Observation schwieriger – aber man könne „lauschen“ und U-Boote verfolgen. Oslo wisse unter anderem, dass Russland systematisch kritische Unterwasser-Infrastruktur kartografiere. Das sei gerade aus deutscher Sicht bedenklich, mit Blick auf Gas- und Öl-Pipelines, warnt Sandvik. Auch wichtige Datenkabel seien potenziell betroffen. Sorge bereitet dem Verteidigungsminister auch, dass Russland potenziell die „GIUK-Lücke“ zwischen Grönland, Island und dem Norden Großbritanniens blockieren könnte. Jedenfalls wenn die U-Boote aus dem Blick verliere.

Ein Teil der Botschaft dürfte sich an die USA richten: Der europäische NATO-Partner Norwegen sei wichtig für die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Die meisten Atomsprengköpfe seien nicht auf Norwegen gerichtet, sondern auf Los Angeles, Chicago oder New York, sagt Sandvik. Zugleich wollen die Norweger angesichts der Signale aus Washington die Lage zusammen mit Großbritannien und Deutschland stärker in die eigenen Hände nehmen, wie der Minister betont.

Neues Papier für die NATO: Norwegen, Deutschland und UK sehen Europa bei U-Booten in der Pflicht

Das Trio habe der NATO gerade erst ein Papier vorgelegt. Der Vorschlag: Bei der Lasten-Neuaufteilung im Bündnis könnte die „U-Jagd“, das Vorgehen gegen U-Boote, stärker auf Europa übergehen. „Die Amerikaner werden stärker im Pazifik beschäftigt sein – und der Pazifische Ozean ist riesig.“ Um rund um die Uhr auf der Hut sein zu können, müsse man enger mit den europäischen Partnern zusammenrücken. 

Bei der Münchner Sicherheitskonferenz haben Sandvik und sein deutscher Amtskollege Boris Pistorius ein neues Abkommen mit dem Namen „Hansa” unterschrieben – ein Teil einer vereinbarten Verteidigungskooperation. Dabei geht es auch um Raumfahrt; Norwegens „Andøya Spaceport“ wird etwa vom Münchner Startup Isar Aerospace genutzt. Deutschland und Norwegen kooperieren aber auch beim Panzer- und U-Boot-Bau. Man müsse „smart” herstellen – und zwar miteinander kompatible Systeme, betont Sandvik. Eine Forderung, die auch Experten bei der Siko vorbrachten.

In Gesprächen sind Norwegen und Deutschland auch über einen weiteren Schritt: Die Bundeswehr könnte militärische Ausrüstung in dem Land lagern, „für die erste Phase im Fall einer Krise oder eines Krieges“, wie Sandvik sagt. Derzeit täten das bereits die USA. Es gehe um Abschreckung, erklärt Sandvik auf Nachfrage. Für Washington sei der Schutz Norwegens indes „homeland defense”, meint er – schiebt aber nach: „Für uns ist es wichtig, zu zeigen, dass wir mehr Verantwortung für unsere Verteidigung übernehmen. Die USA haben das seit vielen Jahrzehnten gefordert.”

Im März soll in Norwegen eine NATO-Übung namens „Cold Response” mit Einheiten aus 14 Nationen stattfinden – zu Wasser, am Boden und in der Luft. Sandvik betont zugleich: „Wir eskalieren nicht. Für uns ist es aber sehr wichtig, Kontrolle zu haben und Teil dessen zu sein, was hier passiert.“ Denn: Die Arktis werde heißer. (Quellen: Interview mit Tore Sandvik, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © Alexei Nikolsky/picture alliance/dpa/POOL SPUTNIK KREMLIN/AP

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