Süle-Schock sorgt für Abwehr-Engpass
Selbst verschuldeter BVB-GAU: Dortmund droht jetzt „Verzweiflungssteuer“
Der Schock um Niklas Süle trifft den BVB ins Mark. Die Abwehr-Krise eskaliert und zwingt die Bosse zum Handeln, kommentiert Reporter Lars Pollmann.
Dortmund – Es sollte ein Fest werden. Mats Hummels‘ Abschiedsspiel im Rahmen der BVB-Saisoneröffnung gegen Juventus am Sonntag (1:2) hielt aber nur bis zu seiner emotionalen Auswechslung, was es versprach. Nicht etwa wegen der Niederlage in der Generalprobe. Was sich abspielte, war so etwas wie der Super-GAU in der Kaderplanung der Verantwortlichen.
Niklas Süle, in der 18. Minute für die Legende eingewechselt, ging kurz vor der Pause ohne Fremdeinwirkung zu Boden. Diagnose: Muskelverletzung, zwei Monate Ausfall. Mit diesem Moment kollabierte, was seit Monaten brüchig war. Nach Nico Schlotterbeck (Meniskusriss) und Emre Can (anhaltende Adduktorenprobleme) ist Süle der dritte ausgefallene Innenverteidiger.
BVB-Bosse müssen für Verzweiflung womöglich mehr bezahlen
Die Krise war absehbar, der BVB hat sich selbst in sie hinein manövriert. Schlotterbeck fällt seit April aus und wird wohl frühestens Ende September spielen können, Süles Verletzungsanfälligkeit ist schon seit Jahren dokumentiert. Und auch Cans inzwischen beinahe chronischen Probleme sind kein Geheimnis. Trotzdem geht der Verein bislang ohne weitere Verstärkung der Innenverteidigung in die Saison.
Trainer Niko Kovač stehen an gelernten Kräften nur noch Waldemar Anton und der 20-jährige Filippo Mane zur Verfügung. Der Italiener hat keine nennenswerte Profierfahrung und wird nun wohl kaum ins ganz kalte Wasser geschmissen. Den Fingerzeig gab Kovač schon am Sonntag, als er nicht Mane brachte, sondern Julian Ryerson nach innen zog und Yan Couto einwechselte.
Dass damit die Problemzone auch nur verschoben wird, liegt auf der Hand. Couto war in der Vorsaison die vielleicht größte Enttäuschung beim BVB. Und auch Ryerson fremdelte bei bisherigen Auftritten als Innenverteidiger häufiger, wenngleich er die Position unter anderem bei Union Berlin schon gespielt hat.
Nach aktuellem Stand werden also Anton, Ryerson und der seit Monaten aushelfende Ramy Bensebaini den Pflichtspielstart als Innenverteidiger bestreiten: Ein Abwehrchef wird flankiert von zweckentfremdeten Außenverteidigern. Für einen Verein wie Borussia Dortmund ist das geradezu ein Armutszeugnis.
Die zwingende Konsequenz ist indes ein Alptraum für jeden Transferverantwortlichen: Der BVB muss aus einer Position der öffentlichen Schwäche heraus verhandeln. Natürlich weiß auch der Markt von den Dortmunder Abwehrsorgen. So verschwindet jeder Verhandlungsspielraum. Abwehrspieler dürften für den BVB jetzt teurer werden.
Da rächt sich die zögerliche Haltung der Bosse, die längst für eine wärmere Personaldecke hätten sorgen können. Stattdessen müssen sie nun wohl eine „Verzweiflungssteuer“ zahlen. An gehandelten Kandidaten mangelt es nicht, aus bester Tradition ist mit Renato Veiga auch ein Profi dabei, der vom FC Chelsea nicht mehr gebraucht wird, an dem sich der BVB in der Vergangenheit schon die Zähne ausgebissen hat.
Egal ob der Portugiese kommt oder ein Talent wie Eivind Helland (SK Brann), Juan Gimenez (Rosario Central) oder Diego Aguado (Real Madrid): Jegliches weiteres Zögern des BVB wäre fahrlässig. Am Montag (18. August) wartet mit dem Lokalduell beim Drittligisten RW Essen ein denkbar schweres Erstrunden-Los im DFB-Pokal, am Samstag (23. August) geht es auf St. Pauli zum Bundesliga-Auftakt.
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