Staatsbesuch
So genial und subtil hat König Charles US-Präsident Trump bei seinem Staatsbesuch bloßgestellt
König Charles III. beschwört im US-Kongress die „besondere Beziehung“. Im Hintergrund wächst Londons Distanz zu Trumps Iran-Kurs.
„Als meine Mutter 1957 hierher kam, war es nicht die geringste ihrer Aufgaben, das ‚Besondere‘ in unserer Beziehung zurückzubringen – nach einer Krise im Nahen Osten“, rief König Charles III. in dieser Woche den Abgeordneten des US-Kongresses zu. Es war ein Satz, sorgsam gewählt, um das Zerwürfnis zwischen den USA und Großbritannien durch den Rückgriff auf die Vergangenheit in Perspektive zu setzen: Es ist nicht das erste Mal, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Unsere „besondere Beziehung“ hat das überlebt.
So subtil hat König Charles US-Präsident Trump bei seinem Staatsbesuch bloßgestellt
Der Monarch bezog sich mit dieser Aussage auf die Suez-Krise von 1956, während der Großbritannien, Frankreich und Israel den ägyptischen Suez-Kanal besetzten, der zu dieser Zeit von einer britischen Firma betrieben wurde (wie andere Kolonialmächte auch, bediente sich Großbritannien privater Unternehmen, um seine imperialen Interessen durchzusetzen). Damals waren es die USA unter Präsident Eisenhower, die London durch massiven finanziellen Druck zum schmerzhaften Rückzug zwangen. Suez markierte den Moment, in dem Großbritannien lernen musste, dass es ohne Zustimmung Washingtons keine Weltpolitik mehr machen kann. Heute jedoch hat sich das Blatt gewendet: Während London damals von Washington zur Raison gerufen wurde, ist es heute ein entfesseltes Weißes Haus unter Donald Trump, das die Welt in Brand zu stecken droht, während die Briten sich nicht in Trumps ziellosen und völkerrechtswidrigen Krieg hineinziehen lassen.
London ging nicht immer auf eine solche Distanz. Es ist kein Vierteljahrhundert her, da ließ sich der damalige britische Premierminister Tony Blair von US-Präsident George W. Bush in einen Krieg gegen den Irak hineinziehen, auch, um zu illustrieren, dass beiden Nationen eben jenes unzerreißbares Band verbinde, das Charles III. zu flicken in die Vereinigten Staaten gekommen war. Die beiden Nationen bildeten eine Allianz, die den Nahen Osten destabilisierte, hunderttausende Iraker das Leben kostete, und das Vertrauen in die moralische Integrität des Westens nachhaltig erschütterte. Der britische Premier Keir Starmer scheint entschlossen, diesen Fehler im Iran nicht zu wiederholen, während Trump ihn dazu drängen will.
Als selbstverständlich wird diese „besondere Beziehung“ in Großbritannien nicht mehr gesehen. Sir Christian Turner, der britische Botschafter in Washington, sagte in einer an die Medien gelangten Aufnahme eines Gesprächs: „Besondere Beziehung ist ein Ausdruck, den ich möglichst vermeide“, so Turner. Der Begriff sei „nostalgisch und rückwärtsgewandt“ und mit „vielen negativen Assoziationen“ behaftet. Für Turner ist das Land, zu dem die USA ein besonderes Verhältnis pflegen, nicht mehr Großbritannien. „Ich denke, es gibt wohl ein Land, das eine besondere Beziehung zu den Vereinigten Staaten hat, und das ist wahrscheinlich Israel“.
Und in der Tat gibt es nicht wenige Stimmen, die behaupten, Donald Trump sei auf Drängen des israelischen Premierministers Benjamin Nethanjahu in den Krieg gegen den Iran gezogen. Wie dem auch im Detail sei, Israel und die USA verfolgen jetzt, nach zwei Monaten Bombardements und Blockaden, sichtbar verschiedene Interessen und Strategien in der Region. Die USA haben sich am Persischen Golf in eine Sackgasse manövriert, Teheran diktiert die Bedingungen, unter denen der Krieg enden wird. Die Straße von Hormuz ist die Achillesferse der Weltwirtschaft. Steigende Preise an den Zapfsäulen, so das Kalkül der Mullahs, werden Trump früher oder später in die Knie zwingen.
Beim Staatsbankett mit dem britischen Monarchen behauptete Trump angesichts der desolaten Lage, in der ihm Unterstützer fehlen, dass Charles III. seinen Kurs teile. Damit legte er nahe, dass der Monarch eine andere Auffassung zum Krieg habe als die britische Regierung, was falsch ist. Dem Monarchen ist es laut Verfassung und Konvention nicht gestattet, seine Privatmeinung zu teilen. Entsprechend fiel die Reaktion von Buckingham Palace aus. Die Auffassung, wonach der Iran keine Atomwaffen besitzen dürfe, sei dem Monarchen „natürlich bewusst“. Das heißt: Der König hat nichts anderes gesagt als was die bestehende Haltung seiner Regierung ist.
Um Charles vor ungeheuerlichen Statements des US-Präsidenten zu schützen, wurden für das Treffen im Oval Office keine Reporter zugelassen. So wollte der Palast verhindern, dass der Monarch neben Trump sitzt, während dieser Verbalinjurien ausstößt oder andere Staatenlenker und religiöse Führer schmäht. Charles III. selbst hat während des Staatsbanketts gezeigt, dass er in der Lage ist, subtil und geistreich Spitzen auszuteilen, ohne dass der Angesprochene es direkt und sogleich merkt. So sprach der Monarch zum Beispiel über seine Zeit bei der Royal Navy, die Trump zuvor unflätig beschimpft hatte.
Einen bizarren Höhepunkt fand der Besuch, wieder einmal, in einem Posting des Weißen Hauses. Über einem Foto der beiden Staatsoberhäupter prangte die Bildunterschrift: „Zwei Könige“. Donald Trump sieht sich als ebenbürtiger König neben Charles III. — und offenbart dabei ein fundamentales Unverständnis für die Geschichte jener Republik, die er zu führen beansprucht. Die USA haben sich vor 250 Jahren blutig von der Monarchie losgesagt, um eben jene Konzentration von Macht in einer Person zu verhindern, nach der Trump so schamlos lechzt.
Die Amerikaner werden sich, so legen es Umfragen nahe, bei den Midterms im November der Anmaßungen eines „Königs Trump“ an der Wahlurne gewaltfrei entledigen. Charles III. wird dann immer noch König sein, ein Symbol der Kontinuität für den Staatenverbund, dem er vorsteht, während Donald Trump die Gelegenheit haben wird, vom Nektar der Demokratie zu kosten, in der man Macht nicht erbt oder usurpiert, sondern sie vom Volk nur auf Zeit geliehen bekommt.
Rubriklistenbild: © Henry Nicholls
